Geschichte der Augenheilkunde (Teil 3): Aufschwung im Mittelalter durch orientalische Augenärzte

Von Redakteur Peter Bachstein (Literatur auf Anfrage in der Redaktion)

Wir sind fasziniert von den Fortschritten, die sich auf dem Gebiet der Augenheilkunde in den letzten hundert Jahren vollzogen haben. Doch wie funktionierte sie in früheren Zeiten? Im dritten Teil befasst sich Redakteur Peter Bachstein mit der Augenheilkunde des Mittelalters. Damals beschrieben persische und arabische Augenärzte die Anatomie des Auges, entdeckten die Funktion der Netzhaut und operierten den Grauen Star mit einer Hohlnadel.

Ibn Sina und die Anatomie des Auges

Noah Gordons Roman „Der Medicus“ liefert den Hinweis, dass die mittelalterlichen Hotspots der Augenheilkunde offenbar in orientalischen Ländern lagen. In der Tat waren es Ärzte und Denker wie der Perser Ibn Sina (Avicenna), auch „Fürst der Gelehrten“ genannt, der vor 1200 Jahren in seinem „Kanon der Medizin“ als Erster exakt die Anatomie des Auges einschließlich der genauen Anzahl der extrinsischen Muskeln des Augapfels beschrieb. Dieses aus fünf Büchern bestehendes Werk brachte dem persischen Arzt mit „al-Qanuni“ einen weiteren Beinamen ein und wurde bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts auch an abendländischen Universitäten Pflichtliteratur für Medizinstudenten.

Am Anfang stand eine Frau

Angestoßen wurde die ophthalmologische Entwicklung im Orient, die neben Ibn Sina auch so hervorragende Ärzte hervorbrachte wie Rhazes, der die Reaktion der Pupillen bei Lichteinfall beschrieb, oder Jesu Halv, der ein dreibändiges Lehrbuch der Augenheilkunde verfasst hatte von einer Frau namens Zeinab. Sie hat kein schriftliches Erbe hinterlassen und wir wissen von ihr nur durch Erwähnungen in den Werken anderer orientalischer Autoren des Mittelalters. Gesichert ist jedoch, dass Zeinab im 7. Jahrhundert als angesehene Augenheilerin aktiv war und damit offenbar am Anfang jenes ophthalmologischen Booms steht, der „während der dunklen Zeit des europäischen Mittelalters“ die muslimische Welt „von Guadalquivir“ in Spanien „bis zum Nil und zum Oxus“ im heutigen Russland ergriff, wie Julius Hirschberg es 1905 in einer Rede vor der „American Medical Association“ formulierte.

Die Kataraktoperationen des Ammar ibn Ali al-Mausili

Dieser Berliner Augenarzt, Hochschullehrer und Medizinhistoriker war es auch, der das aus dem 10. Jahrhundert stammende und 48 Kapitel umfassende Werk „Augenheilkunde“ von Ammar ibn Ali al-Mausili ins Deutsche übersetzt hatte. Darin beschreibt der in Mossul geborene, nach einem Reiseleben aber in Ägypten praktizierende Augenarzt sehr detailliert 48 Augenkrankheiten, dar unter auch den Grauen Star. Diesen nannte Ammar übrigens „Qatarat“, was soviel wie „Trübung“ bedeutet und neben dem griechischen „Cataractes“ (Wasserfall) eine der Erklärungen für die heutige Bezeichnung „Katarakt“ ist. Das Erstaunlichste ist jedoch Ammars Operationsmethode – das Absaugen der getrübten Linse mit Hilfe einer Hohlnadel, was uns sehr bekannt vorkommt.

Leider landete dieses Verfahren seinerzeit nicht nördlich der Alpen, sodass hier dem Grauen Star weiterhin per Starstich zu Leibe gerückt wurde. Ort des entsprechenden Geschehens waren meistens städtische Marktplätze, wo wandernde Barbiere nicht nur Rasuren verabreichten, sondern nebenbei auch noch trübe Linsen ins Innere der Augen drückten. Weil die meisten Patienten das nicht überlebten, ließen sich die entsprechenden Heiler selten zweimal in der gleichen Stadt blicken. Berühmte Opfer des Starstechens waren übrigens die Komponisten Johann Sebastian Bach, der daran starb, und Georg Friedrich Händel, der danach völlig erblindete. Das Absaugverfahren, von Ammar an einer seit dem 9. Jahrhundert in Kairo bestehenden Augenklinik schon im 10. Jahrhundert angewandt, wurde in Europa erst im 18. Jahrhundert wiederentdeckt.

Die Entdeckung der Netzhaut

Eine weitere bahnbrechende Arbeit aus dem Goldenen Zeitalter des Islam ist der „Optische Thesaurus“ von lbn al-Haytham (9651039), der in Europa auch Alhazen genannt wurde. In diesem Werk beschreibt er als Erster die Funktion der Netzhaut. Er demonstriert ihre Funktion mit Hilfe eines dunklen Raumes, in den durch eine kleine Öffnung Licht auf eine im Hintergrund angebrachte Oberfläche fällt. Er belässt es jedoch nicht dabei, macht sich weiter auf die Suche nach den Zusammenhängen des Sehens und stellt fest, dass die Netzhaut die Lichtinformation über den Sehnerv weiterleitet an das Gehirn, wo sie dann endgültig verarbeitet wird. Nebenbei hat Alhazen auch noch eine Theorie der Vergrößerungsgläser geliefert, die allerdings erst dreihundert Jahre später in Italien zu den ersten Brillen führte.

Apropos Italien

Vielleicht war es ja die räumliche Nähe zu den orientalischen Ländern, wozu seinerzeit auch Spanien gehörte, und ihre Funktion als Hafenstadt, die Salerno im Süden Italiens zum Einfallstor für das Wissen der arabischen und persischen Gelehrten machte. Der im 9. Jahrhundert gegründeten „Schola Medica Salernitana“ ist es zu verdanken, dass beispielsweise das zehngliedrige Werk über Augenheilkunde des christlich-arabischen Arztes Humain ibn Ishaq von einem gewissen Constantinus Africanus ins Lateinische übersetzt wurde. Als „Liber de Oculis“ wurde es für viele Jahrhunderte eine wichtige Grundlage für die augenheilkundliche Lehre an europäischen Hochschulen. In Salerno arbeitete im 13. Jahrhundert übrigens auch der aus Jerusalem stammende Benevenutus Grapheus, dessen Hauptwerk „Practica oculorum“ ebenfalls auf arabischen Quellen beruhte.

Die Practica wurden 1474 zum ersten gedruckten Werk über Augenheilkunde. Da hatte Europa bereits begonnen, sich mit Hilfe der Renaissance vom Mittelalter zu befreien, um sich für Wissenschaft und Vernunft zu öffnen. Doch während in den arabischen Ländern der Augenarzt längst auf wissenschaftlicher Grundlage arbeitete und seine Berufsbezeichnung schon seit 500 Jahren ein Ehrentitel war, sollte es in weiten Teilen Europas noch einige Jahrhunderte dauern, bis die Augenheilkunde als wesentliches Gebiet der Medizin anerkannt und die Ausbildung von Augenärzten allgemein auf die akademische Ebene gehoben wurde.

Zuletzt geändert am 14.01.2019 11:56