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Eine Betrachtung aus existenzanalytischer und logotherapeutischer Sicht Auf der Suche nach Sinn von Manfred Knoke

1. Der Mensch als Sinnsuchender

Mit dem Thema Sinn greifen wir unmittelbar an die Wurzeln menschlicher Existenz. Nach dem Sinn des Lebens zu fragen, ist ein Kennzeichen des Menschen. Er fragt nach dem Warum, Wozu, Weshalb. Die Sinnfrage wird besonders dann drängend, wenn der Mensch in eine Krise gerät, zum Beispiel durch eine fortschreitende Erblindung. Er muss sich ständig neu orientieren, um sich seiner veränderten Wirklichkeit anzupassen. Warum ist die Frage nach dem Sinn des Lebens für uns Menschen so wichtig? Eine Antwort auf die Sinnfrage fand Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse (1905-1998). Er entwickelte die Logotherapie, die sogenannte Sinnlehre. Frankl blickte zurück auf die Existenzphilosophie (Jaspers, Heidegger, Kierkegard) und fand die anthropologischen Ideen, die seine Psychotherapie begründeten.

Existenzanalytische Aspekte

Existenzanalyse will den Menschen auf der Suche nach seinem ganz individuellen Sinn des Lebens begleiten und dort, wo er nicht zum existenziellen Leben kommen kann, die Blockaden aufspüren. Existenz ist kein objektiver Tatbestand, sondern ein Prozess. Existenziell leben heißt, den Versuch zu wagen in Freiheit und Verantwortung selbstbestimmt zu leben. Es ist ein Unterschied, ob ich "Ja" zum Leben sage, oder ob ich es provisorisch oder konjunktivisches lebe, zum Beispiel warten auf Heil bringendes in der Forschung. Das Leben fordert aber heraus, das eigentliche "Hier und Jetzt" zu leben, sonst vertagen wir das Leben.

Die Antwort auf die Fragen des Lebens verlangen Entscheidungen, entweder für oder gegen etwas, was gelebt werden will. Dazu Jaspers: "Menschliches Sein ist entscheidendes Sein." Wo der Mensch nicht entscheidet, kommt er nicht ins existenzielle Leben.

Existenzanalyse bedeutet Analyse der Bedingungen für ein wertvolles, selbst gestaltetes und menschenwürdiges Leben. Die Existenzanalyse arbeitet an den individuellen Voraussetzungen für eine sinnvolle Existenz, vor allem wenn diese verschüttet sind durch seelische Beeinträchtigungen und Störungen.

Logotherapeutische Aspekte

Die Logotherapie begleitet den Menschen bei der Entscheidungsfindung. Sie ist eine sinnzentrierte Beratungs- und Behandlungsmethode. Dies gilt vor allem für Menschen, die ihre Orientierung verloren haben und den Sinn ihres Lebens nicht mehr entdecken können.

Ziel der Logotherapie ist die Bewusstmachung und Intensivierung der individuell gelebten Sinnfülle durch die Hinführung zu einer frei gewählten Verantwortung. Vor allem die Stärkung der personalen Fähigkeiten ist hier angezeigt. Dazu Frankl: "Menschsein heißt daher auch immer, ein Anderer werden zu können." Die Veränderung kann einmal in der Person selbst, zum anderen um sie herum geschehen. Wir existieren, indem wir auf die Fragen des Lebens antworten. Diese Antworten sind ständig neu zu formulieren, weil sich auch das Leben und damit die Fragen des Lebens ständig verändern.

In der Existenzanalyse und Logotherapie wird der Mensch nicht als Ergebnis innerpsychischer Prozesse oder umweltlicher Einflüsse allein angesehen (siehe Freud und Adler), sondern als ein Wesen, das sich in dem, was im Leben zählt, selbst gestalten kann. Zum Beispiel weitestgehender Erhalt der Selbstständigkeit und Selbstbestimmung, der Mobilität und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Neben der Fähigkeit, sich beeindrucken zu lassen, muss der Mensch bereit sein, seine Sicherungsinstanzen (Vorstellungen, Erwartungen, Überzeugungen, Einstellungen usw. siehe auch "Die Tücke der Erwartungen" in Ra 3/05) in Frage zu stellen, um die für ihn bedeutungsvollsten Antworten zu finden. Dies setzt ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit und Eigenverantwortung voraus. Fremdbestimmung schließt Sinnerleben aus.

2. Bedeutung und Bestimmung von Sinn

Frankl hat vor allem auf die Kraft hingewiesen, die Sinn im Menschen mobilisieren kann. Er sagt dazu sinngemäß: 'Wer einen Sinn im Leben hat, erträgt fast jedes Leid.' Das heißt, die Frage nach Sinn ist ein Grund für Hoffnung, ist Schutz gegen Verzweiflung und Motivation zum Durchhalten. Nach dem Sinn zu fragen, heißt daher auch, es mit der Freiheit des Menschen ernst zu meinen. Frei sein für etwas ist die Voraussetzung für Sinnerleben. Die Sinnfrage ist ein Spiegel menschlicher Kreativität und Beziehungsfähigkeit. Es bedarf der Beziehung, damit eine Tätigkeit als sinnvoll erlebt werden kann, zum Beispiel lebt die ehrenamtliche Arbeit in Selbsthilfegruppen von der Kraft der Beziehungen mit anderen Mitbetroffenen.

Sinnvolle Lebensgestaltung

Zur sinnvollen Lebensgestaltung gehört, dass der Mensch sich seiner Sinnzusammenhänge immer wieder bewusst wird, sie immer wieder neu spürt. Seminare, Wochenenden und andere Besinnungspausen sind dafür sehr wichtig. Was aber ist zu tun, wenn der Mensch sich in keinem Zusammenhang erlebt? Wenn er nicht spürt, wofür und für wen er etwas tun soll. Eine Hilfe kann sein, sich zu überlegen, wie es wäre, wenn die Tätigkeiten nicht mehr ausgeführt werden? Sinnvoll werden Hausarbeit oder berufliche Tätigkeit erst dann, wenn sie für ihn selbst oder für jemanden getan werden, für den man es tun mag. Erst aus der Verbundenheit entsteht Sinnhaftigkeit.

Wenn ein Mensch sich längere Zeit in Sinnlosigkeit gefangen fühlt, ist es an der Zeit, etwas zu verändern. Aus den Konsequenzen wird erspürbar, wie das eigene Leben weiter gehen soll. Sinnvoll ist es aber auch, wenn der Mensch seine Beziehung zu sich selbst leben kann oder Beziehungen zu anderen Menschen, zu Tieren, zur Natur oder zu Ideen usw. entwickeln kann. Wichtig für eine sinnvolle Lebensgestaltung ist es in jedem Fall, dass der Mensch sich in einem Zusammenhang versteht. Einem anderen Menschen eine Freude zu machen heißt, selbst an der Freude teilzuhaben. Wenn der Mensch sich nicht mitfreuen kann, ist die Sinnhaftigkeit nicht erlebt. Gewiß gibt es für jeden Menschen Routinebereiche, die zur Bewältigung des täglichen Lebens gehören. Das Leben besteht in weiten Teilen auch aus unspektakulären Besorgungen, die nicht oder wenig Sinngehalte vermitteln.

Gespür für das Sinnvolle

Nicht für jeden Menschen ist Sinn ein Thema, das ihm bewusst ist. Wer von Sinn erfüllt ist, dem stellt sich die Frage nicht. Allerdings ist jeder Mensch mit einem intuitiven Gespür für das Sinnvolle ausgestattet. Selbst Kinder weigern sich Dinge zu tun, die in ihren Augen sinnlos sind. Sie verlangen Erklärungen, die ihnen den Sinn verständlich machen sollen. Was Sinn ist, ist immer offen, solange der Mensch lebt. Er allein weiß um die Endlichkeit seines Lebens, deshalb drängt sich ihm die Frage nach dem Sinn auf.

3. Sinn durch Wertverwirklichung

Nach Frankl ist der Mensch ein wertstrebiges Wesen. Er strebt nach Werten, die ihn anziehen und indem er sie verwirklicht, erlebt er Sinn. Um ein sinnvolles Leben zu erreichen, ist zunächst die Abstimmung mit der eigenen Wirklichkeit erforderlich. Wenn der Mensch sich der Wahrheit stellt, baut er an seiner Existenz und nicht an einer Illusion. Dazu sagt Frankl: "Sinn ist eine Möglichkeit vor dem Hintergrund der Wirklichkeit." Diese Wirklichkeit ändert sich im Laufe des Lebens und bei einer fortschreitenden Erblindung umso mehr.Damit der Mensch ins existenzielle Leben kommen kann, braucht er drei Grundvoraussetzungen.

Drei personale Grundvoraussetzungen

Als erste Grundvoraussetzung benötigt er ausreichend Schutz, Halt, Verlässlichkeit, Sicherheit und Raum. Der Mensch muss das Gefühl haben, in der Welt sein zu können. Wenn dies erfüllt ist, kann Urvertrauen entstehen, sich auf die Welt einzulassen. Kann ein Mensch diese Erfahrungen nicht machen, kann eine starke Verunsicherung entstehen.

Die zweite Grundvoraussetzung ist im Erleben einer emotionalen Beziehung zu sehen. Nur durch die Beziehungsaufnahme erlebt der Mensch das Leben. Nur durch Zuwendung wird das Leben fühlbar. Es entsteht das Gefühl "ich mag leben". Ist diese Voraussetzung nicht erfüllt, entstehen Vitalitätsverluste und depressive Verstimmungen. Der Mensch fühlt sich wertlos und lustlos.

Die dritte Grundvoraussetzung für existenzielles Leben ist gegeben, wenn der Mensch so sein darf wie er in seiner Originalität und Einmaligkeit ist. Gelingt es ihm nicht er selbst zu sein und Selbstwert zu entwickeln, entstehen innere Einsamkeit und Verlassenheit, die besonders belastend sind, wenn der Mensch nicht zu sich selbst steht, wenn der blinde oder von Erblindung bedrohte Mensch sich nicht mit dem weißen Stock zeigen mag.

Der Wille zum Sinn

Erst wenn diese Grundvoraussetzungen erfüllt sind, kann sich der Wille zum Sinn (nach Frankl) entfalten. Sind diese Grundvoraussetzungen blockiert, ist biografische, psychotherapeutische Arbeit erforderlich. Neben Dasein-können, Leben-mögen, Selbstseindürfen ist die entscheidende vierte Bedingung für ein erfülltes Leben, dass wir einen Sinn im Leben finden. Das heißt, um mit voller Hingabe leben zu können, muss der Mensch sich mit seinem Erleben und Handeln in einen wertvollen Zusammenhang sehen. Es muss sich lohnen, Werte zu finden und vielleicht einen mangelhaften Selbstwert zu erkennen und am eigenen Wohlbefinden zu arbeiten. Menschliches Dasein ist eng mit einem Bindungsbedürfnis verbunden, das zu einem begegnendem, toleranten und respektierenden Lebensstil führt.

Drei Wege zum Sinn

In Bezug auf Sinnerfüllung durch Wertverwirklichung spricht Frankl von drei Wertkategorien, die für jeden Menschen von grundlegender und allgemeiner Bedeutung sind. Es sind die Erlebniswerte, die schöpferischen Werte und die Einstellungswerte. Unter den Erlebniswerten wird das Erleben der Welt (ästhetische Werte, Liebe, Kunst, Beziehungen usw.) verstanden. Unter den schöpferischen Werten als Weg zur Sinnerfüllung wird die aktive Gestaltung der Welt (Arbeit, Beruf, Hobbys, Freizeit usw.) gesehen.

Die Einstellungswerte sind die sogenannten menschlichen Reifewerte, die in der Auseinandersetzung mit dem Leben (Tod, Schuld, Leid) errungen werden. Der Einstellungswert ist identisch mit der Akzeptanz oder der inneren Zustimmung zum Leben nach einem Schicksalsschlag. Erst wenn die Verunsicherung und die Trauer über den verlorenen Wert sich gelegt haben, und es gelungen ist, den verlorenen Wert loszulassen, kann der Einstellungswert durch die Aktivierung des Willens zum Sinn wieder neue Sinnmöglichkeiten erschließen. Der Mensch spürt nun wieder die Spannung zwischen Sein und Sollen, zwischen dem was ist, und dem, was noch werden soll. Die Spannung bleibt solange erhalten, wie die Beschäftigung mit dem Wert andauert. Die sogenannten traditionellen, gesellschaftlichen Werte (Erziehung, Bildung, Integration von gesellschaftlichen Randgruppen, Zuverlässigkeit, Fleiß, Pflicht, Verantwortung usw.) sind in diesem Zusammenhang nicht gemeint. Sie bilden den gesellschaftlichen Hintergrund, denn im Vordergrund stehen in dieser Betrachtung die individuellen personalen Werte. Jeder Mensch entwickelt dabei nur Gespür für seine ganz individuellen Werte, die ihn anziehen. Mit der Entscheidung für eine Wertverwirklichung übernimmt der Mensch die Verantwortung für sein Handeln. Dies setzt Anstrengungsbereitschaft und Einsatz voraus. Der Lohn ist ein erfülltes und glückliches Leben. Die innere Zustimmung zur neuen Realität vermittelt den Betroffenen die Offenheit für eine neue Lebensperspektive.

Mit der Entscheidung für einen individuellen Wert entstehen auch Ängste dahin gehend, die falsche Entscheidung zu treffen oder getroffen zu haben. Auch die Hinwendung zu neuen Sinngehalten kann Unsicherheiten und Rückzugsgefühle vermitteln. Will der Mensch sinnvoll und erfüllt leben, muss er offen bleiben und seine Ängste überwinden, damit er ins Handeln kommen kann. Wer das nicht schafft, bleibt inaktiv, lebt inexistenziell und ist abhängig von der Entscheidung anderer Menschen.

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Zuletzt geändert am Do, 2013-08-22 12:28

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