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19. Usher-Café: Von Kaffeemühlen auf dem Rücken und politischen Hürden
Ein Rückblick auf das 19. virtuelle Treffen
Es gab zwar virtuell keinen Glühwein, dafür aber umso mehr spannende Einblicke: Am 3. Dezember luden Dirk Moos und Frank Becker zum mittlerweile 19. Usher-Café ein. Es war das letzte Treffen des Jahres, und neben einem Rückblick auf politische Zähigkeiten gab es einen praktischen Schwerpunkt zum Anfassen – oder besser gesagt: zum „Auf-den-Rücken-Malen“.
Ein Blick zurück und die Mühlen der Politik
Nach einer herzlichen Begrüßung startete die Runde zunächst mit einem kleinen Rückblick. Das Jahr 2025 war thematisch bunt gemischt – vom Sehbehindertenrecht im Frühjahr über Pflegethemen im Mai bis hin zu den neuesten Nachrichten aus Forschung und Therapie im August. Doch während die Themen im Café wechselten, mahlten die politischen Mühlen gewohnt langsam.
Frank Becker berichtete direkt aus dem „Gemeinsamen Fachausschuss Taubblind“ (GFTB). Die gute Nachricht vorweg: Nach jahrelangem Ringen und Diskussionen über Sprachkompetenzen wurde endlich ein neuer Ausbildungsrahmenplan für Taubblinden-Assistenten (TBA) verabschiedet. Ab 2027 soll dieser greifen und sicherstellen, dass Assistenzkräfte bundesweit einheitlich und qualifiziert ausgebildet werden.
Etwas zäher läuft es beim sogenannten „Taubblinden-Gesetz“. Hier existiert zwar ein Forderungskatalog, aber die Runde war sich einig: Bevor man damit offensiv auf die Politik zugeht, muss das Papier noch „poliert“ werden, um politisch wirklich tragfähig zu sein. Es gilt, Forderungen so zu formulieren, dass sie ernst genommen werden und nicht als bloßer Wunschzettel enden.
Wenn der Rücken spricht: Haptic Signs
Nach der trockenen Politik wurde es dann ganz praktisch – und für viele Teilnehmer inspirierend. Frank Becker brachte ein Thema von der letzten Fachtagung mit, das die Kommunikation im Alltag revolutionieren kann: Haptic Signs (früher auch Body Signs genannt).
Aber was ist das eigentlich? Stellen Sie sich vor, Sie sind in einem Gespräch, es ist laut und die Augen machen nicht mehr richtig mit. Haptic Signs sind vereinbarte Berührungen, die meist auf den Rücken oder den Oberarm „gemalt“ werden, um diskret Informationen zu übermitteln, ohne das laufende Gespräch zu unterbrechen. Die RWTH Aachen hat hierzu in Zusammenarbeit mit Betroffenen ein ganzes Lexikon entwickelt.
Frank Becker schilderte anschauliche Beispiele, die erstaunlich simpel und effektiv sind:
- „Kaffee ist da“: Die Assistenz legt die Hand auf das Schulterblatt und macht eine kreisende Bewegung mit der Faust – wie bei einer alten Kaffeemühle.
- „Guten Morgen“: Ein leichtes Trommeln auf dem Rücken, gefolgt von einer öffnenden Handbewegung, die einen Sonnenaufgang symbolisiert.
- Der Lautstärke-Regler: Für Träger von Cochlea-Implantaten (CI), deren eigene Stimme in lauter Umgebung oft schwer einzuschätzen ist, gibt es den „Schieberegler“ auf dem Rücken. Ein Strich nach oben heißt „sprich lauter“, ein Strich nach unten „bitte leiser“.
Der Vorteil liegt auf der Hand: Man muss nicht quer durch den Raum rufen oder dem Betroffenen ins Ohr flüstern (was alle anderen auch hören würden). Es ist ein diskreter „zweiter Kanal“, der Orientierung schafft.
Infobox: Mehr zu Haptic Signs
Weitere Informationen und das Lexikon finden Sie unter:
Website: www.hapticbodysigns.de
Kontakt: E-Mail: info@hapticbodysigns.de
RWTH Aachen University SignGes – Kompetenzzentrum für Gebärdensprache und Gestik Theaterplatz 14 52062 Aachen
Assistenz ist nicht gleich Assistenz
Die Begeisterung für Haptic Signs führte direkt zum nächsten großen Thema: Wer führt diese Zeichen eigentlich aus? Hier entspann sich eine lebhafte Diskussion über die verschiedenen Formen der Unterstützung.
Nicht jeder benötigt die hochqualifizierte (und teure) Taubblinden-Assistenz (TBA), die fließend lormen und gebärden kann. Für viele Betroffene, die lautsprachlich orientiert sind, reicht oft eine Hörsehbehinderten-Assistenz (HSA). Diese Assistenzform ist etwas „niederschwelliger“. Sie hilft beispielsweise beim Einkaufen, beschreibt visuelle Eindrücke oder greift korrigierend ein, wenn man etwas akustisch falsch verstanden hat.
Ein großes Thema war in diesem Zusammenhang das Persönliche Budget. Dabei handelt es sich um eine Geldleistung vom Staat, mit der Menschen mit Behinderung ihre Assistenz selbst einkaufen und bezahlen können, anstatt Sachleistungen zu erhalten. In der Theorie klingt das nach Freiheit und Selbstbestimmung. In der Praxis berichteten die Teilnehmer jedoch von einem Flickenteppich: Je nach Bundesland und Landkreis wird das Budget sehr unterschiedlich gehandhabt, und oft ist es ein bürokratischer Kampf, bis die Gelder fließen.
WhatsApp, E-Mail und der Ruf nach der Jugend
Gegen Ende des Abends ging der Blick noch einmal in die eigene Runde. Wie vernetzen wir uns am besten? Während einige die klassische Mailingliste bevorzugen, weil sie übersichtlich und archivierbar ist, schwören andere auf die Schnelligkeit von WhatsApp. Einigkeit bestand darin, dass Barrierefreiheit das A und O ist – und dass man niemanden abhängen darf, nur weil er oder sie keinen Messenger nutzt.
Besonders erfreulich war ein Impuls aus der jüngeren Generation. Ein Teilnehmer stellte die Idee eines „Meetups“ für Usher-Betroffene zwischen 16 und 35 Jahren vor. Denn wer gerade in Ausbildung, Studium oder Berufseinstieg steckt, hat oft ganz andere Themen als die „alten Hasen“. Die Idee stieß auf große Zustimmung: Der Austausch unter Gleichaltrigen ist wichtig, und der Arbeitskreis sagte Unterstützung bei der Organisation zu.
Ausblick: Ihre Ideen sind gefragt!
Bevor sich die Bildschirme schlossen, gaben Dirk Moos und Frank Becker noch einen Wunsch mit auf den Weg: Das Usher-Café lebt von Ihren Themen! Egal ob Reiseberichte, Rechtsfragen oder ganz neue Ideen – Vorschläge sind immer willkommen. Auch für das nächste Jahr ist geplant, externe Experten oder vielleicht sogar politische Entscheidungsträger (wie den Behindertenbeauftragten Jürgen Dusel) einzuladen, um den Forderungen der Community Nachdruck zu verleihen.
Mit den besten Wünschen für eine friedliche Adventszeit und dem Dank an die unermüdlichen Schriftdolmetscher endete ein informativer Abend. Wir freuen uns schon auf das nächste Mal!