Schwerpunkt Versorgungsforschung

Wie viele Menschen sind in Deutschland an einer bestimmten Netzhautdegeneration erkrankt? Wie oft pro Jahr wird diese Diagnose neu gestellt? Welche Stationen durchläuft der Patient von den ersten Symptomen bis hin zur Behandlung und Rehabilitation und wie wirken die beteiligten Einrichtungen zusammen? Wie stellt sich die Verwendung von Hilfsmitteln für sehbehinderte und blinde Menschen im Alltag dar? - Das sind typische Fragen, die die Versorgungsforschung im Bereich Augenheilkunde beantworten möchte, um die Versorgung von Patienten und deren Qualität zu verbessern.

Im folgenden Schwerpunktthema geht das Redaktionsteam der Frage nach, was Versorgungsforschung eigentlich ist, welche Ziele sie verfolgt und welche Fragen sie beantworten kann. Im Interview stellt sich Dr. Alexander Schuster, Inhaber der Stiftungsprofessur „Ophthalmologische Versorgungsforschung“ an der Universitäts-Augenklinik Mainz, unseren Fragen zur Versorgungsforschung im Bereich der Augenheilkunde.

Die Versorgungsforschung: Im Spannungsfeld zwischen Studien und „real life“

Von Redakteurin Christiane Bernshausen

Seit etwa 1998 hat sich auch in Deutschland unter dem Begriff „Versorgungsforschung“ ein ebenso vielschichtiges wie methodisch, theoretisch und inhaltlich differenziertes Forschungsgebiet entwickelt. Die Versorgungsforschung interessiert sich für die Wirksamkeit von Therapien, Arzneimitteln und Dienstleistungen unter Alltagsbedingungen und fragt zusätzlich, wie die Versorgung konkret verbessert und optimiert werden kann. Sie bildet eine Brücke zwischen der klinischen Forschung und dem Praxisalltag, indem sie Daten und Erkenntnisse aus der täglichen Behandlung von Patienten liefert, die die Ergebnisse von klinischen Studien ergänzen.

Was ist Versorgungsforschung?

Die Gesundheitsversorgung hat den Anspruch, allen Menschen Zugang zu einer bestmöglichen medizinischen Versorgung zu verschaffen. In der Medizin beinhaltet dieser Anspruch auch, dass neue Therapieverfahren und Versorgungskonzepte, deren Nutzen belegt ist, den Patientinnen und Patienten rasch und flächendeckend zugänglich gemacht werden.

Das ist aber kein Selbstläufer. Zwar gibt es mittlerweile zu den meisten Erkrankungen wissenschaftlich fundierte Behandlungsempfehlungen, z.B. wissenschaftliche Leitlinien, welche Erkrankung wie zu behandeln sei. Es hängt in der Realität aber von vielen Faktoren ab, ob und wie schnell sich bestimmte Standards durchsetzen, d.h. Medikamente, Behandlungsmethoden, die Versorgung mit Heil- und Hilfsmitteln oder die Organisation der medizinischen Versorgung. Einfluss auf die Durchsetzung und Verbreitung medizinischer Standards haben unter anderem die Kosten eines jeweiligen Verfahrens, die Aus- und Weiterbildung von Ärzten und medizinischem Personal, die Art und Intensität der Kooperation zwischen medizinischen und anderen sozialen Einrichtungen und schließlich - ganz wichtig - Faktoren auf Seiten des Patienten wie die Therapietreue und die jeweilige Lebenswelt des Patienten.

Genau hier setzt die Versorgungsforschung an: In der „Wirklichkeit“ der medizinischen Versorgung. Sie liefert Informationen über Einsatz, Erfolg und Risiken von diagnostischen und therapeutischen Verfahren sowie Versorgungskonzepten unter Alltagsbedingungen und entwickelt Konzepte, wie diese verbessert und optimiert werden können. Im Fokus steht dabei die Patientenorientierung. Damit besitzt Versorgungsforschung eine hohe Praxisrelevanz und ist nicht selten von Versorgungsproblemen getrieben.

Warum brauchen wir Versorgungsforschung?

Versorgungsforschung ist nicht Forschung im herkömmlichen Sinne. Mit ihrer Hilfe können vielmehr ganz konkret Defizite in der Gesundheitsversorgung, der Versorgungsstruktur und der konkreten Behandlung ausgemacht werden. Auf Basis dieser neutralen Analysen lassen sich dann Empfehlungen entwickeln und Veränderungen vornehmen, die die medizinische Versorgung der Patientinnen und Patienten verbessern.

Beispiel: Diabetes. Wird durch die Auswertung von Routinedaten der Krankenhäuser oder Krankenversicherungen festgestellt, dass in einer Region die Versorgung von Menschen mit Zuckerkrankheit nicht optimal ist, dann ist das Versorgungsforschung. Wenn dann in dieser Region ein strukturiertes Versorgungskonzept unter Einbeziehung unterschiedlicher Partner aufgebaut wird, um die Diabetesversorgung zu verbessern, ist es wiederum Aufgabe der Versorgungsforschung, zu evaluieren, ob das auch wie geplant funktioniert.

Auch die Kosten der Gesundheitsversorgung nimmt die Versorgungsforschung in den Blick. Wir alle freuen uns, dass zunehmend mehr und neue innovative medizinische Behandlungen zur Verfügung stehen. Die Versorgungsforschung untersucht u.a. inwieweit die Kosten und der Nutzen einer Behandlungsmethode in einem guten Verhältnis zueinander stehen.

Nicht zuletzt werden die Ergebnisse der Versorgungsforschung genutzt, um die Akteure im Gesundheitswesen, insbesondere die Politik, auf der Basis valider wissenschaftlicher Erkenntnisse in größtmöglicher Objektivität und Transparenz zu unterstützen und zu beraten. Kommt die Versorgungsforschung mit eindeutigen Belegen zu dem Schluss, dass ein Zustand mangelhaft ist, kann dies im Einzelfall genutzt werden, um verbindliche Vorgaben für die Versorgung zu erwirken oder den Aspekt bei der Aktualisierung einer Leitlinie zu berücksichtigen.

Versorgungsforschung - nah am medizinischen Alltag

Neben neuen Arzneimitteln und technischen Fortschritten in der Medizin steigt im Rahmen der Gesundheitsversorgung auch die Bedeutung von Ergotherapie, Physiotherapie und Pflege - insbesondere bei chronischen Erkrankungen. Entscheidend für den Behandlungserfolg ist, welche medizinische, rehabilitative oder pflegerische Leistung bei den einzelnen Patienten in ihrer konkreten Lebenssituation zum Erfolg führt. Damit Patienten möglichst optimal behandelt werden können, nimmt die Versorgungsforschung deshalb den Alltag in Arztpraxen und dem Leben der Patienten in den Blick. Die Beobachtungseinheiten umfassen Individuen, Familien, Populationen, Organisationen, Institutionen, Kommunen etc. Aufgedeckt werden so auch Über-, Unter- und Fehlversorgung, um nur die bestmöglichen Behandlungsmethoden anzuwenden.

Unser Anliegen: Versorgungsforschung im Bereich der Augenheilkunde

Aufgrund des demographischen Wandels wird sich die Zahl der Patienten in der Augenheilkunde bis 2030 deutlich erhöhen. So sollen aktuellen Hochrechnungen zufolge die Behandlungsfälle bei den über 60-Jährigen in diesem Zeitraum um 35,8 Prozent steigen. Um die Versorgungsforschung in der Augenheilkunde zu verbessern und eine bessere Datenbasis der augenärztlichen Versorgung in Deutschland zu erhalten, finanzieren der Berufsverband der Augenärzte Deutschlands e.V. (BVA) und die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) eine Stiftungsprofessur „augenärztliche Versorgungsforschung“ an der Universität Mainz.

Quellen: http://www.dfg.de/download/pdf/dfg_im_profil/reden_stellungnahmen/ 2010/stellungnahme_versorgungsforschung.pdf Bundesministerium für Bildung und Forschung Stiftung Auge Prof. Dr. med. Bernd Bertram, 1. Vorsitzender der Augenärzte Deutschlands e.V.

Interview mit Dr. Alexander Schuster, Stiftungsprofessor für ophthalmologische Versorgungsforschung

Frage: Professor Schuster, Sie sind seit Ende 2017 Stiftungsprofessor für ophthalmologische Versorgungsforschung an der Augenklinik der Universitätsmedizin Mainz. Welchen Fragen haben Sie sich seitdem hauptsächlich gewidmet? Welche Erkenntnis hat Sie besonders überrascht? Antwort: Ich bin zu Anfang Dezember 2017 auf die Professur hier in Mainz berufen worden, also habe ich die Stelle seit knapp fünf Monaten inne. Seitdem habe ich mich damit befasst, grundlegende Daten zur augenärztlichen Versorgung zu erheben.

In Mainz gibt es zum einen die Gutenberg Gesundheitsstudie, bei der 15.010 Personen im Alter von 35 bis inzwischen 85 Jahren alle fünf Jahre untersucht werden und wir hierdurch die Möglichkeit haben herauszufinden, welche Personen Augenerkrankungen haben bzw. bekommen, und wie diese therapiert werden.

Andererseits habe ich in Kooperation mit dem Robert Koch-Institut aus Berlin die augenärztliche Versorgung von Kindern betrachtet, insbesondere deren Brillenversorgung. Zusammen mit der AOK Baden-Württemberg haben wir außerdem das Augenmerk darauf gelegt, ob es einen Unterschied in der augenärztlichen Versorgung im hohen Rahmen der Anwendung von Netzhaut-Implantaten umgesetzt wird.

Frage: Welcher konkrete Forschungsbedarf wird hier gesehen?

Antwort: Bei der Behandlung der feuchten AMD zeigte sich in den letzten Jahren ein erstaunlich hoher Anteil an Personen, die die Therapie nicht wie empfohlen erhielten. Auch die Anzahl an durchgeführten Glaskörper-Injektionen zur Behandlung der feuchten AMD scheint im inneneuropäischen Vergleich niedrig zu sein, hier gilt es die Gründe zu eruieren um allen AMD-Patienten die bestmögliche Therapie zu ermöglichen.

Frage: Was bedeutet Versorgungsforschung konkret für die einzelnen Patient/ innen?

Antwort: Konkret versucht unsere Arbeit, dass jeder Patient und jede Patientin mit Augenerkrankungen einen möglichst guten Zugang zu augenärztlicher Versorgung bekommt und diese nach aktuellem wissenschaftlichen Kenntnisstand bestmöglich durchgeführt wird.

Frage: Unser Gesundheitssystem befindet sich in einem permanenten Umbau, es werden fortlaufend neue Medikamente und Therapien entwickelt. Wie geht die Versorgungsforschung damit um?

Antwort: In der Tat befindet sich unser Gesundheitssystem im permanentem Umbau. Dies ist auch notwendig, da unsere Gesellschaft sich verändert und älter wird, wodurch Augenerkrankungen häufiger auftreten. Zudem werden in den nächsten Jahren vermehrt Augenärzte in den Ruhestand gehen. Die Neuentwicklung von Medikamenten und Therapien für die breite Bevölkerung zugänglich zu machen, ist gerade ein Ziel der Versorgungsforschung. Wir betrachten hierbei die Anwendung von Medikamenten und Therapien unter Alltagsbedingungen und eben nicht unter Studienbedingungen, bei denen die Patienten meist keine oder sehr wenige andere Erkrankungen aufweisen, was oft bei den Betroffenen nicht zutrifft. Ein Schwerpunkt hierbei besteht darin, zu betrachten, welche Personen eine Therapie wie empfohlen durchführen und welche nicht, und was hierfür die Gründe sind.

Frage: Welche Bedeutung hat die Versorgungsforschung für die Gesundheitspolitik?

Antwort: Die Versorgungsforschung kann die Stärken und die Schwächen unseres Gesundheitssystems verdeutlichen und der Politik aufzeigen, welche Stellschrauben angepasst werden müssen, um in der breiten Bevölkerung mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen eine bestmögliche Versorgung zu erzielen.

Frage: Welchen Einfluss haben Politik und bestimmte Berufsgruppen oder Pharmafirmen auf die Versorgungsforschung?

Antwort: Das ist eine sehr wichtige Frage. Jeder Beteiligte im Gesundheitssystem hat andere Interessen, seien es bestimmte Berufsgruppen, Industrie, Krankenkassen, übergreifende Netzwerke oder Patientenvertretungen. Worüber sich jedoch alle einig sein werden, ist, dass jeder Patient die bestmögliche Therapie erhalten sollte und keine Ressourcen unnötig vergeudet werden dürfen. Zwischen den verschiedenen Beteiligten werden sich sicherlich die unmittelbaren Ansätze unterscheiden. Wenn jedoch alle diesem gemeinsamen Ziel folgen, werden sich die verschiedenen Vorgehensweisen eher ergänzen statt widersprechen.

Herzlichen Dank für das Interview!

Die Fragen stellte Charlotte Brückner, Projektreferentin bei PRO RETINA.

Zuletzt geändert am 14.01.2019 11:50