Unsere Fahrt zum Phaeno in Wolfsburg am 30.11.19

von Christian Schulte

An diesem Samstag trafen sich 17 sehbehinderte und blinde Menschen, sowie gut sehende Begleitpersonen um 10:35 Uhr im Eingangsbereich des Hauptbahnhofs Hannover. Das Altersspektrum der Teilnehmenden war recht breit gefächert. Es war an diesem Tag teils sonnig, teils wolkig, aber recht kühl. 

Nachdem wir uns begrüßt hatten und ich für  jede/n Single-Blinde/n eine Begleitung gefunden hatte, gingen wir durch den Bahnhof zu Gleis 14, wo wenig später der Regionalzug nach Wolfsburg abfuhr. Pünktlich um 11:43 Uhr erreichten wir unser Ziel. Sehr schnell fanden wir im dortigen Bahnhof Melanie Kintzel, die mit ihrem Zug aus Braunschweig fast parallel ankam. 

Zunächst ging es ins nahe gelegene Lokal „Pizza King“, in dem ich Plätze für uns reserviert hatte. Die Gerichte wurden auch ohne Vorbestellung relativ schnell serviert. Vor und während des Essens unterhielten wir uns dabei angeregt. Gegen 13:20 Uhr machten wir uns auf den Weg zum nicht weit davon entfernten Phaeno. Es ist ein großes Betongebäude. Wir mussten eine Weile suchen, bis wir den Eingang fanden. Hier begrüßten uns schon Ursula Kalkhof, die die Regionalgruppe Niedersachsen Südost leitet, und ihr Begleiter. Eigentlich sollten aus dieser Gruppe noch fünf weitere Personen kommen, von denen allerdings nur zwei verspätet erschienen. Insgesamt waren wir 22 Teilnehmende. 

Nachdem ich alles bezahlt hatte und wir jedem die Eintrittsbändchen ums Handgelenk gelegt hatten, konnte es losgehen. Schon im Eingangsbereich nahm uns unsere Führerin Joana in Empfang. Sie fuhr mit uns eine Rolltreppe hinauf und wir konnten unsere Sachen in einem Sammelspind oder in separaten Fächern verstauen. Dann begann die 60-minütige Führung „Phaeno für alle“, die speziell auf die Bedürfnisse von blinden und sehbehinderten Menschen zugeschnitten war. In der sehr großen Halle gibt es auf verschiedenen Ebenen viele Stationen für Experimente im naturwissenschaftlichen Bereich. Joana sagte, dass es das Phaeno schon seit 14 Jahren gibt. Ansonsten machten wir an einigen Stationen Experimente, die auch für Menschen mit Seheinschränkungen erleb- und machbar waren. Hierbei kamen vor allem die Sinne Fühlen und Hören zum Einsatz. 

Zunächst legten wir auf eine auf einem Tisch befindliche drehende Scheibe einige kleine Bälle und Ringe. Wir stellten fest, dass sich dort die Bälle am längsten auf der Scheibe hielten, die weit in der Mitte platziert waren. Als Nächstes ging es zu einem Raum mit einer steilen Schräge. Zuerst ging es steil bergauf, dann hinunter, anschließend an der Schräge entlang und danach wieder hinauf und hinab. Ich und einige andere schafften dies ganz gut und waren froh darüber, anderen wurde dabei ein bisschen übel, andere verzichteten darauf.  

Anschließend führte uns Joana zu einem Gerät mit einigen runden Öffnungen, in denen Metalldrähte senkrecht und waagegerecht gespannt waren. Joana sagte, dass sie sich deutlich weicher als gedacht anfühlen würden, wenn man von beiden Seiten parallel mit den Handflächen darüber streicht. Ich empfand das nur bedingt so. 

Nun kamen wir zu einer Spule, die an einer Seite ziemlich kalt, zur Mitte hin wärmer wurde, und an der anderen Seite recht heiß war. Dann bestiegen wir einige Platten die unter uns mehr oder weniger stark vibrierten. Man konnte sich aber recht gut darauf halten. Als nächstes konnten sich Mutige auf eine Pritsche legen. Hier kamen bald die Nägel hoch. Da sie gelichmäßig groß waren, konnte man hier recht gut ohne Schmerzen liegen. Wir stellten uns auch noch vor einen großen Spiegel, dessen Glas sich nach hinten wölbte. Auf eine Stelle des Körpers schien eine Lampe, die die Haut dort erwärmte. 

Bei den restlichen Experimenten ging es eher um die Akustik und den Stromkreis. An einer Station legten wir eine Hand oben auf einen Stab und unten auf eine Metallplatte. Jetzt erklang ein Geräusch. Joana sagte, dass hier der Strom durch den Menschen hindurchfließen würde. Auf meinen Vorschlag hin versuchten wir dies zu zweit und zu dritt, indem wir uns an den Händen hielten und einer die andere Hand auf den Stab und der andere seine zweite Hand auf die Platte legte. Auch hier erklang der Laut, weil der Strom durch alle hindurch übertragen wurde. 

Nach dem gleichen Prinzip funktionierte eine Bank in der Nähe. Zwei Personen setzen sich darauf, legten eine Hand auf die Lehne und die andere in die des anderen. Hier erklang nicht nur ein Ton, auch ein elektrisches Symbol auf der Bankrücklehne blinkte und blitzte. Auch dies funktionierte bei drei Personen oder als ich mich zuletzt alleine auf die Bank setzte und beide Seitenlehen berührte.  Zum Schluss kamen wir noch zu einem sehr starken Magneten auf einem Tisch in einer Schale. Hier hatten schon viele vor uns eine Menge Metallplättchen in Stangenform aneinandergereiht. Durch den Magneten angezogen, hielten sie alle aneinander. In der Schale lagen weitere Plättchen, die wir ebenfalls dort anhängten. 

Nun war die Führung beendet. Joana hatte sich schon bemüht, die Stationen herauszusuchen, die für uns interessant und erlebbar waren. Über das Phaeno an sich erfuhren wir nicht so viel. Manchmal dauerte es auch etwas länger, bis viele Interessierte der großen Gruppe das jeweilige Experiment gemacht hatten, allerdings war die Führung schon recht kurzweilig. Joana brachte uns am Ende noch zum Bistro, in dem für uns Tische am Fenster reserviert waren. Kaffee und Kuchen wurden an die Tische gebracht und man konnte sich ganz gut austauschen. 

Danach machten sich einige schon auf den Heimweg. Wir anderen gingen in kleineren Gruppen mit jeweils einer gut sehenden Person noch einmal durch die Räumlichkeiten, um zu schauen, was es sonst noch an Experimentierstationen für uns gab. Leider waren viele davon für stark Seheingeschränkte nicht so gut geeignet, da man hierbei recht gut sehen muss, um dies machen zu können bzw. das Ergebnis der Bemühungen zu erkennen. 

Mit meiner Gruppe war ich an einer Station, an der man sich auf einen Sitz setzen und per Seil und Flaschenzug emporziehen konnte. Dies war anstrengender, als man zunächst dachte. An einer anderen Station konnte ich einen Luftballon mit Hilfe eines Gebläses nach oben blasen. Auf einer gewissen Höhe sind links und rechts zwei Metallringe angebracht. Zum Glück gelang es mir, den Ballon per Gebläsesteuerung erst durch das eine und dann durch das andere Loch zu bugsieren.  Ganz interessant ist auch die Station, an der mit Hilfe von mehr oder weniger großen Platten der Dominoeffekt verdeutlich wird. Man konnte die kleinste Platte nicht gerade hinstellen, sodass sie umfiel und auch die größeren Platten dahinter nach und nach umwarf. Auf unserem Rundgang kamen wir auch zu einem Punkt, an dem schon eine Familie dabei war, mithilfe von geraden und keilförmigen Kunststoffsteinen einen Torbogen zu errichten. Ich half hier mit. Es war in der Mitte gar nicht so leicht, da es keinen Kleber oder ähnliches gab, der die dort waagerechten, in der Luft hängenden Steine zusammenhielt. Mit gemeinsamer Kraft schafften wir es aber, dass der Torbogen stehenblieb. Alle Steine mussten eng aneinander gepresst werden.

Während unseres Rundgangs gab es auch eine Feuerfontäne zu sehen. Unsere vorhergehende Führerin Joana vergoß auf einem Sockel eine brennbare Flüssigkeit. In dem Sockel sind Heizrohre angebracht, die die Flüssigkeit mehr und mehr erhitzten, sodass erst eine kleine Flamme zu sehen war, die rasch immer größer wurde (insgesamt sechs Meter hoch). Es ist die höchste Flamme in einem Gebäude in Europa. Wir spürten die Wärme des Feuers. Als die Flüssigkeit verbrannt war, ging die mächtige Flamme recht schnell wieder aus. Jetzt konnten relativ gut Sehende noch eine Rauchsäule erkennen. 

Um 16:40 Uhr fanden sich die kleinen Gruppen, gemäß meiner vorhergehenden Ansage, wieder bei den Spinten ein. Nachdem wir uns noch kurz ausgeruht hatten, ging es wieder zum Wolfsburger Bahnhof zurück. Auf Gleis 4 wartete schon unser Regionalzug, der um 18:11 Uhr wieder in Hannover eintraf. Auf der Rückfahrt sprachen wir noch einmal über den Besuch. Wir fanden die Führung recht gut und sinnvoll. Sonst hätten wir schlecht die Experimente gefunden, die wir machen konnten. Blinde und stark Sehbehinderte sollten aber nicht alleine dort hingehen und auch mit einer gut sehenden Begleitung, die sich nicht gut auskennt, wird es schwierig. Ideal ist das Phaeno aber besonders für Kinder, die bei den zahlreichen Experimenten spielerisch an naturwissenschaftliche Phänomene herangeführt werden. Die meisten fanden es aber unterm Strich ganz okay, auch wenn nicht alle noch einmal dort hingehen möchten. 

Zuletzt geändert am 03.12.2019 17:02