Pressemitteilung vom 13.03.2008Altersabhängige Makuladegeneration: Bürokratische Hürden verzögern den Einsatz zugelassener und sicherer Therapien PRO RETINA Deutschland kritisiert Machtkampf zwischen Krankenkassen und Arzneimittelherstellern auf dem Rücken der Patienten

(Aachen) Anders als geplant, ist eine spezielle Injektionsbehandlung zur Therapie der altersabhängigen Makuladegeneration, der häufigsten Ursache für Sehbehinderung und Erblindung, im neuen Leistungsverzeichnis für gesetzlich versicherte Patienten (EBM 2008) nicht enthalten. Dies hat für betroffene Patienten gravierende Konsequenzen: Obwohl sie einen rechtlichen Anspruch auf die Therapie haben, müssen sie den bürokratischen und zeitraubenden Weg der Einzelfallgenehmigung durch ihre Krankenkasse beschreiten. Für die Selbsthilfevereinigung Pro Retina Deutschland e.V. sind derartige Hürden eine Zumutung für die betroffenen Patienten und nicht akzeptabel: "Deutschland droht zum Schlusslicht der Industrienationen im internationalen Kampf gegen die Alterserblindung zu werden."

Bis zum Jahr 2030 wird Schätzungen zufolge eine altersabhängige Makuladegeneration (AMD) bei jedem dritten Bürger im Alter die Sehkraft beeinträchtigen. Schon heute erkranken pro Jahr etwa 50.000 Patientinnen und Patienten neu an der besonders gefährlichen "feuchten" Form. Sogenannte Angiogenese-Hemmer, die in das Auge injiziert werden, können seit einiger Zeit erstmals erfolgreich das Leiden aufhalten und bei einem Teil der Patienten sogar die Sehkraft bessern. Zugelassen sind Pegaptanib (Macugen) und Ranibizumab (Lucentis). Unterbleibt die Therapie, ist ein Sehverlust die Folge. Die Patienten können nicht mehr lesen, die Fähigkeit zur selbstständigen Lebensführung geht verloren. Am Ende steht die nahezu völlige Erblindung.

Die ärztliche Injektionstherapie in den Augapfel, die sogenannte intravitreale Injektion, war jedoch bislang nicht in den Leistungsverzeichnissen für gesetzlich Versicherte (EBM = einheitlicher Bewertungsmaßstab) enthalten. Auch im EBM 2008, der jetzt in Kraft trat, ist diese Therapie nicht aufgeführt. Die Vertreter von Krankenkassen und Ärzten, welche die Leistungsverzeichnisse aushandeln, kamen offenkundig bei dieser Therapie zu keiner Einigung. Hintergrund dürfte sein, dass die Krankenkassen die Kosten der Medikamente scheuen: Lucentis kostet pro Injektion 1500 Euro, die Injektionsbehandlung kommt noch hinzu – und es sind mindestens drei Spritzen erforderlich.

Was dies für die Betroffenen bedeutet, erfahren die Augenärzte am Netzhaut-Telefon der Pro Retina Deutschland an der Augenklinik der Universität Bonn: Im Januar 2008 hatte mehr als die Hälfte der Anrufer Fragen zur AMD. Um eine zugelassene und nachgewiesen wirksame Therapie zu bekommen, auf die sie auch einen sozialrechtlichen Anspruch haben, bleibt den Patienten nur der bürokratische Weg der Einzelfallgenehmigung durch die Krankenkassen, deren Regelungen stark variieren. Diese Hürden sind für viele Patienten zu hoch und lässt manche von vornherein resignieren.

Darüber hinaus werden die Anträge von den Krankenkassen oft nur sehr zögerlich bearbeitet. Es vergeht wertvolle Zeit, in der sich das Sehvermögen der Patienten weiter verschlechtert.

Einige Krankenkassen fördern den Einsatz des Krebsmedikamentes Avastin bei der AMD im off-label-use, also außerhalb der Zulassung dieses Medikamentes. Zwar ist eine kostengünstige Therapie im Sinne der Solidargemeinschaft erstrebenswert, doch wichtiger ist, dass die Wirksamkeit und Sicherheit eines Medikamentes durch entsprechende klinische Studien belegt ist und dass das Risiko der Anwendung nicht beim Patienten liegt. Klinische Studien sind angelaufen, bei denen Lucentis und Avastin direkt verglichen werden. Allerdings werden die Ergebnisse dieser Studien frühestens 2011 vorliegen.

"Pro Retina Deutschland hält es für nicht hinnehmbar, dass ein Machtkampf zwischen Krankenkassen und Arzneimittelherstellern über Arzneimittelpreise auf dem Rücken der Patientinnen und Patienten ausgetragen wird", kritisiert Dr. Claus Gehrig, Vorsitzender der Pro Retina Deutschland e.V. Unter die Räder gerate hierbei der Anspruch aller gesetzlich Versicherten auf eine Behandlung mit einer wirksamen und sicheren Therapie nach dem anerkannten Stand der medizinischen Erkenntnisse unter Berücksichtigung des medizinischen Fortschritts. Die Patientenorganisation will sich daher bei den Verantwortlichen dafür einsetzen, dass Deutschland nicht zum Schlusslicht des internationalen Kampfs gegen die Altersblindheit wird.

Die PRO RETINA Deutschland e.V. – Selbsthilfevereinigung von Menschen mit Netzhautdegenerationen – wurde 1977 von Betroffenen und deren Angehörigen als gemeinnütziger Verein gegründet, um sich selbst zu helfen. Es ist eine bundesweit tätige Organisation mit derzeit 64 Regionalgruppen und mehr als 6.000 Mitgliedern. Pro Retina e.V. bietet Informationen und Beratung und versteht sich als Interessenvertretung der Patientinnen und Patienten in der Öffentlichkeit. Die Vereinigung veranstaltet Symposien und Seminare für Patienten und bietet umfangreiches Informationsmaterial. Hinzu kommen eine psychologische Erstberatung, psychologisch geführte Seminare und Gesprächsforen Betroffener im Internet. Um einen Beitrag zur Entwicklung wirksamer Therapien zu leisten, engagiert sich Pro Retina auch in der Forschungsförderung.

Zuletzt geändert am 17.06.2009 13:51