Pararudern

Ohne Sicht, nach Gehör und mit Gefühl

Paul, Mone, Simon, Roxi und Hannah (Karlsruher Rheinklub)
Foto (v. r. n. l.): Paul, Mone, Simon, Roxi und Hannah (Karlsruher Rheinklub/© Dietmar Kup)

Rudern ist bereits seit der Antike bekannt. Damals war es die einzige Möglichkeit, bei Windstille auf dem Wasser voranzukommen. Schnell entwickelte sich das Rudern zu einer beliebten Sportart, die im Jahr 1900 erstmals als olympische Disziplin zugelassen war. Mein Name ist Anne, ich bin Mitglied im Arbeitskreis (AK) Sport. Anlass meines Interviews ist ein YouTube-Link, der mich erreichte, mit dem Kommentar: „Wir hatten gerade die virtuelle Bootstaufe des neuen Para-Ruderboots.“ Para-Ruderboot? Was sollte das sein? Ich meine, ein herkömmliches Ruderboot war mir bekannt, aber Para-Ruderboot? Gespannt öffnete ich den Link. Zu sehen war die Bootstaufe eines Para-Ruderboots mit dem Namen „Blind Date“. Ich wollte mehr erfahren und kontaktierte den Ruderklub Alemannia in Karlsruhe.

Anne: Paul, Du bist einer der Hauptdarsteller in dem Video. Was begeistert Dich am Rudersport?
Paul: Ich war nie ein großer Sportler. Ich bin beim Fußball, in der Leichtathletik und besonders auf Skiern sehr schnell an meine Grenzen gekommen. Den Rudersport habe ich erst mit über 50 Jahren entdeckt und war sofort begeistert. Meine eigene Sehbehinderung und sonstige Beeinträchtigungen waren keine Hindernisse. Ich erlebte Sport, wie ich ihn bis dahin nicht kannte – und das als Physiotherapeut. Was mich begeistert: Rudern ist ein unübertroffenes Ausdauertraining und man wird es kaum glauben – es hat auch etwas Ästhetisches und Meditatives.

Anne: Welche Voraussetzungen muss man mitbringen?
Paul: Man muss sicher schwimmen können, teamfähig sein und natürlich Spaß am Wassersport haben. In der Jugend fangen wir mit etwa zehn Jahren an. Nach oben gibt es keine Grenze. Für Beeinträchtigte gibt es vier Einteilungen. PR3 (Para Rowing) steht für die geringsten Einschränkungen. Diese Sportler können mit dem ganzen Körper rudern. Sie alle haben aber zum Beispiel verletzte Fußgelenke oder sind in ihrem Sehvermögen eingeschränkt. Auch Sportler mit neurologischen Erkrankungen in der Anfangsphase oder milden Verläufen rudern in der PR3. In PR2 dagegen wird nur aus der Hüfte und mit den Armen gerudert, in PR1 nur mit den Armen. Diese Sportlerinnen und Sportler haben Sitze in den Booten und sind weitgehend auf besondere Boote angewiesen.

Anne: Wann und was war der Anlass, dass Ihr Euch dazu entschlossen habt, auch Menschen mit Behinderungen, ins- besondere mit Seheinschränkungen, für euren Klub zu gewinnen?
Paul: Das war meine Idee. Ich selbst bin von einer Makuladystrophie betroffen, was man mir im Boot mittlerweile nicht mehr anmerkt. Das Rudern hat mir einige Schwachstellen aufgezeigt, die ich bis dahin nicht kannte, und mit denen ich umgehen musste. Beispielsweise war ich als praktisch Einäugiger nicht in der Lage, mich im Boot sauber auszurichten und das Gleichgewicht zu halten. Je mehr ich versuchte, mich visuell auszurichten, desto mehr Schlagseite bekam das Boot. Irgendwann nach vielen Wochen fiel der Fehler auf. Mein Trainer gab mir den Rat, mit zwei Fingern neben meiner Sichtmitte eine imaginäre Mitte zu schaffen. Das war Gold wert. Der Erfolg spornte mich an, meine Erfahrungen weiterzugeben. Und so fragte ich beim Vorstand nach, ob wir nicht versuchen sollten, eine Para-Rudergruppe zu gründen.

Anne: Wie viele Mitglieder mit Seheinschränkung hat Euer Ruderklub derzeit?
Paul: Neun, inklusive meiner selbst.

Anne: Mone, Du bist eine von den neun Sportlerinnen und Sportlern mit einer Seheinschränkung. Was hat Dich dazu bewegt, mit dem Rudersport zu beginnen? Und wie hast Du von dem Angebot erfahren?
Mone: Erfahren habe ich davon über das Junge Forum der PRO RETINA in Karlsruhe. Ich hatte das bis dahin noch nie gemacht und war einfach neugierig. Weil ich schon immer sehr sportbegeistert war, wusste ich gleich: Das will ich unbedingt ausprobieren. Tja, und dann kam ich nicht mehr davon los. Mich begeistert vor allem, dass so ziemlich alles Teamarbeit ist. Ein Boot trägt sich nicht von alleine. Zusammen im Boot sitzen heißt, ein eingespieltes Team zu werden. Ansonsten kommt man nicht weit. Und es bedeutet, ständig aufeinander zu achten.

Anne: Mone, was macht das Rudertraining mit Dir?
Mone: Für mich ist es ein toller Ausgleich zum Alltag. Ich habe die Möglichkeit, mich sportlich weiterzuentwickeln und es gibt mir ein Gefühl von Freiheit und Leichtigkeit, mal so ganz ohne Langstock unterwegs zu sein. Ich bekomme durch das Training und den Muskelaufbau auch eine ganz andere Körperhaltung. Gut, das mit der Leichtigkeit muss ich ein wenig relativieren – es gibt natürlich schon den einen oder anderen Muskelkater.

Anne: Jenny, Du bist Co-Trainerin und unterstützt Paul beim Training mit der Para-Gruppe. Du hast keine Seheinschränkung. Was stellt für Dich die größte Herausforderung dar im Training mit seheingeschränkten Ruderinnen und Ruderern?
Jenny: Die größte Herausforderung ist die Technik. Zwar müssen alle die Technik auch spüren können, aber man kann immer auch visuell überprüfen, ob man richtig ist. Das fängt schon damit an, ob die Skulls (Paddel) in die richtige Richtung zeigen. Natürlich musste ich auch erst nachfragen, was geht und was nicht. Man darf keine Berührungsängste haben und nicht schüchtern sein. Ich frage lieber nach, bevor ich etwas falsch mache oder etwas voraussetze, was dann nicht geht. Wir gehen alle so normal miteinander um, dass ich manchmal vergesse, dass die meisten stark oder weniger stark seheingeschränkt sind. Über manche Dinge macht man sich vorher keine Gedanken, weil sie für Sehende selbstverständlich sind. Man muss lernen, die Welt mit anderen Augen wahrzunehmen.

Anne: Wenn Du Dich den Herausforderungen stellst, welche Motivation steckt dahinter?
Jenny: Freude am Rudersport, Freude am Lehren und die Freude, mit Menschen zu arbeiten. Schnell hat sich ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt und so geht es darum, tollen Menschen zu helfen, auch Teil der Rudergemeinschaft zu werden. Wir haben Spaß dabei und ich finde es bereichernd, die Welt und die Umgebung durch die Gruppe anders wahrzunehmen. Es hat mich sensibilisiert, mehr auf andere zu achten. Ich konnte auch schon etwas für meinen Beruf als Grafik-Designerin mitnehmen, denn auch dort gibt es Möglichkeiten, barrierefrei zu gestalten. Dabei wurde ich toll vom Para-Team unterstützt.

Anne: Ich bin dem Link folgend auf den Ausspruch gestoßen „Ohne Sicht, nach Gehör und mit Gefühl – Gemeinsam auf dem Weg“. Was bedeutet das?
Jenny: Ob das Boot gut läuft, sieht man nicht, aber man hört und spürt es.

Anne: Fast am Ende dieses Interviews angekommen, möchte ich noch das Geheimnis lüften um das neue grade getaufte Para-Ruderboot. Was ist der Unterschied zwischen einem normalen Ruderboot und einem Para-Ruderboot? Wie seid Ihr auf den Namen gekommen?
Paul: Die „Blind Date“ ist von den Maßen her kein Rennboot, sondern eine Gig, heißt, es ist breiter, damit sicherer und verzeiht so manchen Fahrfehler, mit dem man im normalen Rennboot kentern würde. Gleichzeitig ist es von der Handhabung her wie ein Rennboot. „Blind Date“ steht für neue Erfahrungen und Begegnungen. Und es wird noch so manches Blind Date in diesem Boot geben. Jenny: Die „Blind Date“ fährt sich wie eine S-Klasse unter den Ruderbooten. Es liegt breit und damit sicher auf dem Wasser und der Rollsitz gleitet nur so auf den Schienen dahin. Es ermöglicht uns, mit den Paras einzeln zu trainieren und die Technik zu üben. Es lässt sich auch leicht steuern und bietet uns genug Spielraum, um das Rudern zu genießen.

Mone, Jenny, Paul – es war mir ein großes Vergnügen, Euch kennengelernt zu haben. Ich danke Euch sehr für das offene Gespräch. Und einmal mehr ist mir klar geworden: Alles ist möglich, denn der Wille öffnet Wege, die andere für unmöglich halten.

Weitere Informationen: www.rheinklub-alemannia.de/para-rudern

Zuletzt geändert am 06.10.2021 11:45