Unsere Fahrt nach Bad Oeynhausen mit toller, sehbehindertengerechter Führung durch die Kuranlagen am 15.08.20

von Christian Schulte

An diesem Samstag gab es wieder ein gemeinsames Treffen der Hannoveraner und Bielefelder Regionalgruppe. Um kurz vor 11:00 Uhr versammelten sich alle Teilnehmenden aus der Region Hannover vor dem dortigen Hauptbahnhof bei zeitweise regnerischem Wetter. 

Gemeinsam gingen sie zum Regionalzug, in den ich um 11:44 Uhr bei leichtem Sonnenschein in Bückeburg zustieg. Als wir um kurz nach 12 Uhr in Bad Oeynhausen (Ostwestfalen, Landkreis Minden-Lübbecke) ausstiegen, regnete es leider wieder ein bisschen. Die Teilnehmenden aus der Region Bielefeld waren schon kurz zuvor eingetroffen und warteten vor dem Bahnhof. 

Nachdem wir uns begrüßt und ich die einzelnen Personen vorgestellt hatte, führte uns Udo Vorndamm durch die Innenstadt zum Hotel/Restaurant „Westfälischer Hof“. Hier hatte ich für die Gruppe Plätze reserviert. Es dauerte eine Weile bis die Getränke- und Essensbestellungen aufgenommen wurden. Die Zeit überbrückten wir mit interessanten Gesprächen. Die Gerichte schmeckten, soweit ich gehört habe, allen gut. Es traf dann noch ein erblindetes Paar aus Bad Oeynhausen ein. Insgesamt nahmen 17 sehbehinderte Menschen und ihre Begleitungen am Essen teil, 16 an der anschließenden Führung durch die Kuranlagen. 

Da der Gästeführer Christian Barnbeck auch erst später als verabredet (14:00 Uhr) beim Lokal eintraf, konnten alle in Ruhe essen und bezahlen. Der Stadtführer ging mit uns wieder einen Großteil des Weges zurück, den wir gekommen waren, diesmal allerdings bei strahlendem Sonnenschein und in der Sonne mindestens 30 Grad Celsius. Dieses Wetter hielt dann bis zum Ende unseres Besuchs an, auch wenn es für manche wohl etwas zu schwül-heiß war. Während der Besichtigung kamen wir aber immer wieder an schattige Plätze.

Die eigentliche Führung startete vor einem historischen Badehaus, welches sehr edel aussieht. Es liegt am nördlichen Rand des Kurparks. Christian Barnbeck erzählte zunächst etwas zur gar nicht so langen Stadtgeschichte. Die eigentliche Stadtgründung fand erst im Jahr 1860 durch König Friedrich-Wilhelm IV von Preußen statt, zu dem dieses Gebiet zu der Zeit gehörte. Dörfer, die heute Stadtteile von Bad Oeynhausen sind, wurden aber schon im 8. und 9. Jahrhundert erwähnt. 

Auf dem Gebiet der heutigen Innenstadt und des Kurparks waren lange Wiesen und Ackerflächen. Mitte des 18. Jahrhunderts entdeckte ein Bauer, dass ein im Schlamm sudelndes Schwein auch Salz im Fell hatte. Also vermutete man hier Salzvorräte. Diese befanden sich aber ca. 700 Meter unter der Erdoberfläche. Zunächst bohrte man nach Salz und verkaufte es anschließend. Der Berghauptmann Karl von Oeynhausen stieß bei Bohrungen 1839 plötzlich auf eine Thermalheilquelle. Christian Barnbeck erklärte uns, dass vor vielen tausend Jahren durch Erdverschiebungen infolge von Hitze- und Kältephasen größere Erdbewegungen stattgefunden haben. Hierdurch entstanden aber auch Risse im Boden. Dadurch ist Regenwasser, angereichert durch Salz und Eisen im Boden, in tiefe Erdschichten gelangt. Mit Hilfe von Kohlensäure schoss dieses Heilwasser durch die Bohrlöcher nach oben, also als Quelle. Diese befindet sich mitten im heutigen Kurpark. Wir gingen später noch daran vorbei. 

Um die Quelle herum wurde dann der Kurpark mit zahlreichen Badehäusern und sonstigen Einrichtungen, wie auch Kliniken und Pensionen gebaut. Gastronomie, Geschäfte und Wohnhäuser entstanden. Anders als in anderen, viel älteren Städten, gibt es in Bad Oeynhausen keinen zentralen Marktplatz mit historischer Kirche oder Fachwerkhäusern. Mit den Ortsteilen zusammen hat die Stadt knapp 50.000 Einwohner/innen. Benannt wurde sie nach dem Entdecker der Thermalquelle, Karl von Oeynhausen.  Von ihm gibt es vor dem Badehaus, in welches wir als erstes gingen, ein Denkmal, das wir ertasten durften. 

Der Gästeführer erklärte uns nicht nur hier sehr gut das Aussehen des Badehauses. Es wurde im griechischen Architekturstil errichtet und war ganz im weiß. Links und rechts des etwas nach vorne gezogenen Eingangs gibt es jeweils einen Gebäudeflügel. Beide zeigen ebenfalls nach vorne, sodass eine Art Innenhof wahrnehmbar ist. Über einen leicht ansteigenden Weg gelangten wir in den Mittelteil des Badehauses. Bad Oeynhausen war übrigens 1875 die erste deutsche barrierefreie Stadt. Im Gebäude war es zwar kühler, aber wir mussten hier eine Maske tragen. Auf dem Boden konnten alle, die noch etwas sehen, ein schönes Mosaik bewundern. Die Wände waren hell. Während der britischen Besatzung wurden hier leider etliche Heiligenfiguren zerstört. Über uns war eine fast 20 Meter hohe Kuppel aus Glas. Im Raum hallten die Stimmen sehr. Durch eine Tür traten wir in einen früheren Warteraum für die Kurgäste. Die Wand zum Kurpark ist sehr schön bemalt und vermittelt den Eindruck, als ob man durch ein Fenster in einen griechischen Garten schaut. 

Christian Barnbeck berichtete, dass sich in früheren Jahrhunderten nur Adelige und gut betuchte Menschen eine Kur leisten konnten. Bad Oeynhausen war wohl eines der Bäder, welches vor allem den „normalen“ Bürger/innen offenstand. Viele waren schwer krank und wurden im Rollstuhl zu den Anwendungen geschoben. Es kamen aber auch Leute mit Schuppenflechte, Tuberkulose und psychischen Erkrankungen. Der Gästeführer sagte, dass es damals auch schon Burn-out-Erkrankte gegeben habe, nur nicht so viele und es hätte anders geheißen. In Bad Oeynhausen hat man von Anfang an auf die ganzheitliche Behandlung gesetzt, da viele Erkrankungen aufgrund von psychischen Problemen und Stress zurückzuführen sind. Sehr bekannt ist Bad Oeynhausen heute durch seine Herz- und Diabetesklinik, in der auch schon Udo Lindenberg nach einem Herzinfarkt behandelt wurde. 

Wir verließen das Badehaus, in deren Seitenflügeln heute keine Behandlungen mehr durchgeführt werden, durch einen Ausgang zum Kurpark. Hierin befinden sich neben vielen Rasenflächen und gut ausgebauten Wegen auch viele alte Bäume aus ganz vielen Ländern, Die seien um die 170 Jahre alt. so zum Beispiel Platanen und einen Küstenmammutbaum, dessen Rinde sehr weich ist. Auch die anderen Bäume konnten wir ertasten und so einen Eindruck davon gewinnen, wie dick ihre Stämme sind. Angelegt ist ein Großteil des Parks im englischen Landschaftsstil, also mit verschlungenen Wegen und keinen geraden Anordnungen, wie zum Beispiel in den Herrenhäuser Gärten. Ein Teil des Parks, den wir später durchschritten, und der zum Kurhaus führt, erinnert aber auch an diesen Stil. In einigen Bereichen sieht man auch schöne Rosen und anderen bunte Blumen.

Die meisten Gebäude sind entweder an den griechischen, französischen oder italienischen Architekturstil angelehnt. Christian Barnbeck erläuterte, dass hier viele europäische Baukunst zusammenkomme und auch alle Epochen der Baukunst seit dem Mittelalter erkennbar sind. Wir gingen an einer Wandelhalle entlang, in der gerade ein Kurkonzert stattfand und dann zu einem weiteren Badehaus, welches noch in Betrieb ist. Hier mussten wir wieder unsere Masken aufsetzen und wurden in den farbenfroh gestalteten Empfangsraum geleitet, der ebenfalls eine hohe Kuppel hat. Wir durften sogar in kleinen Gruppen einen Behandlungsraum mit einer tiefen Badewanne betreten. Christian Barnbeck leitete unten etwas Heilquellwasser ein. Da hörte man wie es ganz schön sprudelte durch die Kohlensäure und dem Druck der in der Quelle herrschte. Wir durften mit dem Finger hineinfassen und ihn ablecken. Es schmeckte salzig, aber auch etwas nach Eisen und anderen Mineralien. In den anderen Zimmern entdeckte ich meist Massageliegen. 

Im Kurpark gibt es auch diverse Wasserspiele, das größte vor dem Kurhaus, welches wir aber nicht aus der Nähe sahen. Wir gingen stattdessen vor das Kurtheater, welches zu normalen Zeiten 500 Zuschauende fasst. Hier startete übrigens Theo Lingen seine Karriere und entdeckte sein Talent für komische Rollen. Jetzt war es 16:30 Uhr und die sehr interessante Führung fast zu Ende. Christian Barnbeck machte noch einige Fotos von uns und bekam abschließend einen Riesenapplaus. Dies war seine erste sehbehindertengerechte Führung, und er hatte viele meiner Anregungen aus dem Vorgespräch umgesetzt, was bei allem sehr gut ankam. Zum Schluss brachte er uns noch zum Eiscafé „Cordella“ in der Nähe des Bahnhofs, in dem ich Tische im Außenbereich für uns bestellt hatte.

Manche gingen schon zum Bahnhof zurück, wir anderen ließen uns auf den Stühlen nieder und genossen im Sonnenschein ein schönes kühles Getränk oder einen erfrischenden Eisbecher. Um etwa 17:45 Uhr ging ich mit den meisten aus der Region Hannover zum Bahnhof zurück. Der Zug kam pünktlich und wir fuhren glücklich, aber wegen des Klimas auch etwas erschöpft nach Hause zurück. 

Zuletzt geändert am 18.08.2020 16:27