Unsere Fahrt nach Nienburg mit einer XXL-Stadtführung für alle Sinne am 05.10.19

von Christian Schulte

Obwohl es an Vortag nahezu ununterbrochen regnete, war das Wetter an diesem Samstag nahezu ideal für eine solche Unternehmung. Es war meistens sonnig, manchmal wolkig und über zehn Grad warm. Um 10:05 Uhr trafen sich alle aus Hannover und Umgebung am dortigen Ernst-August-Denkmal vor dem Hauptbahnhof. Leider kamen wieder zwei Damen nicht, die sich zuvor angemeldet hatten. Als Gruppenleiter möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass es aus organisatorischen Gründen und wegen der Vorbestellungen wichtig ist, dann auch wirklich teilzunehmen, es sei denn, es kommen schwerwiegende Gründe (plötzliche ernsthafte Krankheit usw.) dazwischen. Dann sollte aber auch rechtzeitig abgesagt werden.

Nachdem ich Zweiergruppen aus stark Seheingeschränkten und Begleitern gebildet hatte, gingen wir zu dem Gleis, wo um 10:20 Uhr pünktlich der Zug nach Nienburg startete. Leider fuhr er auf der Strecke von Hannover nach Wunstorf ziemlich langsam, sodass wir erst zehn Minuten später (um kurz nach 11 Uhr) in Nienburg eintrafen. Regine Lusch, die dort wohnt, und die mich federführend bei der Organisation dieses Treffens unterstützt hatte, holte uns direkt vom Gleis ab. Auch die Stadtführerin Barbara Breiding-Voepel, die ein mittelalterliches Gewand mit Kopfbedeckung und einen Korb trug und in die Rolle der Minna von Gleichen schlüpfte, war bereits dort und wir begrüßten uns herzlich. Unten im Gang warteten schon die vier Teilnehmenden aus der Bielefelder Gruppe, die Regines Freund Torsten Klum schon von ihrem Schienenersatzbus aus Richtung Minden abgeholt hatte. Auch eine weitere junge Dame aus Nienburg war dort, eine weitere reifere Teilnehmerin kam zum Restaurant, wie auch Regines Schwester Manuela Gehlenbeck. So waren wir insgesamt 23 Teilnehmende.

Nachdem wir das Bahnhofsgelände verlassen, und über eine Straße gegangen waren, kamen wir in die Wilhelmstraße. Unsere Führerin sagte, dass dies das Millionärsviertel von Nienburg sei. Hier sahen wir viele schmucke Villen und Gebäude mit Vorgärten und teils Weinranken am Haus. Die Gebäude wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtet, waren also über hundert Jahre alt. Gelegentlich hatten sie einen Turm im Fachwerkstil. Entweder waren sie hell gestrichen oder aus rotem Backstein gebaut. Früher befand sich hier ein Park, von dem allerdings nur noch wenig zu sehen war. Die lange Straße zierte eine Lindenallee.

Nach einiger Zeit führte eine Brücke über den Steinhuder Meerbach. Er ist der einzige Abfluss aus dem Steinhuder Meer und fließt in Nienburg in die Weser. Minna von Gleichen erzählte auch einiges über die Stadtgeschichte und zeigte uns dabei Folienprägungen, auf denen wir zum Beispiel das Stadtwappen und den Verlauf der ehemaligen Stadtmauer ertasten konnten. Nienburg wurde 1025 gegründet, allerdings gibt es archelogische Funde, die wohl belegen, dass hier auch davor schon Menschen gelebt haben. Von 1215 bis 1582 herrschten hier die Grafen von Hoya. Als der letzte Graf Otto VIII starb, ging die Stadt an die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg. Deshalb befindet sich auch ein Bär im Wappen. Bis Napoleon die Stadt Anfang des 19. Jahrhunderts einnahm, wurde sie durch den Meerbach, die Weser und einen Stadtwall vor Angreifern geschützt. Napoleon ließ den Wall abtragen. Heute ist hier eine Art Stadtpark mit Rasenflächen und hohen Bäumen.

Wir gingen ein Stück durch die Anlage und kamen dann zum Biskuithaus In ihm wurden lange Zeit die sogenannten „Nienburger Bärentatzen“ aus Biskuitteig und teils mit Schokolade überzogen, hergestellt. Manuela schenkte mir später zwei dieser gut schmeckenden Backwaren und auch Minna von Gleichen reichte sie im zweiten Teil der Führung in kleinerer Version und ohne Schokolade herum. Überall in der Stadt verteilt findet man auf dem Boden zudem weiße gemalte Bärentatzen, die zu Sehenswürdigkeiten führen. Auf unserem Weg zum Lokal „Lespresso“, das von der Lebenshilfe betrieben wird und sich direkt an der Weserpromenade befindet, kamen wir noch an der St. Martins-Kirche, dem Rathaus, dem Posthof (hier hörten wir wie für uns bestellt, als Glockenspiel das Lied der kleinen Nienburgerin, das nur drei Mal am Tag erklingt) und dem Marktplatz mit Wochenmarkt vorbei.

Da der Weg zum Lokal etwas länger gedauert hatte, kamen wir dort nicht ganz pünktlich an. Da wir keine Gerichte vorbestellen mussten, war dies aber kein Problem. Vor und während des Essens tauschten wir uns angeregt aus und einige lernten für sie neue Menschen mit einer Sehbehinderung kennen.

Die Stadtführerin holte uns gegen 14 Uhr dort zum zweiten Teil der Führung ab. Wir gingen auf der Weserpromenade, einem Wall, der zur Weser hin abfällt, entlang und gut Sehende konnten zum anderen Ufer hinüberschauen. Hier liegt die Wesermarsch, die bei Hochwasser überschwemmt ist. Sonst bietet sie auch für Vögel viel Nahrung. Durch eine Gasse gehend erreichten wir jetzt den Susanne-Abraham-Platz mit dem Spargelbrunnen. Hier waren einige Männer aus Metall bei der Spargelernte und –verarbeitung dargestellt. Wir konnten sie, aber auch das Spargelmesser, ertasten.

Jetzt ging es in die Seidenbaustraße. In einem Fachwerkbau wurde früher Seide hergestellt. Wie die Seidenfäden entstanden, erklärte uns die Führerin anhand einiger mitgebrachter Gegenstände. Als erstes gab sie uns ein Blatt eines Maulbeerbaums zum Ertasten. Diese Bäume wurden angebaut, deren Blätter den Seidenspinnerraupen als Nahrung dienten. Vor ihrer Verpuppung haben sie sich mit ihrem Sekret in einem Kokon eingesponnen. Dieser Kokon besteht aus einem teils weit über tausend Meter langen Seidenfaden. Aus ihm wurde dann die Seide hergestellt. Als Nächstes gab sie uns etwas Maulbeergelee zum Probieren. Er schmeckte sehr gut und war süß. Minna von Gleichen ließ uns hier auch dort wachsenden Lavendel riechen. Nicht allzu weit davon entfernt fließt der Steinhuder Meerbach in die Weser. Hier ist auf einem Sockel ein großer wiehernder Hengst aus Metall zu sehen. Wir konnten zumindest die Beine, die Hufe, den Bauch und den Schwanz berühren.

Frau Breiding-Voepel (Minna von Gleichen) führte uns nun in den südlichen Teil des Parks entlang des Meerbachs. Hier befindet sich auch das Oppermann-Denkmal. Er hat sich im 19. Jahrhundert sehr für die Demokratie und die Bürgerrechte eingesetzt. Nach einer Weile gelangten wir zu einer Brücke. Über sie und die angrenzende Straße rollte früher der Hauptverkehr durch Nienburg. Heute war hier wenig los. Etwas links davon liegt das Quaet-Faslem-Haus im klassizistischen Stil. Früher war es das Wohnhaus des Stadtbaurats, heute ist es ein Museum. Angrenzend liegen hinter einer Mauer ein Biedermeiergarten und das Spargelmuseum. Unsere Führerin schaffte es, die Dame im Haus zu überzeugen, uns durch das Haus in den Garten und zum Museum gehen zu lassen, obwohl es zu dieser Zeit nicht geöffnet war. Der Garten war gut angelegt, es gab Rasen, diverse Bäume, Blumen und Bänke. Bei Sonnenschein machten wir hier ein Gruppenfoto.

Einige Schritte weiter war das Spargelmuseum in einem sogenannten Hallenhaus aus Fachwerk und einem Dach aus Reet beheimatet. Minna von Gleichen erzählte uns im Erdgeschoss etwas über den Anbau, die Ernte und den Vertrieb des namhaften Nienburger Spargels. Es gab hier eine große Egge, mit der der sandige Boden vorab bearbeitet wurde. Zudem waren hier Geräte hinter Glas ausgestellt, mit deren Hilfe der Spargel geerntet wird. Das ist auch heute noch eine schwere körperliche Arbeit, die nicht allzu gut bezahlt wird. Der Spargel wird nicht nur im Nienburger Raum verkauft, sondern sogar in China. Einige von uns gingen eine Holztreppe empor ins Dachgeschoss. Hier konnten relativ gut Sehende hinter Glas Spargelgeschirr erkennen, das schon hundert oder zweihundert Jahre alt ist und sehr edel wirkte. Zudem konnte man am Ende auf einen kleinen Raum blicken, in dem ein Tisch mit Spargelgeschirr von einst gedeckt war. Auch die sonstige Ausstattung erinnerte an früher.

Nachdem wir das Gelände verlassen hatten, gingen wir zur St. Martins-Kirche, der größten in Nienburg. Nach der Reformation wurde sie evangelisch. Die jetzige Kirche wurde im 14. Jahrhundert im Stil der norddeutschen Backsteingothik errichtet. Der Turm ist 72 Meter hoch und das Wahrzeichen Nienburgs. Während wir hineingingen, schaffte es unserer Führerin, die Glocken erklingen zu lassen. Der Innenraum ist recht hell und freundlich gestaltet. Wir konnten uns dort in Ruhe umschauen. Am Kirchplatz liegt auch das Weinhaus mit einer sehr schönen Holztür und Weinranken an der Fachwerkfassade. Es ist ein Lokal. Nun ging es zur Figur der kleinen Nienburgerin, Die Bronzeskulptur zeigt ein junges Mädchen, das recht freizügig gekleidet ist. Minna von Gleichen spielte parallel zu unserem Ertasten per Smartphone das Lied der kleinen Nienburgerin, welches ein bekanntes Volkslied war/ist, ab.

Wenig später erreichten wir die wirklich sehr lange „Lange Straße“, ein sehr breiter Weg in der Fußgängerzone mit vielen Geschäften, die aber meistens schon geschlossen hatten. So war es nicht so voll und wir konnten in Ruhe die Gebäude betrachten und uns die Infos dazu von Minna von Gleichen erzählen lassen. Zunächst kamen wir zu einem Ackerbürgerhaus mit einem sehr großen Eingangstor, durch das früher die Ernte eingefahren wurde. Auch die Tiere lebten im Haus. In Nienburg gab es früher die Gilde der Ackerbürger, der Handwerker und der Kaufleute. Mitte des 19. Jahrhunderts siedelte sich aber auch Industrie, wie zum Beispiel eine Glashütte, an. Beim nahen Glasbläserbrunnen konnten wir eine Figur ertasten, die gerade aus Glas eine große Flasche blies. Kurz danach wurde uns ein Haus gezeigt, auf dem sich schon sehr lange ein Storchennest befindet. Zum Schluss konnten wir noch einen Blick auf das in mehreren Abschnitten erbaute Rathaus mit einem schönen Turm werfen und ein Relief ertasten, welches alle Bauwerke und Straßen mit den Stadtmauern im 17. Jahrhundert zeigt. In Nienburg gibt es noch viele Bauwerke im Fachwerkstil, Backsteinhäuser, aber auch neuere Gebäude im modernen Stil. Es ist eine ganz gute Mischung.

Um kurz nach 17 Uhr beendet Frau Breiding-Voepel (Minna von Gleichen) nach über vier Stunden die Führung, die eigentlich nur 90 Minuten dauern sollte. Sie berechnete aber nichts extra und war sehr engagiert und mit Herzblut bei der Sache. Ihr schien es richtig Freunde zu machen und wir erlebten so große Teile Nienburgs. Es kamen alle Sinne, wie sehen, hören, fühlen, schmecken und riechen zum Einsatz. Zum Schluss bekam sie noch einen verdienten Applaus.

Jetzt ging es in ein nahes Café, wo Regine schon Plätze reserviert hatte. Nachdem wir uns etwas gestärkt hatten, mussten wir durch die Fußgängerzone und die lange Wilhelmstraße wieder schnell zum Bahnhof zurückgehen, da einige noch den Zug um 18:03 Uhr bekommen mussten (eigentlich wollten wir eine Stunde eher fahren). Wir anderen nahmen die S-Bahn, die um 19 Uhr wieder in Hannover eintraf. Es war für alle wohl ein schöner und interessanter Tag, auch wenn es für manche körperlich etwas anstrengend war. Abschließend kann ich nur sagen: Nienburg ist eine Reise wert!

Zuletzt geändert am 15.10.2019 15:30