„Warum sehen Sie nicht blind aus?“

Jörg steht vor dem Brandenburger Tor

Jörg ging 1990 zum Augenarzt, nachdem er auf einem Auge schlechter sehen konnte. „Der Sehnerv ist ein bisschen blass. Kommen Sie in einer Woche wieder,“ stellte die Ärztin fest. Doch die Sehverschlechterung verlief bei Jörg so schnell, dass er in der nächsten Woche den Weg alleine nicht mehr zur Ärztin fand. Er wurde quasi auf beiden Augen von einem auf den anderen Tag blind. Schnell stand die Diagnose fest: Augenentzündung!

Doch damit wollte Jörg sich nicht zufrieden geben. Bundesweit besuchte er Augenzentren, zahlreiche Untersuchungen folgten. 6 Jahre lang ein auf und ab mit unterschiedlichsten Theorien und Diagnosen. Viele Versprechungen musste er sich anhören: „Keine Sorgen, übermorgen können Sie wieder sehen“, hörte Jörg des Öfteren. Erst 1996 kam dann die ernüchternde Diagnose: LHON! Die Ärzte sprachen Klartext mit ihm und stellten fest, dass sein Augenlicht für immer verloren sei. Seine Sehkraft lag zu diesem Zeitpunkt nur noch bei 0,03%.

Obwohl die Krankheit unheilbar ist, brachte der Befund Trost: „Ich war enorm erleichtert, denn endlich hatte ich Gewissheit“, sagt Jörg. Es sei quälend gewesen, sich immer wieder aufs Neue bei Ärzten vorzustellen, die eigene Geschichte immer wieder erzählen zu müssen – ohne hinterher eine Diagnose zu erhalten.

Sein Leben kam so langsam zur Ruhe. Bei einem Wanderurlaub entdeckte Jörg dann die Berge für sich. Vielleicht war auch die Aussage des Bergsteigers Ansporn genug: „…er hätte schon viele Leute den Großglockner hochgebracht. Aber noch keinen blinden Menschen!“ Nach einem erfolgreichen Aufstieg des Großglockners als erster Blinder folgten weitere Bergtouren. „So langsam habe ich Gas gegeben und so kam dann eben eins zum anderen“, berichtet er über seine zahlreichen Touren. Es folgten der Kilimandscharo in Afrika; der Elbrus in Russland und der Ararat in der Türkei. Die Liste seiner Sportarten könnte noch lange fortgeführt werden. So wurde er Sieben Mal Deutscher Meister bei den Blinden und Sehbehinderten in der Schadensklasse B1 und Altersklasse 30 in den Disziplinen Speedskating auf der Bahn, Halbmarathon und Marathon über rund 42 Kilometer. „Sport ist mir wichtig, ich kann nicht zu Hause auf dem Sofa sitzen und nichts tun, nur weil ich blind bin.“

Mittlerweile wohnt Jörg in Berlin. Über den Sportverein Pfeffersport e. V. kann er in der Gruppe Selbstverteidigung inklusiv seinen Sport betreiben. Jeden Tag hört er im Alltag Sätze wie „Sie sehen doch gar nicht blind aus?“, die er mittlerweile nicht mehr hören kann. In seinem Sportverein spielt diese Frage keine Rolle. Hier machen Menschen mit und ohne Handicap einfach nur Sport, der Spaß macht. So kann Jörg jeden Tag neue Kraft und Lebensenergie für seinen Alltag gewinnen.

Zuletzt geändert am 19.09.2020 07:52