Depression bei Sehverlust Einleitung: Auswirkungen der fortschreitenden Netzhautdegeneration auf die Psyche

Von den Schwierigkeiten, auch mit der fortschreitenden Netzhautdegeneration zu einem ausgeglichenen Leben zu finden

Einleitende Gedanken* von Cordula von Brandis-Stiehl, Ärztliche Psychotherapeutin, und Diplom-Psychologe Siegfried Maier

Der Arbeitskreis Psychologische Beratung (AKP) setzt sich in diesem Schwerpunktthema mit der seelischen Berührtheit eines Menschen mit einer fortschreitenden Netzhautdegeneration auseinander. Denn die Erfahrung zeigt es immer wieder: Die Diagnose, vielfältige Schübe oder langsames Fortschreiten sowie Berichte über unwirksame Therapien der Netzhautdegeneration können die Seelen der betroffenen Personen sowie die ihrer lieben Menschen bis ins tiefste Mark treffen.

„Dass die Vögel der Sorge und des Kummers über deinem Haupte fliegen, kannst du nicht ändern. Aber dass sie Nester in deinem Haar bauen, das kannst du verhindern“, so lautet ein chinesisches Sprichwort. Wenn uns die „Vögel des Kummers und der Sorgen über unseren Köpfen“ nicht bewegten, hätten wir ein Herz aus Stein. Doch wir können unterschiedlich mit ihren vielgestaltigen Schatten umgehen. Die Mitglieder aus dem Arbeitskreis berichten sowohl von den Schattenzeiten als auch davon, wie der Nestbau in unserem Haar aktiv behindert werden kann. Und selbst wenn es zu psychischen Erkrankungen kommt, so hat der Wandel der Einstellung in der Bevölkerung gegenüber diesen Leiden doch dazu beigetragen, dass immer mehr Betroffene ihre Scheu vor dem Gang zu einem Helfer ablegen, sei es ein Heilpraktiker, der Hausarzt, ein Psychiater, ein Psychotherapeut oder ein Vertreter der Selbsthilfe. Und ein offenes Reden ist die beste Voraussetzung für eine Besserung der Befindlichkeit.

Mit diesem Schwerpunkt wollen wir offen über die Schwierigkeiten in unserem Leben reden und Hoffnung vermitteln. So erfahren wir einleitend offen und sehr beeindruckend von einer schwierigen Beratungssituation aus den Anfangszeiten unserer Vereinigung – derartige Momente lassen selbst erfahrene Berater nicht kalt.

Viele betroffene Menschen sind sich sehr wohl der heftigen Gefühlsschwankungen im Laufe der langsam oder schneller fortschreitenden Netzhautdegeneration bewusst: Da ist der erste Schock – das Gefühl kommt einer Erstarrung nahe. Zum Glück werden wir nach einiger Zeit wieder lebendig, wobei wir dann die schlechte Nachricht über die Diagnose, über die Sehverschlechterung erst einmal nicht wirklich wahrhaben wollen. Das ist ein gesunder Schutz für unsere geplagte Seele. Wenn wir diesen Schutzmantel ablegen (müssen), dann werden wir oft gebeutelt von einem Wechselbad der Gefühle: Mal ist es eine innere Brodelei mit Wut, Hadern oder auch sinnvoller bis wenig sinnvoller Tatendrang. Im nächsten Moment erfasst uns ein Gefühl von „Lahmheit“ bis zur Depression. Doch was versteht der Mediziner unter einer Depression? Welche Unterformen gibt es? Der AKP will mit diesem Schwerpunkt für Klarheit sorgen.

Der nachfolgende Artikel von Siegfried Maier weist auf Hilfen durch das moderne Gesundheitswesen bei depressiven Störungen hin. Nutzen Sie diese! Sie ersparen sich und ihren Mitmenschen Leid und Kummer. Gemäß logotherapeutischen Vorstellungen können wir unser Leben durch eine veränderte Sichtweise auf das Geschehen in und um uns herum beeinflussen, so die Botschaft im Folgeartikel. Aber auch wenn wir kleine Alltäglichkeiten in unserem Leben beachten, können wir leichter wieder zu einem inneren Gleichgewicht finden. Dieses Gleichgewicht ist sehr wohl anders und uns dadurch zuerst auch fremd, unbekannter als dasjenige, das wir aus früheren Zeiten kennen, doch dafür nicht minder lebens- und liebenswert. Einen ganz individuellen und langen Weg aus tiefen Löchern heraus zu einem durchaus auch einmal mühseligen, aber unter dem Strich doch zufriedenstellenden Leben schildert ein Mitglied, das anonym bleiben möchte – wir respektieren dies. Welch ein anderer Lebensweg als der aus der anfangs geschilderten schwierigen Beratungssituation ...

* Wenn wir hier in der Regel in der männlichen Form sprechen, so denken wir an den Menschen ganz allgemein, unabhängig davon, ob diese Person weiblichen oder männlichen Geschlechts ist.

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Zuletzt geändert am 01.04.2020 22:08