EYE-RISK-Projekt: Zwischenergebnisse ermutigen

Pressekonferenz der PRO RETINA Deutschland in Berlin rückt AMD in das Licht der Öffentlichkeit

Von Kerstin Ullrich (Thieme Kommunikation) und Ines Nowack (PRO RETINA)

"Ich habe noch nie zuvor etwas von Altersabhängiger Makula-Degeneration (AMD) gehört", sagte die Journalistin des Mitteldeutschen Rundfunks offen während der Pressekonferenz im Tagungszentrum der Berliner Bundespressekonferenz. Zahlreiche Medienvertreter interessierten sich für die Einladung von PRO RETINA Deutschland, um über die Volkskrankheit AMD, die bisher noch nicht als solche wahrgenommen wird, zu berichten.

Den Fragen der Journalisten, darunter auch des Westdeutschen Rundfunks, der ÄrzteZeitung oder der augenärztlichen Fachpresse, stellten sich eine Stunde lang Verena Bentele, Biathletin und Skilangläuferin, zwölffache Paralympics-Siegerin, ehemalige Bundesbehindertenbeauftragte der Bundesregierung und Präsidentin des Sozialverbandes VdK Deutschland, Professor Dr. Marius Ueffing, Direktor des Forschungsinstituts für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Tübingen und Koordinator des EYE-RISK- Projekts, Franz Badura, Vorsitzender der PRO RETINA und Professorin Dr. med. Sabine Aisenbrey, Chefärztin der Klinik für Augen- heilkunde am Vivantes Klinikum Neukölln.

Im Mittelpunkt standen die Erkenntnisse des Europäischen Forschungsprojekts EYE-RISK zur AMD. Das zentrale Zwischenergebnis ermutigt: Eine rechtzeitige Lebensstiländerung kann Menschen mit hohem Risiko, an Altersabhängiger Makula-Degeneration (AMD) zu erkranken, bis ins fortgeschrittene Alter vor dem Verlust des Sehvermögens schützen.
Weltweit größte Datenbank für AMD

EYE-RISK Daten hat die Daten von 60.000 Betroffenen systematisch und mit Hilfe von Computersimulation und Methoden künstlicher Intelligenz ausgewertet. "Bei dieser Datenbank handelt es sich um die derzeit weltweit größte Wissensressource für AMD", sagte Professor Marius Ueffing.

Durch die Analyse des großen Datenpools ist es den beteiligten Forschern gelungen, vor AMD schützende Faktoren mit hoher Wirksamkeit zu identifizieren. "Wer aufs Rauchen verzichtet, sich mediterran ernährt und täglich bewegt, kann die Chance, sein Sehvermögen trotz eines hohen genetischen Risikoprofils bis ins späte Alter zu erhalten, wesentlich verbessern", fasste Ueffing zusammen. Die Daten zeigen, dass sich die AMD bei Menschen, die so leben, wesentlich langsamer entwickelt: "Im besten Fall kommt es dann gar nicht zur Spätform der AMD, die Betroffenen können weiterhin Auto fahren oder lesen und damit ein selbstständiges und unabhängiges Leben führen."
Nikotinverzicht, viel Gemüse und Fisch, 6.000 Schritte täglich

Konkret sollte auf dem Speiseplan wenig industriell prozessierte Nahrung, dafür viel frisches, vitaminreiches Gemüse stehen. Fisch, Olivenöl und Omega-3-Fettsäuren, wahlweise auch in Form von Fischöl-Kapseln, schützen, wenn dies über längere Zeit regelmäßiger Bestandteil der Ernährung ist. Für die körperliche Aktivität als schützender Lebensstilfaktor liegen ebenfalls konkrete Anweisungen vor. "Für einen älteren Menschen sind 5.000 bis 6.000 Schritte täglich empfehlenswert, also ein Spaziergang von etwa einer Stunde Dauer", so Professor Ueffing. Alternativ kann auch eine dem Alter und den individuellen Voraussetzungen entsprechende sportliche Aktivität helfen.

Besonders gefährdet, an AMD zu erkranken, sind Personen, deren enge Verwandte an der Netzhauterkrankung leiden. "In diesem Fall sollte man ab dem 50. Lebensjahr einmal jährlich zum Augenarzt gehen und sich auf Ablagerungen im Augenhintergrund untersuchen lassen, auf sogenannte Drusen", rät Professor Ueffing. Erkennt der Augenarzt solche Fett- und Proteinablagerungen, ist der Zeitpunkt gekommen, den Lebensstil konsequent umzustellen. "Hat einmal ein Zellsterben im Auge eingesetzt, kann man den Prozess nur noch verzögern", warnte Ueffing.

Professorin Aisenbrey ergänzte: "Heute haben wir mit der modernen Technik bildgebender Verfahren die Chance, in verschiedenen Ebenen des Auges und der Netzhautschichten frühe Veränderungen wahrzunehmen.

Das setzt jedoch im klinischen Alltag technische und personelle Power voraus, die wir gern allen Patientinnen und Patienten gleichermaßen zukommen lassen würden."

Verena Bentele forderte dazu vor der Pressekonferenz: "Jeder Patient muss das Recht auf eine gesicherte Diagnose haben. Untersuchungen, mit deren Hilfe Augenerkrankungen frühzeitig festgestellt werden können, müssen von den gesetzlichen Krankenkassen gezahlt werden." Der Sozialverband VdK sehe jedoch generell große Klassenunterschiede in der gesundheitlichen Versorgung der älteren Bevölkerung. In Gesundheitsfragen dürften auch im Alter sowohl die Selbstständigkeit, Informationsbeschaffung oder auch Interaktion mit anderen Menschen nicht abhängig von den finanziellen Möglichkeiten des Einzelnen sein, so Bentele.

AMD beginnt meist im Alter jenseits der 60 und verläuft schleichend. Von schweren Formen der AMD sind Menschen meistens erst ab 70 betroffen. Sie leben aufgrund ihrer massiven Einschränkungen im Alltag oft zurückgezogen in ihren Familien und vereinzeln, weiß Professor Ueffing. Das sei auch der Grund, warum die AMD in der allgemeinen Öffentlichkeit so wenig bekannt ist. Dabei betrifft die Krankheit, konservativ geschätzt, vier bis fünf Millionen Menschen in Deutschland. Rechnet man die ersten Anfänge der Erkrankung mit, sprechen einige Experten sogar von bis zu sieben Millionen Betroffenen.

PRO RETINA setzt sich als Patientenorganisation verstärkt dafür ein, dass sich das ändert. "Wir brauchen dringend öffentliche Aufmerksamkeit für die Volkskrankheit AMD und die präventiven Möglichkeiten, mit denen jeder einzelne den Verlauf beeinflussen kann", warb Franz Badura. Es müsse ein breites Bewusstsein dafür geschaffen werden, was eine AMD im Alltag bedeutet, welche wichtigen visuellen Fähigkeiten verloren gehen und welche sozialen Belastungen damit verbunden sind.
Individuelle Tests auf Risiko und Verlauf

EYE-RISK hat über die Präventionsstrategie hinaus ein analytisches und diagnostisches Panel entwickelt, das Erkrankungsrisiko und den Erkrankungsverlauf eines Einzelnen relativ zuverlässig voraussagen kann. "Dazu werden zunächst mehr als 40 Einzelinformationen aus Alter, Lebensstil, klinischen Daten und einer Augenuntersuchung aufgenommen, in einem zweiten Schritt das genetische Risikoprofil getestet", berichtete Professor Ueffing. Den DANN-Test erbringt derzeit die niederländische Universität Nijmegen auf Basis einer Blutprobe. Computeralgorithmen analysieren und bewerten schließlich alle gewonnenen Daten.

"Wir sind überzeugt, dass es gelingen kann, die Zahl der durch AMD erblindeten Menschen bis zum Jahr 2030 auf die Hälfte zu reduzieren", sagte Ueffing. Er gehe zudem davon aus, dass in fünfzehn Jahren eine Behandlung für die trockene AMD bereitstehe. Ueffing: "Ein Zeitgewinn durch Lebensstilmaßnahmen ist daher ein unschätzbarer Vorteil." Dazu müsse das jetzt gesammelte Wissen in Arztpraxen und Kliniken ankommen. Dies möchte ein zukünftiges EYE- RISK-Projekt realisieren.
Netzhautprothese ARGUS II wird eingestellt

Der Hersteller Second Sight Medical hatte einen Produktionsstopp des Argus-II-Systems bereits ab dem 15. Mai 2019 beschlossen, seit dem 1. August werden keine weiteren Untersuchungen und Implantationen mehr durchgeführt. Patientinnen und Patienten, die bereits ARGUS II implantiert haben, werden weiterhin unterstützt und sollen unverändert Serviceleistungen erhalten. Bei Fragen wenden sich Betroffene an ihre jeweiligen Behandlungszentren und Kliniken.
Sehrindenprothesensystem Orion

Konzentrieren will sich Second Sight nun auf die Entwicklung des neuen Orion-Systems. Dieses umgeht weitestgehend das menschliche Auge und nutzt ein Elektroden-Array, das in der Sehrinde (visueller Cortex) platziert wird. Second Sight testet das System seit Oktober 2018 im Rahmen einer klinischen Studie mit fünf Patienten. Derzeit lässt sich noch keine Aussage darüber treffen, wann mit einer Marktzulassung zu rechnen ist.

Wie bei Argus II wandelt das Orion-System die von einer winzigen Videokamera in der Brille des Patienten aufgenommenen Bilder in eine Reihe kleiner elektrischer Impulse um. Orion soll diese elektrischen Impulse dann drahtlos an ein auf der Oberfläche der Sehrinde implantiertes Elektrodengitter übermitteln. Dort sollen sie als Lichtmuster wahrgenommen werden. Da eine Sehrindenprothese die Netzhaut und den Sehnerv umgeht und die Sehrinde unmittelbar stimuliert, kann dieses System potenziell ein nützliches Sehvermögen bei Patienten wiederherstellen, die aus vielerlei Gründen vollständig erblindet sind - darunter Glaukom, diabetische Retinopathie, diverse Krebsarten oder Traumata, sodass es möglicherweise bei vielen weiteren Patienten zur Behandlung zusätzlicher Indikationen eingesetzt werden kann

Zuletzt geändert am 13.12.2019 17:40