Inhalt
Optionen für diese Seite
Berichte
Aus dem Arbeitskreis
Seminar 2009
Von Thomas Stetter
Am 3. und 4. Juli 2009 trafen sich in Frankfurt 14 Mitglieder des Arbeitskreises Mobilität und Kontrast (AKM). Mit diesem Seminar wurde die Reihe Interessenvertretung Mobilitätsbelange sehbehinderter Menschen fortgesetzt. Schwerpunkt war in diesem Jahr die Barrierefreiheit im Krankenhaus, auf Flughäfen und in regionalen Projekten. Dr. W. Strunz von der Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe Münster, referierte über das Krankenhaus der Zukunft. Die Problematik ist sehr umfassend und schwierig zugleich. Das Krankenhaus der Zukunft muss sich der Selbsthilfe öffnen. Weil die Verweildauer der Patienten immer kürzer wird, muss zudem ein funktionierendes „Entlassmanagement“ geschaffen werden. Gleiches gilt für die notwendige Kommunikation unter- und miteinander, ohne die das Krankenhaus der Zukunft nicht funktioniert.
Anke Schwarze als erfahrene Juristin gab in ihrem Referat Hinweise zu möglichen Zielvereinbarungen in Sachen Barrierefreiheit. Hinkommen, Reinkommen, Klarkommen, ohne fremde Hilfe, das erst bedeutet Barrierefreiheit ohne Grenzen, neudeutsch "Design for all". In den Berichten aus den Regionen kam zum Ausdruck, dass immer wieder Kompromisse gesucht und gefunden werden müssen. Es handelt sich zum Beispiel um Shared Space, Navigation für Blinde, Ampelanlagen, Straßenübergänge, kontrastreiche Gestaltung von Bahnhöfen und Flughäfen und anderes mehr. Die Zeiten heute sind im Umbruch, manche Vorschriften können sich statt fördernd auch lähmend auswirken.
Das wichtigste Signal an alle Aktiven überall ist die Botschaft, dass alle Organisationen und Selbsthilfegruppen, Vereine und Verbände mit einer Zunge reden und handeln müssen zum Wohl der Betroffenen.
Seminar 2007
Heißes Wochenende in Bonn
Seminar des Arbeitskreises Mobilität:
Barrierefreiheit und die Mobilitätsanforderungen sehbehinderter Menschen, Interessenvertretung auf kommunaler und Landesebene
von Marlies und Burkhard Söffge
Es war mehr oder weniger die Aufgabe eine Schar Gänse zu hüten. Alle schnatterten miteinander und wuselten, wie es später hieß, durcheinander. Aber dann hieß es wieder "an die Tete" unter der Gänseliesel "Elke". Regionalgruppenleitungen und aktive Mitglieder der Regionalgruppen Aachen, Berlin, Darmstadt, Düsseldorf, Heidelberg, Kiel, Köln, Märkischer Kreis, München, Siegen und Wolfsburg starteten am Freitag mit einer Besichtigung der Bonner Fußgängerzone ihr diesjähriges Seminar des Arbeitskreises Mobilität. Die Haute Volaute der nordrhein-westfälischen Behindertenvertreter gaben sich von Freitagmittag bis Samstag die Klinke im Bonner Gustav > Stresemann Institut in die Hand. Die Landesbehindertenbeauftragte, Vertreter des Städte und Gemeindebundes und Mitarbeiter der Landesarbeitsgemeinschaft > Selbsthilfe NRW warfen unter der Moderation von Prof. Dr. Echterhoff ihren Hut in den Ring der Meinungsvielfalt. Was von außen als staubtrockenes Thema aussah, entwickelte sich zu einer heißen Diskussionsrunde an einem noch heißeren Wochenende.
Beide Bonner Tageszeitungen berichteten über die Begehung
Hier die Ausgabe der Rundschau vom 24. Juli. 2007
Kontraste im Pflaster helfen Sehbehinderten
Von KRISTIN SCHMIDT, 24.07.07,07:18h
Weiße Stöcke klappern über den Asphalt oder besser: über die verschiedenen Granit- und Betonsteine.
Die 25-köpfige Gruppe fällt sofort auf. Nicht durch ihr Murmeln, es sind die langen Stöcke, mit denen sie sich vorantasten, und die dunklen Sonnenbrillen, die sie tragen. Die Menschen sind blind oder sehbehindert. Im Rahmen eines Seminars über "Barrierefreiheit und die Mobilitätsanforderungen sehbehinderter Menschen" des Arbeitskreises Mobilität des Vereins Pro Retina (siehe Kasten) trifft sich die Gruppe um Leiterin Elke Lehning-Fricke mit dem städtischen Verkehrsplaner Helmut Haux und dem Verkehrspsychologen Professor Wilfried Echterhoff von der Uni Wuppertal in der Bonner Fußgängerzone, um deren sehbehindertengerechte Gestaltung zu begutachten. Startpunkt des Praxistestes ist nahe dem Hauptbahnhof in der Poststraße. Weiter geht es Richtung Bottlerplatz, Vivatsgasse, Sternstraße, Dreieck bis zur Acherstraße. Anhand ausgewählter Stationen erläutert Haux die bisher verwirklichten Maßnahmen: "Mit dem Umbau der Fußgängerzone seit 1997 haben wir versucht, einen Kompromiss zwischen einer stilistisch attraktiven Fußgängerzone und einer funktionalen Lösung zu finden, die anhand von Hell-dunkel-Kontrasten die Orientierung sowie das Erkennen von Hindernissen für Sehbehinderte erleichtern soll." Bei einem Gang durch die Einkaufsstraßen wird schnell deutlich, worauf Haux hinaus will. Auf der Poststraße befinden sich rechts und links in Backstein gepflasterte Rinnen, die nicht nur das Regenwasser ablaufen lassen, sondern die den Menschen mit Sehbehinderung als Orientierungshilfe dienen sollen. "Das Projekt Poststraße war im Jahr 2000 der Ausgangspunkt für alle weiteren Umbauten. Wenn man sich an diesen Rillen orientiert, läuft man nicht Gefahr, zu nah an die Geschäfte zu kommen oder irgendwo Gegenzulaufen", so Haux. "Wir haben extra dafür gesorgt, dass sich bei der Neuplanung der Fußgängerzone gefährliche Hindernisse wie Bäume, Mülleimer, Poller oder Bänke in der Mitte der Straße befinden. Die Linien für Blinde verlaufen jeweils rechts und links mit einem größeren Abstand davon", unterstützt Echterhoff das Konzept. Das bei der Pro Retina-Gruppe gut anzukommen scheint. Alle nehmen die Hilfsrinnen in Anspruch und finden immer wieder zur hin- und herwuselnden Gruppe zurück. "Die Linien aus den unterschiedlichen Steinen und Farben sind wirklich gut gemacht", bewundert Burkhard Söffge aus Dortmund die Arbeit. "Wenn sich die Ladenbesitzer nun noch daran halten würden, ihre Kundenstopper (gemeint sind aufstellbare Werbetafeln) nah genug an die Geschäfte zu stellen, dann würde man auch nicht ständig dagegenrennen." Am Bottlerplatz, erklärt Haux weiter, habe die Stadt zusätzlich eine Rinne aus weißem Betonstein gelegt; er sei wetterbeständiger und behalte seine helle Farbe noch über Jahrzehnte. Zu den Längsrinnen gibt es außerdem helle Querrinnen, an deren Ende die Laternen und Mülleimer stehen. Auch der Springbrunnen sei durch eine große helle Backsteinlinie eingefasst und mittels einer erhöhten dunklen Steinplatte kenntlich gemacht. Dieses Hilfslinienmuster zieht sich auch durch die Sternstraße sowie die Straße Am Dreieck und die Acherstraße. Die Mülleimer stehen in Metall eingefasst am Straßenrand und sind mit einem hellen Leuchtstreifen sichtbar gemacht. "Das sollten Sie bei allen Hindernissen machen", meint Hennig Schwartz aus Lüdenscheid. "Aber Hauptsache ist, dass überhaupt etwas da ist, an dem wir uns orientieren können. Die Lösung mit den hellen und dunklen Kontrastfarben sowie den Orientierungslinien am Boden ist ein Anfang, mit dem ich sehr gut leben kann, die man aber sicher noch ausbauen kann". Insgesamt ist die Gruppe zufrieden. So fällt auch Elke Lehning-Frickes Fazit durchaus positiv aus. "Selbst wenn wir noch über Details diskutieren müssen, so können wir doch alle viel mitnehmen und in unseren Kommunen verarbeiten. Es wird ein langer Atem nötig sein, aber wir sind auf dem richtigen Weg." Echterhoff pflichtet dem bei: "Bonn ist ein echtes Pionierprojekt."
Seminar 2006
Bericht zum Dritten Kontrastseminar "Barrierefreiheit durch Kontraste und Licht" von Dr. Richard Kern
Referenten:
- Elke Schmidt, Hannove
- Martina Gögele, Wiesloch
- Prof. Dr. Gerhard Löschcke, Karlsruhe
- Fritz Buser, Olten / Schweiz
- Elke Lehning-Fricke, Berlin, AKM
- Erhard Aufderhaar, Unterschleißheim, AKM
- Dipl.-Ing. (FH) Knut Junge, Rosenheim, AKM
Schwerpunkte dieses Seminars
- Arbeitsberichte
- Beratung zur Barrierefreiheit
- Kontraste und Beleuchtung
- Normung im Bauwesen
Vom 14.07. bis 16.07.2006 fand in Heppenheim / Bergstraße das dritte Kontrast-Seminar des Arbeitskreises Mobilität (AKM) der Pro Retina Deutschland e.V. statt. Es vereinte hochrangige Referenten und engagierte Mitglieder der Pro Retina zu interessanten Vorträgen und eingehenden Diskussionen bis in die späten Abendstunden.
Ziel der gemeinsamen Arbeit ist es, Barrierefreiheit im privaten und öffentlichen Raum durchzusetzen.
Elke Schmidt, Hannover,
(stellt sich und ihre Arbeit kurz vor. Anmerkung der Redaktion.)
Elke Schmidt arbeitet bei der üstra Hannoversche Verkehrsbetriebe AG im Bereich Key Account Management für mobilitätseingeschränkte Fahrgäste. Es ist ihre Aufgabe die Erlangung der Barrierefreiheit im ÖPNV in Hannover weiter voran zu treiben. Ihr Ziel ist es, durch eine gute Planung den Zugang zu den Verkehrsmitteln zu ermöglichen. Dabei ist die Gestaltung für sehbehinderte Menschen unbedingt im Fokus.
Als Positivbeispiel führt sie die Anschaffung einer akustischen Ampel für Baustellenbereiche an. Diese Ampel kann künftig dort installiert werden, wo wegen einer Baumaßnahme im Zusammenhang mit Stadtbahnhaltestellen oder Arbeiten am Gleisbett der Stadtbahn eine gefahrlose Querung der Straße für sehbehinderte oder blinde Menschen nicht mehr möglich ist.
Die Zusammenarbeit mit Vertretern von Behindertenverbänden und Organisationen ist ihr wichtig um die verschiedenen Bedürfnisse der unterschiedlichen Gruppen kennen zu lernen und aufeinander abgestimmt möglichst umfassend umzusetzen. Elke Schmidt ist Autorin der Broschüre "Mit anderen Augen sehen".
Margitta Gögele, Wiesloch,
Mitarbeiterin der Regionalgruppe Rhein-Neckar, referierte über das Projekt : "Sehbehindertenfreundliche Gaststätten in Heidelberg und Schwetzingen". Anhand einer in der Regionalgruppe Rhein - Neckar entwickelten Checkliste wurden Gastronomiebetriebe, die sich an der Aktion beteiligen wollten, auf Sehbehindertenfreundlichkeit getestet. Nach Besuchen und Besprechungen mit den Betreibern konnte die PRO Retina Gastronomiebetriebe mit dem "Prädikat: sehbehindertenfreundlich" auszeichnen und eine entsprechendes Gütesiegel vergeben. Auch die DEHOGA hat die Schwierigkeiten sehbehinderter Gäste erkannt und in der Zielvereinbarung: "Barrierefreier Tourismus" aufgegriffen.
Prof. Dr. Gerhard Löschcke,
freier Architekt und an der FH Karlsruhe Inhaber des einzigen deutschen "Lehrstuhls für barrierefreies Bauen" stellte ein an seinem Institut mit erarbeitetes EU - Projekt vor: "Karriere ohne Barrieren" mit einem außergewöhnlichen Ansatz zur Gestaltung barrierefreier Arbeitsplätze. Hierzu sollen Betroffene als spezielle "Barriere-Experten" ausgebildet werden, die in Betrieben, Firmen und Ämtern als Ansprechpartner bei spezifischen Problemen behinderter Mitarbeiter tätig werden. Weiterhin sollen Sachverständige , vor allem aus dem Bauwesen und aus der Technik, als unabhängige Gutachter entsprechend geschult werden, die sich bei Problemen im Zusammenhang mit behindertenfreundlicher Ausstattung im weitesten Sinne als Vermittler einschalten können. Dieser Ansatz lässt sich ohne weiteres auf die Gestaltung des Öffentlichen Raumes übertragen. Weitere Lebensbereiche müssen weitaus umfangreicher für die Nutzung durch alle Behinderten erschlossen werden. Nur "Stufenlosigkeit" des Zugangs reicht nicht aus.
Fritz Buser, Diplom-Optiker SBAO und Lichtdesigner SBL,
trug in kompetenter, einprägsamer und humorvoller Art und Weise seine theoretischen Überlegungen und die zugehörigen praktischen Vorschläge über Licht und Lichteinsatz vor: Licht, wo wir es brauchen und wie wir es brauchen.
Die kurze Einführung über die Abbildung im Auge sowie über Augenerkrankungen wurde benutzt, um häufige Unklarheiten z.B. beim Unterschied zwischen subjektiven Empfindungen und objektiven Definitionen von Helligkeit, Kontrast und Wahrnehmung zu korrigieren.
Ausgehend von objektiv messbaren beleuchtungstechnischen Größen erläuterte er die für Wohn- und Arbeitsbereiche notwendigen Erfordernisse: Lichtstärke, Lichtverteilung, Lichtqualität, Leuchtdichte und Kontrast. sowie die Abhängigkeit des Lichtbedarfs von Restsehschärfe und Alter. Er führte verschiedene Lampenmodelle, die für Sehbehinderte optimal oder ungeeignet sind, vor und zeigte an Beispielen die jeweils beste Ausleuchtung durch Wahl der Leuchten und deren Ort der Anbringung. Wichtig ist eine gute Mischung direkter und indirekter Beleuchtung.
Die Decke eines Raums darf jede beliebige Farbe haben, vorausgesetzt, diese Farbe ist weiß! Blendung muss unbedingt vermieden werden, z.B. darf man das Leuchtmittel nicht direkt sehen. Die Beleuchtung muss in jedem Einzelfall individuell angepasst werden.
Im Öffentlichen Raum geht leider noch immer Design vor Sicherheit für Alle. Helligkeit und Lichtverteilung sind nicht angepasst, Kontraste sind nicht vorhanden, viele Lichter blenden. Planer und Entscheidungsträger berücksichtigen die besonderen Bedürfnisse Sehbehinderter noch immer viel zu wenig. Es ist noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten, um eine barrierefreie Gestaltung des Öffentlichen Raumes zu erreichen.
Zum Schluss ging Fritz Buser noch auf das Problem der "Erkennbarkeit" eines Objekts, vor allem die Lesbarkeit, ein. Diese hängt ab sowohl von der Grundhelligkeit und dem Kontrast zum Hintergrund als auch von Schriftart und Schriftgröße. Schlechte Beispiele findet man genügend: "künstlerisch" gestaltete Speisekarten oder Sitzplatzanzeigen im ICE. Es folgte eine lange Diskussion.
Elke Lehning-Fricke
stellte eine Resolution zur Arbeit des AKM vor und plädierte für eine Zusammenarbeit aller Behinderten- und Seniorenverbände. Der Weg zur Barrierefreiheit für Alle muss über politische Aktivität und verstärkte Öffentlichkeitsarbeit führen.
Erhard Aufderhaar
referierte über die neue Website des Arbeitskreises Mobilität, die Nutzung und die Zugangsmöglichkeiten sowie über die Mailing-Liste des AKM.
Knut Junge,
Mitglied des Ausschusses für DIN - Normen, berichtete über den Entwurf zur DIN 18030 "Barrierefreies Bauen und Wohnen".
Die Verabschiedung verzögert sich durch die Vielzahl der vorliegenden Einsprüche. Auch nach der Verabschiedung der Norm ist es noch ein weiter Weg bis zur Aufnahme in die Landesbauordnungen. Normen sind leider nur bei Neubauten oder bei Umbauten verbindlich. Gegen eine barrierefreie Umgestaltung vorhandener Gebäude wird immer mit den Schlagworten: Stand der Technik, Stand der Wissenschaft, anerkannte Regeln des Bauens zur Zeit der Erbauung argumentiert. Dadurch versucht man eine bauliche Anpassung zu verhindern.
Die einzige Möglichkeit, Gefahrenstellen zu beseitigen und Änderungen zu erzwingen, ist ein Hinweis auf entsprechende Paragrafen in den jeweiligen Landesbauordnungen: Eine geeignete Sicherung oder sogar ein Umbau muss durchgeführt werden, wenn "Gefahr für Leib und Leben" droht. Musterbeispiele sind unterlaufbare Treppen, unnötige Aussparungen in Gehwegen, Möblierung von Plätzen oder schlecht gekennzeichnete Absperrungen.
Das Seminar eröffnete neue Perspektiven für die Umsetzung der Ziele: Barrierefreiheit für Alle, Sicherheit und Bequemlichkeit im Öffentlichen Raum und Optimierung visueller Informationen. Die Teilnehmer wurden sensibilisiert und ihr Blick wurde geschärft für das Erkennen von Barrieren im Alltag. Die Teilnehmer werden ihr erworbenes Wissen weitergeben und Verantwortliche im Öffentlichen Raum mit dem Bazillus "Barrierefreiheit" infizieren.
Ein herzliches Dankeschön an alle Referenten für die exzellenten Darstellungen, an die Teilnehmer für die aktive Mitarbeit sowie an Annemarie Wäldin-Kern für die gelungene Organisation.
Seminar 2004
Bericht von Horst Abraham, Regionalgruppe München
Vom 20. bis zum 22. August 2004 organisierte der Arbeitskreis "Mobilität - mobil ohne Barrieren" abermals in Heppenheim ein rege besuchtes Kontrastseminar mit zahlreichen Anregungen zur Verbesserung der Lebensqualität von Menschen sowohl mit als auch ohne Sehbehinderung.
Gute Beleuchtung der Umwelt
Speziell diesem wichtigen Thema war der erste Veranstaltungstag gewidmet. Als Experte referierte vor allem ein Vertreter der Lichttechnikfirma Waldmann. Er erläuterte anfangs die einschlägigen Grundbegriffe: die Maßeinheiten Lumen = Lichtstrom bzw. Leistung einer Lichtquelle (z. B. Glühbirne), Lux = Lumen pro Fläche eines Körpers, auf den ein Lichtstrom trifft, also die so erzielte Beleuchtungsstärke auf der Fläche, sowie Candela gleich Lichtstärke einer Lichtquelle oder beleuchteten Fläche in eine bestimmte Richtung hin. Ist in einer solchen Richtung ein Betrachterauge (Sensor), so entsteht in ihm ein Seheindruck, der der Lichtstärke pro Größe des gesehenen Objektes entspricht und damit proportional ist zu der physiologisch allein relevanten Leuchtdichte, gleich Candela pro Fläche.
Nur hinreichende Leuchtdichte ermöglicht das Erkennen von Kontrasten, Konturen. Distanzen und Farben, schafft also Orientierung, Unfallsicherheit und Mobilität sowie allgemein Wohlbefinden. Allerdings benötigen gerade Sehbehinderte unterschiedlich viel Licht. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass zu große LeuchtdichteUnterschiede in zu geringem Abstand sie blenden; man nennt dies relative Blendung. Andererseits resultieren erst aus LeuchtdichteUnterschieden an Flächengrenzen jegliche Kontraste. Dies zeigt, dass eine optimale Umweltgestaltung Differenzierung nach Anforderungen und oft das Finden von Mittelwegen voraussetzt.
Blendungsursachen und Hilfen dazu
Im Freien ist man allerdings den Grenzen der Natur unterworfen: So bewirkt der extreme Leuchtdichteunterschied zwischen dunklem Erdboden und leicht bedecktem, "weißem" Tageshimmel beim Blick auf den Horizont eine geläufig starke Blendung, weswegen auch normal Sehende hier zu Sonnenbrille und Schildmütze greifen. Seine Behausungen, Plätze, Straßen usw. gestaltet jedoch der Mensch selbst. Und dabei gibt es vieles zu verbessern.
Wünschenswert ist ganz besonders eine hauptsächlich indirekte Beleuchtung von Innenräumen (Wohn- und Arbeitsbereich): Man erspare den Blick direkt auf primäre Lichtquellen, z. B. die modischen Spotlampen, deren Blendwirkung jeder kennt. Zu empfehlen sind Leuchtkörper, die vor allem nach oben zu einer hellen Decke hin abstrahlen. So vermeidet man irritierende Reflexionen auf Glasflächen oder dunklen, glänzenden Fußböden, wofür der Referent besonders anschauliches Bildmaterial präsentierte. Man vermeidet auch Schlagschatten, in denen Hindernisse zu "verschwinden" drohen. Man macht kurz gesagt die Räume beleuchtungstechnisch homogen und alle Konturen ihrer Elemente leicht erkennbar.
Dass speziell diese Elemente selbst kontrastoptimiert sein sollten, versteht sich dabei und gilt natürlich auch im Außenbereich, der nur zu häufig noch grau in grau aussieht und jegliche Markierungen vermissen lässt, und wo man überall z. B. die notorisch blendend angestrahlten, winzig geschriebenen Informationstafeln hinter spiegelnden Scheiben findet. Die einzelnen Anforderungen zu alldem sind bereits angesprochen im Bericht zum Referat des Herrn Prof. Dr. Echterhoff beim Seminar im April 2003 (RA 3/2003; Seite 43 f). Auf ihn sei hier verwiesen.
Zu erwähnen ist stattdessen die Fortsetzung des ersten Seminartages mit einem kürzeren zweiten Referat, welches schwerpunktmäßig auf diverse spezielle Sünden wider die Barrierefreiheit beim Bauen einging. Negativ fielen hier ein denkmalgeschütztes Rathaus und eine hypermoderne Konzerthalle im Westen der Bundesrepublik auf, bei denen beleuchtungstechnisch und darüber hinaus praktisch alles im Argen liegt. Es ist dort teils stockdunkel, es sind keine Stufen markiert, es blendet aber auch an vielen wesentlichen Stellen, v. a. durch Gegenlicht oder am Boden. Und in der Konzerthalle hat sogar ein normal Sehender schon Probleme, überhaupt den Eingang zu finden, geschweige denn die Toiletten. Was hat sich deren Architekt dabei nur gedacht?
Diplom-Optiker Buser gestaltete den zweiten Seminartag mit einer Vertiefung seines Referates vom April 2003. Er besprach weitere Einzelheiten der Lichttechnik und ihrer Anwendung: Als objektive Bauplanungsgröße dient die o. g. Einheit Lux, wobei je 10 x mehr Lux zu (nur) doppelter Helligkeit führen. Wie viel Licht speziell von beleuchteten Flächen reflektiert wird und dann als Candela beim Betrachter ankommt, bestimmt wesentlich die Helligkeit dieser Flächen, daneben Muster, Glätte etc.; erkennbar sind hier theoretisch Unterschiede ab ca. 1 Candela.
In einer Pause hatten die Teilnehmer Gelegenheit, im Tagungshaus und dessen Garten ein Luxmeter zu testen. Die Ergebnisse variierten sehr, v. a. bei direkter Sonneneinstrahlung waren sie enorm hoch. In der Praxis setzt Mobilität allermindestens 100 Lux voraus. Diffuse Reflexion sogar von weißen Flächen ergibt bloß ca. ein viertel Candela pro Lux. Damit eine weiße Treppenmarkierung mit 100 Candela wirklich erst auffällt, sollte sie daher mit 400 Lux beleuchtet sein, und das Umfeld mit nicht viel weniger (Blendung bei zu starkem Dunkelkontrast); bei einer Gefahrstelle wären an sich sogar 300 oder mehr Candela ratsam und dementsprechend wenigstens 1.200 Lux! Solche Idealbedingungen sind schon wegen des Energieaufwandes leider eine krasse Ausnahme, siehe nur typische Bahnhöfe. Um aber Verbesserungen immerhin auf den Weg zu bringen, darf die Praktikabilität ihrer Verwirklichung nie aus dem Blickfeld geraten. Daher sollten die unteren Lux- und Leuchtdichtegrenzwerte nicht zum Dogma erhoben werden, betonte Herr Buser.
Probleme mit dem Kontrast
Nach Ausführungen zu für Sehbehinderte geeigneten Schrifttypen und zur absoluten Blendung durch zu große Leuchtdichte im Gesichtsfeld widmete sich Herr Buser dann besonders dem Kontrast: Er gehört zur Leuchtdichte, so wie eine Kontrastprüfung an sich zu jedem Sehtest gehören würde. Herr Buser ging zum Verständnis dessen nunmehr ein auf die Sinnesphysiologie des Sehens: Der rein optische Apparat des Auges liefert lediglich ein Bild wie bei einem Visus von 0,1. Erst die Retinazellen werten das Bild dann auf. Dabei wirken sie komplex zusammen und verändern fortlaufend ihre Empfindlichkeiten, je nach Seheindruck. Deshalb sieht man immer nur Helligkeitsunterschiede, nicht Helligkeit per se; dies demonstrierten z. B. Konsekutivkontrastbilder. Farben spielen für die so empfundenen Kontraste primär gar keine Rolle. Leider ist die natürliche Umwelt meist recht kontrastarm. Der Standardsehtest mit schwarzen Zeichen auf weißem Grund ist folglich unrealistisch. Kontrastsehschwäche ergibt - mit kontrastarmen hellgrauen Sehzeichen - einen deutlich schlechteren Visuswert, mit dem der Sehbehinderte aber eben vorlieb nehmen muss. Diese Erkenntnis sollte Eingang in die augenärztliche Praxis finden!
Damit kam man zu der Frage zurück, wie bei gestörtem Kontrastsehen außer mittels guter Beleuchtung im Alltag zu helfen sei: Als Leitstreifen eigenen sich z. B. sog. Kaltplastikstreifen auf Asphaltboden besser als Rillenplatten. Mit einem Leuchtdichtemessgerät testeten die Teilnehmer im Tagungshaus während einer weiteren Pause verschiedenste Papierstreifen als Markierungen auf diversen Bodenbelägen und -arten und bei unterschiedlicher Beleuchtung. Im Ergebnis versuchte man meist, die Leuchtdichtedifferenz zumindest nicht unter 0,5 sinken zu lassen. Dunkle Markierungen auf hellem Grund wurden wegen ihrer Pflegeleichtigkeit für gut befunden. Allgemein ist bloß punktuell großer Kontrast schlechter als flächendeckend etwas weniger. Schließlich folgten noch Hinweise zum Farbsehen, das ein komplexes eigenes Kapitel darstellt und getrennter Erörterung an besonderer Stelle würdig wäre. Im Ganzen waren alle Teilnehmer sich einig, dass Herrn Busers engagierter, mit vielen Bildern unterstützter und Theorie und Praxis ideal verbindender Vortrag sie bei ihrer Selbsthilfearbeit vorbildlich unterstützte. Ein herzliches Dankeschön dafür!
Die Schlusskonferenz
der Teilnehmer am dritten Seminartag brachte Ein- und Ausblicke in die Umsetzung der gewonnenen bzw. vertieften Kenntnisse vor Ort. Betonung lag darauf, dass der Arbeitskreis "Mobilität" der Kooperation mit den Leitungen und Mitgliedern der Regionalgruppen bedarf, wenn tatsächlich messbare Fortschritte bei der Umweltgestaltung für Sehbehinderte erzielt werden sollen. Besondere Anerkennung erhielten nicht nur die Teilnehmer für ihre vorzügliche Mitarbeit, sondern besonders auch die Organisatoren der Veranstaltung
.Zuletzt geändert am Fr, 2010-10-22 12:47

