Depression bei Sehverlust Ureigene Kraftquellen für ein Wohlbefinden

Von Cordula von Brandis-Stiehl, Ärztliche Psychotherapeutin

Was können wir selbst tun, damit es uns einigermaßen gut geht? Wir alle tragen sogenannte Kraftquellen, Fähigkeiten und Fertigkeiten in uns – nur sind wir uns dieser zu schwierigen Zeiten nicht immer bewusst. Es bedeutet die hohe Kunst eines gelungenen Lebens, diese Kraftquellen zum passenden Zeitpunkt parat zu haben. Es ist eine weitere Kunst, stets zu ahnen, wann wir welche Quelle einsetzen können oder gerade müssen.

Einige der hohen Künste

  • Wir lernten einst in kleinen Schritten das Rechnen, das Kochen und vieles mehr. So können wir uns auch jetzt erst einmal kleine Dinge vornehmen, bevor große Taten folgen. Übung macht den Meister.
  • Es kann weh tun, alte Maßstäbe aufzugeben, aber auch erlösend sein: Neue Maßstäbe können uns von alten Zwängen befreien, von der Pflicht für andere da sein, für Anerkennung oder Liebe etwas leisten zu sollen oder blitzschnell Dinge erledigen zu müssen. Nein, wir sind genauso wertvolle Menschen ohne all diese Zwänge und werden ebenfalls gemocht und geliebt, einfach so wie wir gerade sind. Diese Erfahrung wünsche ich allen.
  • Ordnung ist das halbe Leben, insbesondere für schlecht sehende Menschen: Wir greifen im Bad blind nach der Zahnpasta-tube, die Gewürze stehen in alphabetischer Reihenfolge, nur dürfen wir im Ordnungskorsett nicht erstarren. Wir brauchen genauso unsere Lebendigkeit, unsere Kreativität für all die Veränderungen im Leben. Welche Freizeitaktivitäten bringen mir am meisten Spaß?
  • Welche erfundenen Tischgewohnheiten sind blindentauglich und gesellschaftsfähig? Welches Ordnungssystem in meinem Kleiderschrank ist am geschicktesten? Unser Erfindungsgeist gibt uns passende Lösungen.
  • Geduld ist ein hohes Gut zu Zeiten einer Neuorientierung, doch vor lauter Vorsicht dürfen wir die gerade stimmige Situation nicht verpassen. So fordern uns die Tücken der Technik oft heraus. Wie heißt es doch? Probieren geht über Studieren. Und wenn wir am Ziel sind, dann müssen wir den Weg dorthin sofort festhalten, bevor er aus unserem Gedächtnis entschwindet.
  • Über ein gewisses logisches Denken verfügen wir alle. Dies hilft uns bei der systematischen Suche nach verlorenen Gegenständen, bei der Vorbereitung einer Einladung und bei der Planung einer größeren Unternehmung. Für Letzteres überlege ich mir immer, was denn das Schlimmste wäre, das schiefgehen könnte. Mein Köpfchen sucht nach einer sinnvollen Auswegstrategie, zum Beispiel das stets geladene Handy oder immer etwas mehr Bargeld im Portemonnaie als zu sehenden Zeiten.

Aktivität als Unterstützung

Der therapeutische Effekt körperlicher Aktivität hilft nicht nur bei Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen, sondern auch bei Kümmernissen. Regelmäßige körperliche Aktivität kann Ängste lösen, für innere Entspannung sorgen sowie für äußere in unseren Muskeln durch die vielen Stresshormone. Bewiesen ist ein Kurzzeiteffekt für einige Stunden. Zu empfehlen sind daher Aktivitäten wie Morgengymnastik, Schwimmen, Wandern, Tandemfahren, Bewegungsspiele, Gartenarbeit, Rhythmik, Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung nach Ja-cobson, Joga, Tai Chi, Qigong, Tanzen … vieles tut gut.

Die Sonne hilft

Sonnenlicht auf der Haut von Gesicht und Unterarmen hilft unserem Körper schon während 15 Minuten täglicher Exposition, Vitamin D als Substanz für unser Wohlbefinden herzustellen. Sonnenlicht hilft auch über die Augen, den Tag-Nacht-Rhythmus besser einhalten zu können und produziert dadurch zusätzlich antidepressive Substanzen in unserem Gehirn. Leider reduzieren Kantenfiltergläser gerade diesen Effekt. Aber was sind das für Anforderungen, die da gestellt werden? Stop! Hieß es nicht zu Anfang „kleine Schritte“? Also: Nur nichts überstürzen. Ein wenig Bewegung an der frischen Luft am Morgen, wenn die Sonne noch nicht so stark blendet. Gleichzeitig bringt uns die leichte Brise Düfte herbei. Vielleicht führt der Weg am Bäcker vorbei, sodass sich wenig später ein lecker riechendes Brötchen auf dem Teller befindet. Nur gemach. Auch das steht uns zu.

Anstöße von außen?

Es gibt immer wieder Zeiten, da fällt es schwer, Aktivitäten von sich aus durchzuführen. Liebe, einfühlsame Menschen um uns herum, können zu erfolgreichen kleinen Schritten beitragen: Zusammen einkaufen gehen oder kleine Spaziergänge unternehmen. Vieles kann dabei helfen, dass der Tagesablauf seine Struktur beibehält. Doch Überfürsorge kann dem Wohlbefinden im Wege stehen. Dem schlecht Sehenden darf nicht jede Tätigkeit abgenommen werden. Er benötigt Unterstützung, sollte aber nicht durch Bevormundung zusätzlich klein und hilflos gemacht werden. Vielmehr sollte der liebe Mitmensch grundsätzlich mit der Eigeninitiative des schlecht Sehenden rechnen.

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Zuletzt geändert am 02.04.2020 10:17