Feuchte AMD: Neuer Therapieansatz mit Stammzellen-Pflaster

Eine Kunststoffmembran, die mit retinalen Pigmentepithelzellen besiedelt wurde, hat nach einer Einpflanzung unterhalb der Netzhaut (in den subretinalen Raum) bei 2 Patienten im fortgeschrittenen feuchten Stadium einer altersabhängigen Makuladegeneration (AMD) die Sehfähigkeit soweit verbessert, dass sie wieder in der Lage sind zu lesen. Die Therapie hat sich laut dem Bericht in Nature Biotechnology (2018; doi: 10.1038/nbt.411) als sicher erwiesen, auch wenn es im ersten Jahr zu mehreren Komplikationen kam.

Der PRO RETINA-Newsletter berichtete über den Beginn dieser Experimente im September 2015: AMD: Experimentelle Stammzell-Therapie in England.

Augenkrankheiten sind in den letzten Jahren zum Experimentierfeld für neue Therapieansätze wie der Gentherapie oder der Stammzelltherapie geworden. Das Auge ist hierfür geeignet, da es vom Rest des Körpers gut abgegrenzt ist, was das Risiko von systemischen Komplikationen senkt. Das Auge ist für operative Eingriffe gut erreichbar und die Ergebnisse lassen sich relativ einfach beurteilen.

Während Gentherapien teilweise erfolgreich waren, blieben der Stammzelltherapie Enttäuschungen nicht erspart. In den USA erlitten zuletzt 3 Frauen nach einer vermeintlichen Stammzelltherapie der AMD einen schweren Sehverlust. In Japan blieben Forscher mit einem ernsthaften Versuch einer Stammzelltherapie ebenfalls erfolglos. Britische Forscher scheinen jetzt mehr erreicht zu haben.

Neuer Therapieansatz mit Stammzellen-Pflaster

Am Moorfields Eye Hospital in London wurden 2 Patienten mit fortgeschrittener feuchter AMD mit einem „Patch", eine Art "Pflaster" versorgt, das die Funktion der Netzhaut wieder herstellen soll. Der „Patch“ besteht aus einer dünnen Membran aus Polyester. Sie wurde im Labor mit etwa 100.000 retinalen Pigmentepithelzellen (RPE) besiedelt, die zuvor aus Stammzellen hergestellt worden waren.

Die RPE hatten, wie Lyndon da Cruz vom University College London und Mitarbeiter jetzt berichten, einen Zellrasen gebildet, bei dem sich alle Zellen so ausgerichtet hatten, wie dies auch in der normalen Netzhaut der Fall ist. Der Verlust der RPE gehört zu den frühen Folgen der AMD, die in der Macula lutea, dem Ort des schärfsten Sehens, am stärksten ausgeprägt ist. Eine der ersten Folgen der Erkrankung ist der Verlust der Lesefähigkeit.

Studiendetails

Auch die beiden ersten Patienten einer klinischen Phase-1-Studie (Sicherheitsstudie), an der insgesamt 10 Patienten teilnehmen sollen, konnten vor der Therapie Buchstaben kaum oder gar nicht mehr entziffern, weil die Makuladegeneration zum Verlust des scharfen Sehens geführt hatte.

Beide Patienten wurden bereits Ende 2015 am Moorfields Eye Hospital in London behandelt, nachdem die vorbereitenden Studien an Zellkulturen keine Hinweise auf eine Tumorbildung durch die Stammzellen ergeben hatten und die Augenchirurgen die Operationstechnik an Schweinen geprobt hatten.

Die Operation wurde mit einem speziellen Werkzeug durchgeführt, das die exakte Platzierung des 4 mal 6 Millimeter großen Patches in den subretinalen Raum exakt hinter der Makula erlaubt. Wie üblich in solchen Fällen wurde nur ein Auge behandelt.

Kontrolluntersuchungen mittels der optischen Kohärenztomographie (OCT) zeigten gleich nach der Operation, dass der Patch bei beiden Patienten an der vorgesehenen Stelle implantiert wurde (auch wenn sich an einigen Rändern das alte RPE vor das Implantat geschoben hatte). Die Mikroperimetrie ergab, dass die Netzhaut an der Stelle des Implantates Signale empfing, und in einer Fluoreszenzangiographie war zu erkennen, dass die Region mit Blut versorgt wird.

Hoffnungsvolle Zwischenergebnisse

Das wichtigste Ergebnis war jedoch, dass sich die Sehstärke der beiden Patienten deutlich verbesserte und diese Verbesserung offenbar bestand hat. 12 Monate nach der Operation hat sich der Visus auf der Sehtafel (ETDRS-Chart) bei beiden Patienten verbessert. Auch die Lesegeschwindigkeit im MNRead-Test hat sich bei beiden Patienten verbessert. Der Pressemitteilung zufolge kann einer der beiden Patienten heute wieder Zeitung lesen, wozu er vor der Operation nicht in der Lage war.

Die Behandlungen blieben jedoch nicht ohne Komplikationen

Es traten 3 schwerwiegende unerwünschte Ereignisse auf, die laut da Cruz jedoch nicht mit dem RPE-Patch zusammenhingen. Das erste war die Freilegung der Naht eines Fluocinolon-Implantats, das der erste Patient zwecks einer Immunsuppression erhalten hatte. Dies machte eine Operation erforderlich. Die anderen beiden Komplikationen traten beim zweiten Patienten auf: Bei ihm kam es einmal zu einer Verschlechterung des Diabetes, ausgelöst durch eine Immunsuppression (zur Vermeidung von Abstoßungsreaktionen). Die zweite Komplikation war eine Netzhautablösung, die allerdings das Implantat nicht gefährdete und konservativ behandelt werden konnte.

Künftige Planungen

Die Forscher wollen das Projekt, das von einem Pharmakonzern gesponsert wurde, fortsetzen. Wenn alles gut geht, könnte die Behandlung bereits in 5 Jahren angeboten werden, hieß es. Die Forschung wurde im Rahmen des „London Project to Cure Blindness“ durchgeführt, dessen Ziel die Entwicklung von neuen Methoden zur Behandlungen der AMD und anderer derzeit nicht heilbarer Augenkrankheiten ist.

Weitere Informationen und Links zum Thema

Quelle: aerzteblatt.de vom 20.03.2018; kurier.at vom 20.3.2018

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Zuletzt geändert am 01.07.2018 09:36