Bericht über die sehbehindertengerechte Stadtführung in Rinteln am 10.08.19

 

von Christian Schulte

 

Bei bestem Ausflugswetter (es war meistens heiter, manchmal wolkig, aber immer trocken und ca. 25 Grad) trafen sich einige Interessierte aus dem Raum Hannover um 10:15 Uhr vor dem dortigen Hauptbahnhof am Ernst-August-Denkmal. Manfred Bressel, dem ich zuvor die Teilnahmeliste und Vorschläge für Begleitungen gemailt hatte, sodass niemand etwas für die Zugfahrten zahlen musste, nahm die Gruppe dort in Empfang. Er führte sie dann zu Gleis 1, wo wenig später die S-Bahn zunächst nach Hameln abfuhr. Eine blinde Teilnehmerin fand auf dem Gleis nicht die Gruppe, sodass sie hier nicht mitfahren konnte. Wie wir auch ihr die Teilnahme ermöglicht haben, berichte ich später.

 

In Bad Münder stieg noch ein Ehepaar zu. Auch der Umstieg in Hameln in die Nordwestbahn klappte ohne Probleme. Mit nur fünf Minuten Verspätung kamen sie um 11:45 Uhr in Rinteln an. Zusammen mit meinem Vater nahm ich alle in Empfang und wir begrüßten uns herzlich. Auf dem Bahnhofsvorplatz warteten wir auf die Teilnehmenden aus Bielefeld und Herford, die mit zwei Autos ankamen (insgesamt neun Personen). 

 

Da etliche aus der Gruppe noch nie in Rinteln waren und teilweise auch nichts mehr sehen konnten, gab ich zunächst eine Standortbeschreibung ab. Ich sagte, dass Rinteln aktuell 27.500 Einwohner/innen hat, dass wir uns in der Nordstadt befinden, die deutlich jünger als die Altstadt im Süden ist, und dass die Weser diese beiden Stadtteile durchfließt. Rinteln liegt ganz im Süden des Landkreises Schaumburg und ist direkt von Nordrhein-Westfalen umrandet. 

 

Als alle eine Begleitung gefunden hatten, ging ich mit der Gruppe in südlicher Richtung durch die Nordstadt Richtung Weserbrücke. Auf dem Weg beschrieb ich schon einige Dinge. Die Weser hatte wegen der Trockenheit zu dieser Zeit Niedrigwasser (nur ca. 1,40 Meter tief). Normalerweise sind es gut zwei Meter, bei Hochwasser über sechs Meter). Von der Weserbrücke aus konnten alle, die noch einigermaßen gut sehen konnten, die Weserberge (Höhe zwischen 280 und 380 Meter) mit einigen Türmen, Kirchen und der Schaumburg erblicken. 

 

Gleich danach waren wir in der Altstadt und der Fußgängerzone angelangt. Hier fand zu dieser Zeit das Altstadtfest statt. Links und rechts waren Stände mit Waren und kulinarischen Genüssen aufgebaut. Am Marktplatz vorbei ging es zum Restaurant „Stadt Kassel“, wo ich Tische für uns reserviert hatte. Eine Dame führte uns in einen Extra-Raum, in dem schon Carmen und Wolfgang saßen, die direkt mit dem Auto aus Holzminden hergekommen waren. Ursprünglich hatten sich über 30 Personen angemeldet, gekommen sind dann immerhin 28. Wir unterhielten uns angeregt und warteten auf das vorbestelle Essen. Wenig später kamen auch Claudia Elia, die in Hannover vergessen wurde, und mein Vater dort an. Sie hatte die S-Bahn eine Stunde später genommen, kam um 12:45 Uhr in Rinteln an und wurde von meinem Vater am Bahnsteig in Empfang genommen und mit dem Auto zum Lokal gefahren. Ich war sehr erleichtert, da Claudia geburtsblind ist. Sie hat den Umstieg in Hameln wirklich toll geschafft. Manfred Bressel erwähnte dann meinen Geburtstag und mein Engagement für die PRO RETINA und überreichte mir eine Tüte mit einigen Präsenten, sowie zwei Gutscheine für Restaurant-Besuche in Hannover. Die Anwesenden sangen für mich ein Ständchen und ich bedankte mich mit einem Applaus und einer kurzen Dankesrede.

 

Das Essen schmeckte fast allen gut. Gegen 14 Uhr konnte ich mit der Stadtführung beginnen. Ich erzählte, dass Rinteln 1239 gegründet wurde, also genau 780 Jahre alt ist. Die Altstadt südlich der Weser war damals komplett von einer Stadtmauer umgeben und es gab drei Stadttore. Die Anordnung der Straßen und Gassen war damals schon so wie heute. In der Mitte befinden sich der Marktplatz mit dem alten Rathaus und angrenzend daran die St. Nikolai-Kirche mit dem Kirchplatz. Viele lebten damals von der Landwirtschaft, es gab Handwerksbetriebe, eine Wesermühle, Fischer und eine Zollstation an der Weser. Alle Schiffer, die zum Beispiel Waren von Holzminden oder Hameln Richtung Bremen oder dann zum Überseehafen nach Bremerhaven transportieren wollten, mussten den Zoll damals in die Hand des Zöllners hinein zahlen. Dies hieß auf Plattdeutsch „rin teln“. So ist Rinteln zu seinem Namen gekommen. 

 

Ich führte die Gruppe dann in die ruhig gelegene Giebelgasse. Sie ist ca. 2,50 Meter breit. Links und rechts stehen schöne Fachwerkhäuser. Nicht nur hier hatten die unteren Fenster Gardinen, sodass man nicht hineinschauen konnte, was ich auch gut verstehe. Jetzt kamen wir in die Bäckerstraße. Auch hier gibt es viele historische Fachwerkhäuser. Sie sind teilweise schon 300, 400 oder über 500 Jahre alt, da durch die Kriege wenig zerstört wurde. Ich beschrieb das Aussehen der Häuser und die erblindeten Teilnehmenden konnten einige Torrahmen und Türen mit Mustern und Erhebungen ertasten. Überall verteilt in der Altstadt gibt es auch Ackerbürgerhäuser mit einem großen Tor. Hier konnten die Bauern früher mit Pferd und Wagen ihre Ernte einfahren. 

 

Jetzt waren wir in der Krankenhäger Straße angekommen, die parallel zur südlichen Stadtmauer verläuft. Wir gingen ostwärts und kamen in die Ritterstraße. Heute würde man sie wohl als V.I.P.-Viertel bezeichnen. Früher wohnten hier Adelige, Schriftsteller und zeitweise der Mindener Bischof. Die Häuser sind sehr groß und meist im Fachwerkstil erbaut. Sie werden von Mauern aus Obernkirchener Sandstein umrahmt, die wir ertasten konnten. Die Grundstücke sind groß. Im Parkhof wohnte damals der Graf von Schaumburg (wenn er nicht im Bückeburger Schloss oder in Stadthagen residierte), im Burghof lebte der Mindener Bischof. Heute ist hier eine Klinik für psychisch kranke Menschen untergebracht. Direkt daneben steht das Geburtshaus von Franz von Dingelstedt, der u. a. das Weserlied dichtete) und schräg gegenüber liegt der Münchhausen-Hof, in dem diese Familie lebte. 

 

Von hier aus gingen wir wieder südlich über eine Brücke, unter der der frühere Stadtgraben, die Neue Exter, hindurchfließt. Dahinter liegt der Dingelstedt-Wall, eine frühere Wallanlage. Heute sieht man hier viele schmucke Villen. Bald waren wir am Seetor, dem südlichen Stadttor, angekommen. Heute hat sich Rinteln dahinter mindestens zwei Kilometer ausgedehnt. Wir gingen am alten Krankenhaus (heute Stadtverwaltung) vorbei zum jetzigen Rathaus. Danach wollten einige erst einmal wieder in die Fußgängerzone, um in einem Café etwas zu trinken und/oder ein Stück Kuchen zu essen. Frisch gestärkt brach ein Großteil der Gruppe dann zum zweiten Teil der Stadtführung auf. 

 

Am Kollegienplatz in der Klosterstraße stand früher ein Kloster. Als Rinteln im Zuge der Reformation 1560 evangelisch wurde, hat man es abgerissen. Die angrenzende Jacobi-Kirche wird heute von der evangelisch-reformierten Gemeinde genutzt. Schon zuvor hatte ich den Teilnehmenden erzählt, das Rinteln während des Dreißigjährigen Kriegs von Anfang bis Mitte des 17. Jahrhunderts vom Landgrafen von Hessen-Kassel erobert wurde. Er verlegte seinen Verwaltungssitz nach Rinteln. Dadurch hatte der Rintelner Stadtrat nur noch wenig zu sagen, aber die evangelisch-reformierten Beamten und Bediensteten, die nach Rinteln zogen, regten mit ihrer Kaufkraft auch die Wirtschaft an. 

 

Ab 1620 gab es in Rinteln auch die Universität Ernestina. Sie bestand bis 1806, als Napoleon mit seinen französischen Truppen Rinteln überfiel und die Uni schloss. Auf dem Gelände entstand dann das Gymnasium Ernestinum, das dort bis 1975 seinen Sitz hatte, und dann in einen Neubau umzog. Heute ist dort eine IGS untergebracht. Jetzt gingen wir am Prinzenhof vorbei und konnten daneben einen Teil der Original-Stadtmauer aus Sandstein ertasten. Erneut ging es über die Neue Exter in den Blumenwall, einen Stadtpark mit dem westlichen, abgeflachten Stadtwall, alten Bäumen, einigen Blumen, viel Rasen, einem Spielplatz und einem See. Über den Wall gingen wir Richtung Norden. 

 

Bevor wir auf den Pferdemarkt kamen, berichtete ich den Teilnehmenden etwas über die jüngere Stadtgeschichte. Nachdem Napoleon fort war ging es Rinteln nicht gut. 1857 wurde die erste richtige Weserbrücke gebaut. So konnte man auch die Nordstadt nach und nach erbauen. Es entstanden auch einige Industriebetriebe, wie die Glashütte Stoevesandt. Damit sie ihre Waren exportieren konnten wurde 1875 der Bahnhof gebaut und Rinteln war somit an das Schienennetz angeschlossen. Die Arbeiter ließen sich auch in der Nordstadt nieder. Im Laufe der 1920er und 1930er Jahre kam es zwischen den gewerkschaftlich-orientierten Arbeitern und der zunehmend nach rechts tendierenden Bürgerschaft zunehmend zu Konflikten. Von den Nazis wurden nicht nur die Linken drangsaliert, sondern zunehmend auch die Juden. Die letzten deportierte man 1942 ins KZ. Als im Frühjahr 1945 die Alliierten von Süden kamen, verschanzten sich die Nazis auf der Nordseite der Weser und sprengten die Weserbrücke in die Luft, weil sie dachten, dass sie dadurch nicht gefasst werden. Allerdings gab es damals auch schon Flugzeuge …

 

Die heutige Weserbrücke war bereits Ende 1946 wieder fertiggestellt. Nach dem zweiten Weltkrieg kamen viele Vertriebene aus den östlichen Gebieten nach Rinteln. In der Nordstadt, aber auch im Süden wurden viele Straßen und Häuser gebaut, sowie die sonstige Infrastruktur errichtet. 1974 wurden 18 umliegende mehr oder weniger große Orte in die Stadt Rinteln eingemeindet, sodass die Einwohnerzahl dadurch noch einmal deutlich erhöht wurde. Bis 1977 war Rinteln Kreisstadt der Grafschaft Schaumburg, in diesem Jahr wurde dieser Landkreis mit Schaumburg-Lippe zusammengelegt und Stadthagen wurde Kreisstadt im Landkreis Schaumburg. Viele Ämter und Behörden wurden von Rinteln nach Stadthagen verlegt oder zusammengefasst, was in Rinteln teils Unmut erzeugte. Mittlerweile hat sich dieser wieder gelegt. Auch die britischen Truppen, die jahrzehntelang in Rinteln stationiert waren, sind seit ein paar Jahren abgezogen. Durch etliche Geflüchtete stieg die Einwohnerzahl in den letzten Jahren wieder.

 

Wir gingen jetzt zum Brückentor, dem ehemaligen nördlichen Stadttor, das jetzt vor dem Brückentorsaal und -hotel aufgebaut ist, und konnten es ertasten. Es ist auch aus Sandstein.  Jetzt ging es auf die Weser-Promenade. Hier hatten wir einen guten Blick auf die Weser, die Exter, den Alten Hafen, das Freibad auf der anderen Weserseite und die dahinter liegenden bewaldeten Berge mit einigen Türmen und Burgen. Wir Verbliebenen machten noch einige Gruppenfotos. Etwas weiter befindet sich ein Original-Wachturm und ebenfalls ein Stück der Stadtmauer mit einem Relief der Fischergilde zum Ertasten.

 

Über die Brennerstraße gingen war in südlicher Richtung zum Kirchplatz. Hier und auf dem Marktplatz waren wegen des Altstadtfests ein Riesenrad, viele Stände und drei Bühnen aufgebaut, auf der Bands spielten. An der St. Nikolai-Kirche  und den Buden vorbei gingen wir zum Glasbläserbrunnen und dann auf den Marktplatz. Hier befinden sich das alte Rathaus, das Bürgerhaus (u. a. mit dem Standesamt), aber auch viele schöne, gut erhaltene Fachwerkhäuser und ein Brunnen, der den Weserverlauf symbolisieren soll (zu dieser Zeit leider ohne Wasser). Wir konnten eine Figur des Nachtwächters vor dem Bürgerhaus ertasten. 

 

Nachdem wir uns kurz ausgeruht hatten, gingen wir wieder zurück zum Bahnhof in der Nordstadt. Gegen 18 Uhr waren wir dort und die Hannoveraner/innen konnten schon in den dort stehenden Zug steigen. Soweit ich es mitbekommen habe, hat der Tag in Rinteln und meine Stadtführung allen gut gefallen. Um ca. 19:30 Uhr waren alle aus Hannover wieder gut angekommen.

Zuletzt geändert am 15.08.2019 09:00