Pressemitteilung vom 11.04.2006Neue Behandlungsmethoden für Netzhautdegeneration im Versuchsstadium

Von Irene Dänzer-Vanotti

Behandlungsmethoden für verschiedene Formen der Netzhautdegeneration werden zur Zeit getestet. Bei dem von der Selbsthilfeorganisation Pro Retina veranstalteten Forschungskolloquium 2006 konnten die 160 weltweit führenden Forscher auf dem Gebiet allerdings noch keinen Durchbruch verkünden.

Netzhautdegeneration ist immer noch nicht heilbar. Die Vorsitzende des Weltverbandes Retina international, die Schweizerin Christina Fasser, würdigte das Engagement der Mediziner und Biologen. "Wenn wir erreichen, dass die Krankheit langsamer fortschreitet, ist schon viel gewonnen." Sie begrüßte, dass die Europäische Union die Netzhautforschung mit 10 Millionen Euro fördert.

Die häufigste Form der Netzhauterkrankungen ist die Altersbedingte Makula-Degeneration (AMD). Nach Angaben von Augenfachärzten sind davon in Deutschland vier Millionen Patienten betroffen.

Medikamente werden ins Auge gespritzt

Eine neue und vielversprechende Therapie für die AMD wird derzeit klinisch geprüft. Dabei werden Medikamente, die schädigendes Wachstum von Zellen in der Netzhaut verhindern, direkt ins Auge, in den Glaskörper, gespritzt. Durch die Behandlung soll die Sehkraft möglichst lange erhalten bleiben. "Die meisten Patienten haben zwar Angst vor der Injektion, aber nach dem Eingriff hat niemand über Schmerzen geklagt," sagt Steffen Schmitz-Valckenberg, der an der Augenklinik der Universität Bonn an der Entwicklung der Methode beteiligt ist. Er ist Träger des Pro Retina-Forschungspreises.

Netzhautchip

An der Universität Tübingen entwickelt das Team um Professor Eberhard Zrenner, einem der führenden Augenheilkundler und Vorsitzender des wissenschaftlichen und medizinischen Beirates von Pro Retina, unterschiedliche Methoden. Erste Versuche wurden gemacht, Teile einer erkrankten Netzhaut zu ersetzen. Dabei erhalten Patienten einen Netzhautchip. Das ist, so Professor Zrenner "ein Bauelement, das zerstörte Lichtempfänger im Auge ersetzt."

Das drei mal drei Millimeter großes Plättchen mit 1500 winzigen Lichtempfängern und 1500 Verstärkern wurde den ersten beiden Patienten eingesetzt. "Noch können wir nicht abschätzen, ob diese Therapie einen Durchbruch bringt. Wir werden erst darüber berichten, wenn wir die Erfahrungen von mehreren Patienten haben," sagte Professor Zrenner.

Eine andere Behandlung, die hier bislang noch an Tieren getestet wird, kommt aus der Gentechnologie. "Dabei schleusen wir so genannten Vektoren in krankhaft veränderte Gene ein, damit diese Gene wieder so arbeiten wie gesunde." Jede Zelle in den 120 Millionen Lichtempfängern - den Stäbchen - und den sechs Millionen Zapfen im Auge produzieren bestimmte Proteine (Eiweiße), um ihre jeweilige Aufgabe im Sehprozess zu erfüllen. Biologen, Mediziner und Genetiker erforschen zur Zeit die Vorgänge der Zellen in der Netzhaut. In manchen Bereichen sind sie schon bekannt. "Wie mit einem Taxi bringen wir diese Vektoren in das Gen," sagt Zrenner. Ein Hund, bei dem diese Methode getestet wird, konnte dadurch auf dem behandelten Auge seine Sehkraft erhalten, während das andere erblindete.

Austausch von Genen

Auf die Möglichkeiten der Gentechnik setzt auch Professor Uwe Wolfrum von der Universität Mainz, der zur Zeit in Florida arbeitet und forscht. Er stellte bei dem Kongress in Potsdam Ergebnisse von Grundlagenforschung vor. Mit seinem Team hat er gefunden, dass Störungen der Netzhaut verursacht werden, wenn der Transport von Eiweißsubstanzen innerhalb bestimmter Zellen - der Cilien - gehindert ist.

Vermutlich ist dieser Defekt genetisch bedingt. "Gene werden an der Stelle, um die es geht, ausgetauscht. Die Methodik wird in ersten Testphasen am Menschen eingeleitet. Das passiert in diesen Monaten," berichtet Uwe Wolfrum.

Zusammenwirken von Wissenschaftlern und Patienten

Der besondere Wert des Kongresses, den auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft förderte, lag für alle Beteiligten an dem Zusammenwirken von Wissenschaftlern und Patienten. "Wir sehen hier, für wen wir arbeiten und das gibt uns einen wichtigen Ansporn," sagte Professor Bernhard Weber, Humangenetiker von der Universität Regensburg. Auch die Vorsitzende von Retina International, Christina Fasser betonte: "Forschung braucht die Mitarbeit der Patienten, aber auch die Mitbestimmung der Patienten."

Über Pro Retina

Pro Retina ist die Selbsthilfeorganisation von Menschen mit Netzhautdegenerationen, wie Makuladegeneration, Retinitis pigmentosa und dem Usher-Syndrom. Sie informiert über die Krankheiten, berät die Betroffenen in fachlichen, sozialen und psychologischen Fragen, organisiert den Austausch in Regionalgruppen. Darüber hinaus unterstützt sie die Forschung mit einer eigenen "Stiftung zur Verhütung von Blindheit."

Kontakt:

Pro Retina Deutschland e.V.
Vaalser Str. 108
52074 Aachen
Telefon: 02 41 - 87 00 18
Fax: 02 41 - 87 39 61

Zuletzt geändert am 20.07.2009 15:54