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Bardet-Biedl-Syndrom

Medizinische Aspekte

Durch Anklicken der Gliederungspunkte gelangen sie sofort zum entsprechenden Textabschnitt!

Inhaltsverzeichnis:

Einführung

  1. Medizinische Aspekte
    1. Historischer Rückblick
    2. Diagnostische Kriterien
      1. Retinitis pigmentosa
      2. Adipositas
      3. Polydaktylie
      4. Mentalretardation
      5. Hypogenitalismus
      6. Nierenerkrankungen
    3. Vererbung und Häufigkeit
    4. Differenzialdiagnose
    5. Therapieansätze
    6. Übersetzungen dieser Krankheitsbeschreibung

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Einführung

Das von den Medizinern Laurence und Moon und später auch von Bardet und Biedl beschriebene Krankheitsbild ist ein Syndrom, bei dem die Retinitis pigmentosa (kurz: RP) als Hauptmerkmal mit bestimmten anderen Syndromen auftritt. Da die mit RP verbundenen Symptome in verschiedener Kombination und unterschiedlicher Intensität auftreten können, ist eine genaue Diagnose oft sehr schwierig. Aus diesem Grund ist für Betroffene und ihre Eltern die nachfolgende Broschüre als Erstinformation gedacht.

1. Medizinische Aspekte

1.1. Historischer Rückblick

Die britischen Ophthalmologen Laurence und Moon beschrieben 1866 ein Krankheitsbild, bei dem in einer Familie bei vier Personen Retinitis pigmentosa (RP, auch Retinopthia pigmentosa) diagnostiziert wurde, die zusätzlich Paraplegie (spastische Lähmungen der Arme oder Beine), Hypogenitalismus (Unterentwicklung der Geschlechtsorgane) und geistige Behinderung aufwiesen. 1920 beschrieb der französische Arzt Bardet ein Krankheitsbild, das sich aus RP, Polydaktylie, Fettsucht und Hypogenitalismus zusammensetzt. Der Prager Pathologe Biedl fügte diesem Krankheitsbild noch die Debilität hinzu. 1925 wurden die bis dahin beschriebenen Fälle von Solis-Cohen und Weiss zusammengefasst und seitdem als Laurence-Moon-Bardet-Biedl-Syndrom bezeichnet. Einige Zeit ist in der medizinischen Literatur verstärkt darauf hingewiesen worden, dass die von Laurence und Moon beschriebenen Fälle eine seltene Sonderform sind und nur in Einzelfällen eine Überlappung mit dem Bardet-Biedl-Syndrom vorkommt. Bei neueren Studien wurde jedoch wieder des Öfteren eine Überlappung des Bardet-Biedl-Syndroms mit dem Laurence-Moon-Syndrom festgestellt. Zum Seitenanfang

1.2. Diagnostische Kriterien

Das Bardet-Biedl-Syndrom ist eine dienzephaloretinale (Zwischenhirn und Augenhintergrund betreffende) Degeneration. Es ist durch sechs Hauptsymptome gekennzeichnet, die aber selten alle zusammen auftreten. Um eine klinische Diagnose BBS in Erwägung zu ziehen, sollten mindestens vier der Hauptsymptome oder drei der Haupt- und zwei der Nebensymptome vorliegen.

Als Hauptsymptome gelten:

  • Retinitis pigmentosa (RP)
  • Adipositas (krankhaftes Übergewicht)
  • Polydaktylie (überzählige Finger und/oder Zehen)
  • Entwicklungsverzögerung und Verhalten
  • Hypogenitalismus (Unterentwicklung der Geschlechtsorgane)
  • Nierenerkrankungen

Als weitere Symptome mit geringer Häufigkeit (daher hier als Nebensymptome bezeichnet) werden in der medizinischen Literatur genannt:

  • Sprachverzögerung, Sprachdefizite
  • Hoch-, Riesen-, Minderwuchs
  • fortschreitende (progrediente) Innenohrschwerhörigkeit, Taubheit
  • Spina bifida (angeborene Spaltbildung der Wirbelsäule)
  • Rippen- und Wirbeldysplasien (-fehlbildungen)
  • Kyphoskoliose (Wirbelsäulenverkrümmung)
  • Zahnstellungsanomalien
  • Hypodontie (angeborenes Fehlen von Zähnen)
  • Lebervergrößerung, Leberfunktionsstörung, Leberfibrose
  • Herzmissbildungen
  • Urogenitaldysplasien (Fehlbildungen der ableitenden Harnwege sowie der Geschlechtsorgane
  • Analatresie (Fehlen des Afters)
  • Morbus Hirschsprung oder Megacolon congenitum (angeborene nervliche Unterversorgung von Dickdarmsegmenten mit Stuhlentleerungsstörungen)
  • Morbus Crohn (entzündliche Dünndarm- und /oder Dickdarmerkrankung)
  • Ataxie (Störungen der Bewegungskoordination)
  • Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit)
  • Anosmie (fehlender Geruchssinn)
  • Asthma
  • Pigmentnaevi (pigmentiertes Muttermal)

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1.2.1. Retinitis pigmentosa (RP)

Bei dieser Augenerkrankung beginnen die rasch fortschreitenden Sehstörungen in der Regel im Kindergarten- bzw. Grundschulalter und können sich auf unterschiedliche Weise bemerkbar machen: je nachdem, ob die Degeneration als Stäbchen-Zapfen-Form mit dem typischen Verlauf einer RP beginnt oder in der Netzhautmitte als Zentralskotom (gelegentlich "inverse RP" genannt), stehen eine zunehmende Gesichtsfeldeinschränkung bis hin zum "Tunnelblick" oder eine sich früh bemerkbar machende Einschränkung des zentralen Sehens im Vordergrund. Davon abhängig ist auch der Schweregrad der Sehbeeinträchtigung.

Die Blendempfindlichkeit ist erhöht und eine Anpassung an sich verändernde Lichtverhältnisse wird zunehmend schwieriger. Dazu kommen Nachtsehprobleme bis hin zur Nachtblindheit. Diese Symptome sind typisch für Netzhauterkrankungen, die hauptsächlich die Stäbchen betreffen, wogegen bei hauptsächlich die Zapfen betreffenden Dystrophien eine Störung des Farbsehens und eine frühe Verschlechterung der Sehschärfe (Visus vermindert sich auf etwa zehn Prozent Restsehvermögen) dominieren.

Schielen (Strabismus) und Augenzittern (Nystagmus) kommen häufig hinzu. Im Alter von 20 Jahren haben 73 Prozent der Betroffenen nur noch ein sehr geringes Restsehvermögen, bis zum 30. Lebensjahr ist bei 80 Prozent der Betroffenen auch kein Sehrest mehr vorhanden.

Als typische augenärztliche Befunde der vorderen Augenabschnitte findet man Kurzsichtigkeit (Myopie), Hornhautverkrümmung (Astigmatismus oder Stabsichtigkeit) und Trübung der Augenlinse (Grauer Star oder Katarakt). Im hinteren Augenabschnitt sind die Befunde abhängig davon, welcher Rezeptorzelltyp (Stäbchen oder Zapfen) zuerst gestört ist. Sind zunächst mehr die Stäbchen betroffen, wie bei einer typischen RP, findet man erst Veränderungen im mittleren Randbereich der Netzhaut: Schwund der Pigmentepithelschicht, Ablagerungen (so genannte Knochenkörperchen), Rückbildung des Sehnervenkopfes (Blässe) und Blutgefäßverengungen in der Netzhaut. Sind als erstes die Zapfen betroffen, stehen Veränderungen der Netzhautmitte im Vordergrund: unter anderem Pigmentverschiebungen und abnorme Lichtreflexe auf der Netzhautoberfläche. Die Reizantworten im Ganzfeld-Elektroretinogramm (kurz: ERG) sind ebenfalls abhängig von der Art des zuerst betroffenen Rezeptorzelltypus, im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung sind aber sowohl im skotopischen (Stäbchenabhängigen) als auch im photopischen (Zapfenabhängigen) Ganzfeld-ERG Beeinträchtigungen messbar oder keine Antworten mehr ableitbar ("erloschen"). Zum Seitenanfang

1.2.2. Adipositas

Als Adipositas (Fettleibigkeit) wird eine übermäßige Ansammlung von Fettgewebe im Körper bezeichnet. Die Klassifizierung der Adipositas wurde von der WHO festgelegt und richtet sich heute nach dem Body-Mass-Index (kurz: BMI), der sich aus dem Körpergewicht (Kilogramm), dividiert durch die Körpergröße im Quadrat (Meter im Quadrat), errechnet. Danach beträgt bei Normalgewicht der BMI 18.5 bis 24.9 kg/m², bei Übergewicht 25 bis 29.9 kg/m², bei Adipositas Grad I 30 bis 34.9 kg/m², bei Adipositas Grad II 35 bis 39.9 kg/m² und bei Adipositas Grad III mehr als 40 kg/m². Die krankhafte Adipositas entspricht der Adipositas Grad III. Da sich bei Kindern und Jugendlichen die Körperproportionen im Laufe der Entwicklung verändern, gelten für diese spezielle Grenzwerte (BMI-Perzentilen).

Beim Bardet-Biedl-Syndrom wird überwiegend von einer Stammadipositas berichtet. Fettpolster treten verstärkt an Bauch, Hüften, Brust, sowie an Oberarmen und Oberschenkeln auf. Adipositas ist bei nahezu allen BBS-Patienten in sehr unterschiedlicher Ausprägung vorhanden. Überwiegend macht sie sich schon im Babyalter bemerkbar, es kann jedoch auch erst später zu starker Gewichtszunahme kommen. Wenige BBS-Patienten können mit kalorienarmer Ernährung und Bewegung ein Normalgewicht erreichen, was jedoch auch bei diesen wenigen ein konsequentes Durchhaltevermögen erfordert und deshalb zum Teil oft nur zeitlich begrenzt ist.

Bei dem vier Monate alten Jungen ist das Körperfett vorwiegend im Körperstamm Am Beispiel eines vier Monate alten männlichen Babys ist hier die Körperfettverteilung verdeutlicht. Das Körperfett liegt vorwiegend im Körperstamm, das heißt Rumpf und Beine, vor allem die Oberschenkel, sind relativ dick.

Der BKK Bundesverband in Essen und das Kindernetzwerk e. V. haben 2006 gemeinsam das Projekt "Aufklärung über Ursachen und Folgen von Übergewicht bei Kindern mit chronischen Erkrankungen" initiiert und abgeschlossen. Ziel des Projektes war es, in einer Schwerpunktausgabe von Kinder Spezial, dem Newsletter von Kindernetzwerk, über die Folgen der Adipositas bei Kindern und Jugendlichen mit chronischen Erkrankungen aufzuklären und eine aktuelle Übersicht über Adipositas-Zentren speziell für Kinder und Jugendliche in Deutschland zu erstellen.

Die Klinik-Adressen finden Sie im folgenden PDF-Dokument: Klinik-Adressen (externes Angebot).

 

1.2.3. Polydaktylie

Dieses auffällige Symptom ist ein entscheidender Hinweis auf das Bardet-Biedl-Syndrom. Die Diagnose wird jedoch häufig erschwert, da die rudimentäre Polydaktylie vielfach im frühen Säuglingsalter korrigiert wird und so in Vergessenheit gerät. Röntgenaufnahmen können weitere Aufschlüsse geben. Polydaktylie kann sehr variabel vorkommen, zum Beispiel als rudimentärer Finger- oder Zehanhang (ein zusätzlicher, nur teilweise ausgebildeter Finger oder Zeh), als einseitige Hexadaktylie an Hand und/oder Fuß (voll ausgebildeter sechster Finger, Zeh) oder als beidseitige Hexadaktylie an Händen und/oder Füßen. Auch eine Syndaktylie (zusammengewachsene Finger oder Zehen) oder Brachydaktylie (Verkürzungen einzelner oder mehrerer Finger oder Zehen) ist ein Hinweis auf BBS. Es kommt sehr selten vor, dass alle vier Extremitäten betroffen sind. Polydaktylie wird bis zum Kleinkindalter operativ korrigiert.

Hier sehen Sie exemplarisch die Ausbildung der Polydaktylie bei einem einjährigen Kind:

Beispiel für Polydaktylie der Hände, funktionsloser Fingerstummel ist vorhandenDer zusätzliche Finger ist lediglich häutig, ohne Sehnen mit der Hand verbunden

An der linken Hand befindet sich neben dem kleinen Finger außen noch ein funktionsloser Fingerstummel.


An beiden Füßen befindet sich neben dem kleinen Zeh noch ein zusätzlicher ZehDer mittelfußknochen des kleinen Zehs ist Y-förmig geteilt und bildet zwei Zehen

An beiden Füßen ist außen neben dem kleinen Zeh noch ein weiterer kleiner Zeh vorhanden. Der Mittelfußknochen des kleinen Zehs hat sich im vorderen Bereich Ypsilon-förmig geteilt und bildet so zwei kleine Zehen aus.


Hier sehen Sie ein weiteres Beispiel für die Polydaktylie bei einem etwa einjährigen Kind:

Weiteres Beispiel für Polydaktylie der Hände mit funktionslosem FingerstummelDas Röntgenbild zeigt, dass der zusätzliche Finger nicht voll ausgebildet ist

Dieses Kind hat an der rechten Hand neben dem kleinen Finger einen zusätzlichen, nicht voll ausgebildeten Finger. Zum Seitenanfang

1.2.4. Entwicklungsverzögerung und Verhalten

Die geistige Entwicklungsverzögerung ist beim Bardet-Biedl-Syndrom gewöhnlich mild bis mittelmäßig. Nur eine Minderheit weist eine schwere geistige Entwicklungsverzögerung auf, eine normale Intelligenzentwicklung kommt in etwa einem Drittel der Fälle vor.

Eine Entwicklungsverzögerung kann sich schon im frühen Lebensalter zeigen: verschiedene Entwicklungsstufen wie zum Beispiel Gehen und Sprechen werden erst später erreicht. Im Kindesalter sind aus dem Formenkreis der Verhaltensauffälligkeiten Angststörungen am häufigsten, diese verbinden sich im späteren Lebensalter oft auch mit wiederkehrenden psychosomatischen Symptomen. Zudem wird die Entwicklung von autistischen und zwanghaften Verhaltensweisen oft beschrieben. So werden gerne bekannte Verhaltensvorgänge bevorzugt und Änderungen oft abgelehnt. Auch eine niedrige Frustrationsschwelle und eine labile Emotionalität (Gemütsschwankungen) sind bekannt.

Seltener entwickeln sich Depressionen im späteren Lebensalter.

Insgesamt ist die Ausprägung der beschriebenen Symptome im Einzelfall unterschiedlich, so wird sowohl von Fällen von Antriebsarmut wie auch von Hyperaktivität berichtet.

Inwieweit die beschriebenen Verhaltensauffälligkeiten durch den genetischen Hintergrund der Erkrankung (primärer Ziliendefekt) bestimmt sind oder sich im Verlauf der Kindheit durch körperliche Symptome wie zum Beispiel Übergewicht und Sehverlust entwickeln, bleibt zunächst ungeklärt.

Auch Teilleistungsstärken von einigen Kindern mit BBS wie ausgeprägte mathematische Fähigkeiten und ein ausgezeichnetes Langzeitgedächtnis werden erstaunt berichtet und komplettieren das komplexe Bild dieses Syndroms. Weitergehende Forschungsanstrengungen könnten dazu beitragen, die Hintergründe aufzuklären und Eltern betroffener Kinder helfen, diese in ihrer Entwicklung zu stärken. Zum Seitenanfang

1.2.5. Hypogenitalismus

Auffälligkeiten an den äußeren und inneren Geschlechtsorganen werden bei Betroffenen mit Bardet-Biedl-Syndrom sehr oft festgestellt (z.B. kleiner Penis). Weitere mögliche Veränderungen sind Bauch- oder Leistenhoden, Hypospadie (die Harnröhrenöffnung liegt nicht an Penisvorderseite, sondern ober- beziehungsweise unterhalb), Vorhautverengung, Harnröhrenverengungen und hintere Harnröhrenklappen. Eine Studie zeigte bei 31 Prozent der Jungen mit BBS eine verspätet einsetzende Pubertät.

Bei weiblichen BBS-Betroffenen sind Fälle mit Vaginalatresien (eine nicht durchgängige Vagina), verkleinerten inneren Schamlippen und fehlenden Harnröhrenöffnungen beschrieben. Nicht selten zeigen Frauen mit BBS unreguläre Menstruationszyklen. Es sind jedoch auch Fälle beschrieben, in denen Frauen mit BBS gesunde Kinder geboren haben.

1.2.6. Nierenerkrankungen

Nierenveränderungen kommen beim Bardet-Biedl-Syndrom häufig vor. Die Feststellung von Veränderungen hängt davon ab, wie gut die Patienten insbesondere durch eine Sonographie der Niere und der ableitenden Harnwege untersucht wurden.

In einer Studie aus dem Jahr 1999 zeigten sich bei 52 Prozent der gründlich untersuchten Patienten mit BBS Auffälligkeiten in der Niere. In einer Studie von 2005 war dies sogar bei allen Patienten, bei denen eine Nierensonographie durchgeführt wurde, der Fall.

Die Nierenveränderungen sind vielfältig und entsprechend klinisch von unterschiedlicher Bedeutung. Es werden Nierenzysten, Nierenbeckenverformungen bzw. Nierenbeckenerweiterungen und Vernarbungen gesehen. Auch kann eine unilaterale Agenesie vorkommen: die Niere fehlt auf einer Seite, der Patient hat also eine Einzelniere. Von einer Nierendysplasie spricht man, wenn die Niere auffällig in ihrer Form und Binnenstruktur ist. Je nach Schweregrad der Veränderungen kann die Nierenfunktion vollständig aufgehoben sein. Auch können BBS-Patienten einen vesiko-ureteralen Reflux haben. Das bedeutet, dass bei der Blasenentleerung auch Urin aus der Blase zurück über die Harnleiter bis zu den Nieren gepresst wird, dies erhöht durch die Verschleppung von Keimen die Gefahr von Harnwegsinfekten. In schweren Fällen kann auch eine Refluxnephropathie, also eine dauerhafte Nierenschädigung entstehen.

In einigen Fällen ist die Niere in mehrere Läppchen (Lobuli) unterteilt. Diese Gliederung findet sich bei ungeborenen Kindern und verschwindet normalerweise bis zur Geburt, die Lobuli haben jedoch keinen Krankheitswert. Zudem scheinen BBS-Patienten häufiger Blasenentleerungsstörungen aufzuweisen. Diese können so ausgeprägt sein, dass sich die Blasenwand verdickt und sogar die Nierenfunktion beeinträchtigt wird.

Die beschriebenen Nierenveränderungen beim Bardet-Biedl-Syndrom können so gravierend sein, dass die Niere ab einem bestimmten Lebensalter nicht mehr ausreichend funktioniert. Verschiedene Körperfunktionen sind dann beeinträchtigt (Blutreinigung, Wasser- und Elektrolythaushalt, Blutbildung, Wachstum).

In besonders schweren Fällen benötigen BBS-Patienten eine Dialyse (Nierenersatzverfahren) und folgend eine Nierentransplantation. Zum Seitenanfang

1.3. Vererbung und Häufigkeit

Das Bardet-Biedl-Syndrom wird autosomal-rezessiv vererbt, d.h. beide Kopien (Allele) eines BBS-Gens müssen eine Mutation (Veränderung) aufweisen. Die Eltern eines Betroffenen haben je ein normgerechtes und ein verändertes Allel des betroffenen Gens und sind daher gesund. Nur wenn beide Elternteile das veränderte Allel des betroffenen BBS-Gens weitervererben, tritt diese Krankheit auf. In einigen Fällen wurde beim Bardet-Biedl-Syndrom auch die Besonderheit einer triallelischen Vererbung festgestellt. Dazu müssen beide Allele eines BBS-Gens und von einem weiteren BBS-Gen ein zusätzliches Allel verändert sein, um das Krankheitsbild hervorzurufen.

Nach den bisherigen Ergebnissen der Forschung (Stand 2009) liegen dem Bardet-Biedl-Syndrom Veränderungen in mindestens 14 Genen zugrunde: BBS1/BBS2L2 (11q13.2), BBS2 (16q12.2), BBS3/ARL6 (3q11.2), BBS4 (15q24.1), BBS5 (2q31.1), BBS6/MKKS (20p12.2), BBS7/BBS2L1 (4q27), BBS8/TTC8 (14q32.11), BBS9/PTHB1 (7p14.3), BBS10/C12ORF58(12q), BBS11/TRIM32 (9q32), BBS12/FLJ35630 (4q27), BBS13/MKS1 (17q23), BBS14/CEP290/NPHP6 (12q21.3). Dabei hängt die Art und Schwere der Ausprägung der einzelnen Symptome des BBS auch davon ab, welche Genveränderungen unter den individuellen Bedingungen des Patienten die Erkrankung verursachen.

Die Angaben über die Krankheitshäufigkeit (Prävalenz) sind in der Literatur je nach Autor und Bevölkerungsgruppe verschieden. In Europa wird die Häufigkeit von BBS in der Schweiz mit 1:160 000, in Norwegen mit 1:128 000 und in Dänemark mit 1:59 000 angegeben. Zahlen aus Deutschland liegen nicht vor. Zum Seitenanfang

1.4. Differenzialdiagnose

Klar abgegrenzt werden muss das Bardet-Biedl-Syndrom von folgenden anderen Syndromen mit RP:

Usher-Syndrom: RP und angeborene Innenohrschwerhörigkeit. (Besuchen Sie diesen Link für Informationen zum Usher-Syndrom.)

Refsum-Syndrom: Atypische RP, Ataxie, Polyneuropathie (Erkrankung mehrerer oder aller außerhalb des Gehirns vorkommender Nerven), Innenohrschwerhörigkeit, Beeinträchtigung des Geschmacks- und Geruchssinns, Hautprobleme. (Besuchen Sie diesen Link für Informationen zum Refsum-Syndrom.)

Bassen-Kornzweig-Syndrom: Atypische RP, Fehlen von bestimmten Lipoproteinen (VLDL, LDL) im Blutserum, Verminderung des Plasma-Vitamin-A-Gehaltes, Steatorrhoe (Fettstuhl), fortschreitende Ataxie und geistige Retardierung.

Senior-Loken-Syndrom: RP mit familiärer juveniler Nephronophthise (eine Aufbrauchkrankheit des tubulären Systems der Niere); führt zu zystischen Nierenveränderungen, die letztendlich Nierenversagen auslösen.

Alström-Syndrom: RP, Adipositas, Diabetes, Hörverlust, Niereninsuffizienz, Herzmuskelerkrankung, Verdunkelung von Hautpartien, Kleinwuchs, Skoliose, Schilddrüsenunterfunktion.

McKusick-Kaufmann-Syndrom: Polydaktylie, Hydrometrocolpos (Sekretverschluss der Gebärmutter), Kongenitale Herzmissbildung, Mutation im BBS6-Gen = MKKS-Gen.

Kearns-Sayre-Syndrom: <RP, Reizleitungsstörungen des Herzens, fortschreitende Lähmung der äußeren Augenmuskulatur. (Besuchen Sie diesen Link für Informationen zum Kearns-Sayre-Syndrom.)

1.5. Therapieansätze

Eine ursächliche Therapiemöglichkeit des Bardet-Biedl-Syndroms gibt es bisher nicht. Die unangenehme Lichtempfindlichkeit kann durch spezielle Filterbrillen gemildert, eine Polydaktylie operativ korrigiert werden, bei einem Hypogenitalismus ist durch Hormonzugabe eine Besserung möglich. Wichtig ist die medizinische Überwachung der mit diesem Syndrom auftretenden weiteren Erkrankungen: regelmäßige Kontrolle der Nierenfunktion (Kinder halbjährlich, Erwachsene jährlich) und des Blutdrucks, Ernährungsberatung bei Adipositas und logopädische Therapie.

Übersetzungen dieser Krankheitsbeschreibung

Wir arbeiten daran, diese umfangreiche Krankheitsbescheibung in andere Sprachen zu übersetzen. Derzeit können wir Ihnen eine chinesische Übersetzung zum Download anbieten (als PDF-Datei, 385 kb):

chinesische Übersetzung der BBS-Krankheitsbeschreibung

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Zuletzt geändert am So, 2011-01-09 16:47

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