Bericht über die sehbehindertengerechte Führung durch das Luftfahrtmuseum Laatzen am 16.03.19

von Christian Schulte

Seit es Führungen der jüngeren Sehbehindertengruppe gibt, wurde keine Besichtigung so gut vorbereitet wie diese. Nachdem ich im Dezember 2018 Kontakt zum Luftfahrtmuseum Laatzen aufgenommen hatte, schlug unser Guide Herr Fette vor, dass wir uns im Vorfeld erst einmal näher kennenlernen sollten. Also lud ich ihn zum Treffen im kleineren Kreis Mitte Januar 2019 ein, bei dem ich über die Aktivitäten der Gruppe berichtete und Herr Fette sich und das Museum ausführlich vorstellte und Fragen dazu beantwortete.

Anfang Februar besuchte ich dann mit der hilfsbereiten und gut sehenden Silvia Adalid aus unserer Gruppe das Luftfahrtmuseum. Mit Herrn Fette überlegten wir, wie man die Führung für Menschen mit einer starken Seheinschränkung noch erlebbarer machen kann, indem Gegenstände mehr beschrieben und ertastet werden können. Bisher hatte es dort eine solche Führung noch nie gegeben. Für den sehr engagierten Herrn Fette war es auch eine große Hilfe. Für Silvia und mich hatte es den Vorteil, dass wir schon in Ruhe schauen konnten, wie wir am besten dorthin kommen und anschließend zum Lokal gehen konnten, wo wir Mittag essen wollten.

Am Samstag, dem 16. März trafen wir uns dann bei leider recht windigem Regenwetter um kurz nach 10:00 Uhr vor dem Hauptbahnhof Hannover am Ernst-August-Denkmal. Mit der S-Bahn fuhren wir zum Laatzener Messe-Bahnhof und gingen im Regen durch ein Industriegebiet, in dem sich auch die Messehallen befinden, zum Luftfahrtmuseum. Dies ist ein privates Museum, welches 1992 eröffnet wurde. Kurz nach unserer Ankunft stießen dann noch einige Teilnehmende zu uns, sodass wir insgesamt 28 Personen waren. Herr Fette begrüßte uns und die gut zweistündige Führung konnte gegen 10:45 Uhr beginnen.

Als erstes betraten wir eine 40 Meter lange, ca. 15 Meter breite und acht Meter hohe Halle mit einigen kleinen Fenstern unter dem Dach. Insgesamt ist das Areal des Museums 3.500 Quadratmeter groß und es gibt hier ca. 4.000 Exponate, teilweise Originale, aber auch etliche Nachbildungen von Flugkörpern und viele kleinere Modelle in Schaukästen hinter Glas. Die zweite Halle, die wir im Anschluss betraten, ist noch etwas größer. Beide Räume waren nicht beheizt, allerdings hatte ich die Teilnehmenden im Vorfeld darauf hingewiesen.

Herr Fette schilderte uns zunächst die Anfänge der Luftfahrt. Links des Ganges in der ersten Halle sind die Flugkörper vom Beginn bis zum Jahr 1930 zu finden, davor stehen Autos, Haushaltsgeräte aus der jeweiligen Zeit, wie auch Figuren von Menschen mit der damaligen Kleidung. So möchte man den Bezug zu der Zeitgeschichte herstellen. Anfangs sah man die Nachbildung des ersten Flugapparates von Otto Lilienthal. Er war ein Gebilde aus Weidenästen und einer Leinwand, an dem er hing. So unternahm er hierzulande in den 1890er Jahren die ersten Gleitflüge von Hügeln mit seinem selbst betitelten „Flugzeug“. Leider stürzte er damit 1896 in den Tod, hatte seine Erkenntnisse zuvor aber schon für die Nachwelt verfasst.

In Frankreich begann man schon vor dieser Zeit zunächst mit einem Heißluftballon zu schweben. Dieses gelang, da heiße Luft leichter ist und es somit einen Auftrieb gab. Allerdings konnte man hier nicht die Flugrichtung bestimmen. Wenig später gab es dann die ersten Zeppeline und Luftschiffe, die mit Turbinen betrieben wurden. Zur Zeit des ersten Weltkriegs tat sich aber auch hierzulande viel in Sachen Flugzeuge. Die ersten Maschinen waren aus Holz, später dann aus Metall. Es konnten nur wenige Menschen damit fliegen. Sie dienten in erster Linie als Kriegsgeräte, um damit „Feinde“ zu beschießen.

Herr Fette erklärte uns auch, welche unsichtbare Kraft einem Flugzeug zusammen mit drei anderen Kräften Auftrieb gibt. Dadurch, dass die Oberseite der Tragflächen länger als die Unterseite und gewölbt ist, entsteht dort durch die Luftströmung ein Unterdruck, der einen Sog ausübt und die Tragfläche nach oben zieht. Dazu kommt der Überdruck an die Unterseite, der sie hebt. Vögel können fliegen, da sie durch einen enormen Pulsschlag von ca. 600 pro Minute (der Mensch kommt auf etwa 60 – 80) sehr viel mehr Energie in den Körper gepumpt wird, sodass die schnellen Flugbewegungen möglich sind. Zudem frisst der Vogel jeden Tag so viel wie er wiegt. Des Weiteren berichtete Herr Fette, dass Charles Lindbergh im Jahr 1927 als erster Mensch den gesamten Atlantik in einem Stück (33 Stunden Dauerflug) überquerte. Die Flugzeuge wurden immer moderner und konnten mehr und mehr Passagiere befördern. Allerdings waren die Flüge damals sehr teuer und nur gut betuchten vorbehalten.

Während unseres Besuchs in der ersten Halle war auch eine Reporterin der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung anwesend, die Fotos machte und mich als Leiter der Gruppe interviewte. Gleich anschließend ging es in die zweite Halle. Dort fiel uns als Erstes eine Litfaßsäule aus den 1930er Jahren auf. Daneben konnten wir das Mittelstück einer Original Junker-Maschine sehen und ertasten. In der Nähe standen zwei größere Bomben, die natürlich entschärft waren. Wären sie detoniert, hätten sie mehrere Straßenzüge zerstört und die darin lebenden Menschen wären getötet worden.

Damit wir während der längeren Führung etwas sitzen konnten, gingen wir auf eine erhöhte Fläche des Raums, wo einige Reihen alter Flugzeugsitze stehen. Herr Fette berichtete uns hier, auf Initiative von mir, auch etwas über die negativen Folgen von Kriegen mit oft sehr vielen gerade jungen getöteten Soldaten und unschuldigen Zivilisten. Er sagte, dass manche Militärchefs sagen würden, dass sie nur militärische Ziele bombardieren würden, was aber meistens so nicht stimmt, und dass viele Unschuldige dabei „draufgehen“.

Da es inzwischen schon 12:30 Uhr war, gingen wir jetzt durch den restlichen Teil der Halle. Hier gab es etliche größere Turbinen und Motoren von Flugzeugen zu ertasten. Herr Fette sagte, wie schnell sie sich drehen, wie lange sie halten und wie viel Kerosin (Flugbenzin) verbraucht wird. Die modernen Flugzeuge fliegen übrigens ca. 14.000 Kilometer hoch. Wir konnten zudem Propeller ertasten, wie auch original große Piloten-Figuren mit der Dienstkleidung aus diversen Ländern. Es waren auch einige russische und britische Flugzeuge zu sehen bzw. zu ertasten. Einige von uns konnten in einem Hubschrauber Platz nehmen und die Hebel und Pedale bedienen. Ich hatte dies schon beim ersten Besuch getan.

Gegen 13:00 Uhr war die sehr interessante Führung beendet. Herr Fette hatte sich viel Mühe gegeben, uns Menschen mit einer Sehbehinderung alles näherzubringen. So viel Engagement habe ich in all den Jahren noch nie von einem Führer/einer Führerin erlebt, was ich am Ende auch lobend erwähnte. Mit seinen 85 Jahren ist Herr Fette geistig und körperlich noch sehr fit und konnte uns viel von seiner Erfahrung und Leidenschaft vermitteln. Er flog von Mitte der 1950er Jahre bis 1993 interkontinentale Flüge und beförderte sogar einige Bundeskanzler und Bundespräsidenten. Am Ende bekam er einen großen Applaus.

Da die Führung etwas länger als geplant dauerte, gingen wir jetzt im Regen schnellen Schrittes zum griechischen Restaurant „Konstantinos“, wo ich für uns Tische reserviert hatte. Es schmeckte allen gut und wir konnten uns nett unterhalten. Ich hörte von vielen, dass ihnen das Treffen sehr gut gefallen hatte, sodass sich die ganz Mühe im Vorfeld sicher gelohnt hat. Am Nachmittag ging es dann mit der Stadtbahn wieder zurück zum Hauptbahnhof. Es war ein wirklich schöner und interessanter Tag.

Zuletzt geändert am 04.04.2019 15:11