Pressemitteilung vom 28.01.2021Der Führhund – Das einzige lebende Hilfsmittel auf Rezept

Die Patientenorganisation PRO RETINA Deutschland e. V. rückt anlässlich des Internationalen Tages des Führhundes am 29. Januar die Probleme bei der Ausbildung von Führhunden und beim Zutritt in Geschäften sowie Arztpraxen in den Vordergrund und zeigt, wie sehr Führhunde zu einem selbstbestimmten Leben beitragen können.

Führhund Sam führt eine Treppe hinunter. Bild: Chris Zeilfelder

Bedingungsloses Vertrauen

Führhundhalterinnen und -halter pflegen eine ganz besondere Beziehung zu ihren Begleithunden. Besonders ist diese Beziehung deshalb, weil beide Partner ein Team (Gespann) bilden, das sich täglich aufeinander verlassen muss. Funktioniert dieses Gespann nicht, weil etwa der Mensch die Entscheidung des Hundes korrigiert, ist der Hund verunsichert und es können ihm Fehler unterlaufen. Fehler können auch dann passieren, wenn der Führhund von Passanten angesprochen oder auf andere Art abgelenkt wird. Beobachtern wird also empfohlen, das Gespann leise und aus der Distanz zu bewundern.

Falsch ist im Übrigen, dass ausschließlich blinde Menschen einen Führhund beantragen können – auch bei hochgradig sehbehinderten Menschen kann die Entscheidung der Krankenkasse positiv ausfallen. Die Kasse kommt nicht nur für die Ausbildungskosten auf, die derzeit bei etwa 30.000 Euro liegen, sondern auch für Futter und Tierarztkosten.

Such Ampel, such Bordstein, such Weg

Ein Führhund wird seitens der Führhundschule mit einem Set an Kommandos ausgestattet. „Such Weg“ ist das Kommando, das der Hund erhält, wenn ein Hindernis den Weg versperrt. Das kann zum Beispiel ein mitten auf dem Gehweg abgestelltes Fahrrad sein. Das Tier leitet den Menschen dann um das Hindernis herum, um den Weg danach fortzusetzen. Ein Problem bei der Ausbildung sind die nicht vorhandenen Standards für Führhundschulen, denn die Berufsbezeichnung „Hundetrainer“ ist nicht geschützt. Dietlind Schudoma-Wollgarten ist eine der Ansprechpersonen für Führhunde bei PRO RETINA. Sie empfiehlt, frühzeitig mit der Führhundschule des Vertrauens Kontakt aufzunehmen, denn die Ausbildung dauert zwischen 8 und 12 Monaten und die Schulen müssen zunächst einen geeigneten und für den jeweiligen Menschen passenden Hund finden und anschließend ausbilden. „Eine gute Basis, um Entscheidungen zu treffen, ist der Erfahrungsaustausch mit anderen Halterinnen und Haltern“, sagt Schudoma-Wollgarten.

Sie selbst hat seit acht Jahren die Labrador-Retriever-Hündin Lisa an ihrer Seite, deren Ausbildung vorbildlich verlief. Im Anschluss an Lisas Ausbildung haben die beiden an einem Einschulungslehrgang teilgenommen. Zuerst zwei Wochen in Passau, dem Ort, den Lisa schon kannte, dann zwei Wochen in Aachen, Lisas neuem Wohnort. Die Ausbildung des Tieres ist aber nie abgeschlossen, die Hunde lernen ihr ganzes Leben lang dazu. Da Lisa von Anfang an Interesse am Apportieren zeigte, hat ihre Halterin ihr dies mithilfe einer ganz normalen Hundeschule beigebracht und ausgebaut. Jetzt achtet Lisa selbstständig darauf, dass Schirm, Mütze oder Handschuhe nicht im Bus oder in der Bahn vergessen werden.

Wir müssen draußen bleiben

Ein Ärgernis ist nach wie vor, dass Assistenzhunden immer noch an vielen Orten der Zugang verwehrt wird. Die Mitnahme darf im Grunde weder in öffentlichen Gebäuden noch in Supermärkten untersagt werden. In Bezug auf Arztpraxen und Kliniken bestehen aus hygienischen Gründen ebenfalls keine Bedenken. Soweit die Theorie, doch Halterinnen und Halter machen regelmäßig andere Erfahrungen, weil die gesetzlichen Vorgaben nicht eindeutig sind. Taxizentralen etwa müssen Fahrzeuge vorhalten, in denen Hunde transportiert werden können, bitten aber darum, dies frühzeitig anzumelden – unmöglich beispielsweise dann, wenn der Zugfahrplan kurzfristig geändert wird.

Podcast mit drei Geschichten aus dem Leben mit Führhund

Sie wollen mehr über das Leben mit einem Führhund erfahren? Hören Sie dazu im PRO RETINA Podcast „Blind verstehen“ drei Geschichten von Führhundeteams: Von der Entscheidung, einen Führhund zu beantragen, bis hin zum Tod des geliebten Helfers. Episode „#2 Hilfsmittel mit Seele“ ist ab Sonntag verfügbar auf: www.pro-retina.de/oeffentlichkeitsarbeit-aufklaerung/podcasts. Alle Folgen zum An- und Nachhören sind auch über die gängigen Plattformen wie Spotify und iTunes verfügbar.

Sie haben Fragen zum Thema Führhunde?
In der Geschäftsstelle der PRO RETINA erhalten Sie die Kontaktdaten unserer Ansprechpersonen, Tel. (0228) 227 217 0 oder info@pro-retina.de.

Zuletzt geändert am 31.01.2021 18:47