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Die Rückkehr der Nomadin Integration und gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen als wechselseitiger Lernprozeß
von Dipl.-Psych. Dr. phil. Eva-Maria Glofke-Schulz

Der Traum (Teil 2) 1. Einleitung

"Mir träumte: Ich bin Araberin und lebe in einem Nomadenstamm, der mit seinem Vieh und Zelten auf der Suche nach fruchtbarem Weideland umherzieht. Da ich blind und somit für das Hüten der Tiere nicht mehr nützlich bin, werde ich aus dem Stamm ausgestoßen. Es gelingt mir, die Wüste zu durchqueren und nach Europa zu reisen. Dort studiere ich fünf Jahre lang an einer Universität Archäologie und schließe das Studium erfolgreich ab. Danach kehre ich zu meinem Stamm zurück, denn ich weiß, daß ich nun über ein Wissen verfüge, das die anderen nicht haben, das ihnen aber nicht nur von Nutzen sein kann, sondern eigentlich lebensnotwendig ist: Ich weiß um die Geschichte unseres Volkes. Dieses Wissen macht mich zur unentbehrlichen Schamanin, zur Medizinfrau des Stammes. Mit diesem Wissen kann ich heilend tätig sein. Meine Blindheit spielt jetzt keine Rolle mehr." (Beate W., 45 Jahre)

Der Traum erzählt von Stigmatisierung und Ausgrenzung, engstirnigem und kurzsichtigem Nützlichkeitsdenken und sozial zugeschriebener Minderwertigkeit. Er erzählt aber auch von einem einerseits schwierigen, andererseits spannenden und bereichernden Entwicklungsweg, von einer Reise in die Tiefe der Seele und der - persönlichen wie kulturellen - Geschichte, von der sozialen (Re-)Integration und der Wechselseitigkeit eines Lernprozesses, der alle betrifft, der allen etwas abverlangt, von dem aber auch alle in je eigener Weise profitieren. Der Traum erzählt, wie die ehrliche und bewußte Auseinandersetzung mit der Behinderung als Metapher für die Begrenzungen des menschlichen Lebens ein Umdenken einleiten kann - bei der Träumerin ebenso wie bei ihrer sozialen Umwelt. Er macht bewußt, daß es Integration und Partizipation nicht zum Nulltarif gibt. Er erzählt, daß die gesellschaftliche Teilhabe behinderter Menschen nicht als einseitige Anpassung gelingen kann, sondern nur als Frucht der Bereitschaft aller Beteiligten, voneinander zu lernen. Es geht um den Mut und das Wagnis, für selbstverständlich Gehaltenes ehrlich und neugierig zu hinterfragen und - ungeachtet aller gegenläufigen gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen - an der Verwirklichung einer humanen Zivilisation zu arbeiten. Die Träumerin entwirft ein psychologisches, soziales und spirituelles Verständnis von Heilung, das auf medizinische Reparaturversuche, also auf das - bei ihrer Augenerkrankung ohnehin unmögliche - Rückgängigmachen der organischen Schädigung, nicht angewiesen ist. Der Traum legt sogar nahe, daß manche bereichernde und entwicklungsfördernde Lernprozesse ohne das Phänomen Behinderung und den bewußten Umgang damit nicht möglich wären.

Von solchen Visionen, mögen sie dem Leser vielleicht auch traumtänzerisch oder weltfremd erscheinen, handelt dieser Text. Ich lade Sie ein, sich neugierig den Bildern eines solch visionären Traumes zu öffnen.

Krankheit, Behinderung, Älterwerden und schließlich Sterbenmüssen gehören zur Conditio humana. Allerdings leben wir, wie H.E. Richter (1978, 2006) mit seinen Ausführungen zum sog. "Gotteskomplex" eindrucksvoll gezeigt hat, in einer Kultur, die, seit wir uns nicht mehr wie noch im Mittelalter in naiver Gotteskindschaft geborgen fühlen können, diese Grundtatsache aus Gründen der Angstabwehr gern verleugnet. Allmachtsphantasien sollen helfen, Gefühle von Ohnmacht und die Einsicht in die natürlichen, jedoch schmerzlichen und ängstigenden Begrenzungen des Lebens abzuwehren. Leiden wird vermeintlich vermieden, abgeschafft und nach Möglichkeit ausgegrenzt. Medizinische Forschung möchte erreichen, daß es eines Tages keine Behinderungen mehr geben möge: Krankheiten sollen heilbar oder durch Früherkennung verhinderbar werden. Behindertes Leben wird durch die modernen Möglichkeiten der Pränatal- und Präimplantationsdiagnostik erneut zur Disposition gestellt. Die Zahl der Spätabtreibungen behinderter Kinder steigt, und Gerichtsurteile zum sog. "wrongful life" in verschiedenen europäischen Ländern (jüngst in Österreich) sprechen eine deutliche und erschütternde Sprache (Glofke-Schulz 2002, 2003a) Eltern, die ihr behindertes Kind liebevoll akzeptieren und bewußt zur Welt bringen, geraten zunehmend unter Legitimationsdruck. Dem Älterwerden versucht man, mit "Anti-Aging"-Maßnahmen zu begegnen. Da werden Fältchen unterspritzt, da wird geliftet und Fett abgesaugt, krumme Nasen werden geradegestylt, da wird modelliert, berschminkt und aufgemotzt. Nahrungsergänzungsmittel, die oft mehr schaden als nutzen, versprechen ewige Jugend und Fitness. Über den Tod wird kaum gesprochen. Menschen mit Behinderungen werden ungeachtet aller positiven Bemühungen um gleichberechtigte Teilhabe immer noch mißtrauisch beäugt und mehr oder weniger auf sicherem Abstand gehalten.

Aus der sozialpsychologischen Forschung der letzten Jahrzehnte (Cloerkes 2001) wissen wir: Behinderung wird in der Regel auch heute noch negativ beurteilt, und die Haltung Behinderten gegenüber ist zwiespältig. Die Einstellungsmuster scheinen einigermaßen unabhängig von Schichtzugehörigkeit und Bildungsstand, in gewissem Rahmen geschlechtsabhängig zu sein. Originäre affektive Impulse und sozial erwünschte Reaktionen stehen in Konflikt miteinander, was zu Schuldgefühlen und Interaktionsspannungen führt. Ängste unterschiedlicher Genese spielen eine zentrale Rolle. Mitleid, Zuschreibung von Andersartigkeit und Suche nach sozialer Distanz sind häufige Reaktionsmuster. Die Befunde zur Frage eines gesellschaftlichen Einstellungswandels während der letzten Jahrzehnte sind widersprüchlich: Integrativen Bemühungen, die partiell durchaus Erfolge zeitigen, scheint eine neue Form der Behindertenfeindlichkeit gegenüberzustehen. Angesichts zunehmender Gewaltbereitschaft und dem Erstarken alter eugenischer Gedanken in neuem, technologisierten Gewand besteht auch im 21. Jahrhundert die Notwendigkeit, Behinderung als soziales Phänomen zu reflektieren. Das von R. v. Weizsäcker erhobene Postulat, es müsse normal werden, verschieden zu sein, ist in unserer Kultur noch lange keine gelebte Selbstverständlichkeit. Daß es das eines Tages werden möge, ist Ziel und innerer Antrieb meines publizistischen Engagements.

Vor diesem Hintergrund muß die übliche, für selbstverständlich gehaltene Unterscheidung zwischen "behinderten" und "nichtbehinderten" Menschen als irreführend und nur begrenzt sinnvoll angesehen und relativiert werden, denn die Begrenzungen und Verletzlichkeiten des menschlichen Lebens gehen uns alle an. Den Nichtbehinderten unter den Lesern mute ich daher zu, die beruhigende Überzeugung, behindert seien ja die anderen, versuchsweise in Frage zu stellen. Zunächst mag das befremden, Gefühle von Unbehagen oder Angst auslösen und Abwehrreaktionen in Gang setzen. Ich möchte aber Mut machen, sich diesen Reaktionen zu stellen und sich dem verborgenen Reichtum zu öffnen, der einem solchen Wagnis innewohnt.

Im folgenden beschäftige ich mich mit der Frage, was die individuelle und kulturelle Auseinandersetzung mit den natürlichen Begrenzungen des Lebens für bereits von Behinderung betroffene und für bislang nicht selbst betroffene Menschen bedeuten. Auftretende Krisen werden dabei als Entwicklungschancen aufgefaßt. Der Begriff "Annahme" bzw. "Akzeptanz" wird unter die Lupe genommen. Wie bereits deutlich wurde, vertrete ich einen ganzheitlichen Heilungsbegriff: Die individuelle, soziale, spirituelle und kulturelle Auseinandersetzung mit dem Phänomen Behinderung, mit der Verletzlichkeit und Endlichkeit unserer Existenz, das Hinterfragen von Normen und Werten sowie das Bemühen um Selbstbestimmung, Integration und Partizipation könnten zu einem umfassenderen Heilungsprozeß jenseits medizinischen Fortschrittsglaubens beitragen. Integration und gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen verstehe ich mit Schuchardt (2003) nicht als einseitige Anpassung, sondern als wechselseitigen Lernprozeß, an dem alle Beteiligten, entsprechende Bereitschaft vorausgesetzt, wachsen können. Dabei wage ich die Utopie eines wünschenswerten und dringend notwendigen kulturellen Wertewandels ebenso wie den Entwurf eines Selbstverständnisses, einer Konstruktion der Identität, die auf zerstörerische Allmachtsphantasien und Leidensverleugnung verzichtet. Solche Einsichten könnten schließlich, so meine weitestgehende Vision, auch der Gesundheit unseres bedrohten Planeten dienen. "Realos" unter den Lesern mögen die Stirn runzeln, doch halte ich solche Visionen mit einem Wort Mahatma Gandhis für notwendig. Dieser hat einmal gesagt: "Wir müssen die Veränderung sein, die wir in der Welt sehen wollen." Wollen wir etwas bewegen, brauchen wir die Fähigkeit zu träumen und müssen uns auf ein Glatteis wagen, das uns riskant erscheinen mag.

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Zuletzt geändert am Do, 2013-08-22 12:31

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