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Mehr als nur Abendgarderobe: 23. Deutscher Hörfilmpreis feiert Meilensteine und fordert weitere Schritte zur Inklusion
PRO RETINA beim Deutschen Hörfilmpreis 2025
Berlin – Mit einer festlichen Gala im traditionsreichen Kolosseum Filmtheater ehrte der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) am Abend des 25. März herausragende Leistungen im Bereich der Audiodeskription (AD). Die 23. Verleihung des Deutschen Hörfilmpreises 2025, der seit 2002 vom DBSV verliehen und maßgeblich von der Aktion Mensch und Pfizer Pharma gefördert wird, stand unter dem Leitmotiv „Um Filme zu lieben, muss man sie nicht sehen“ und rückte die essenzielle Bedeutung barrierefreier Filmkultur für eine inklusive Gesellschaft ins Zentrum. Hörfilme, versehen mit einer Audiodeskription, ermöglichen es blinden und sehbehinderten Menschen, Filme als Ganzes wahrzunehmen, indem in Dialogpausen zentrale Handlungselemente, Mimik, Gestik und Dekor beschrieben werden. Moderiert von Nadine Heidenreich mit einem Grußwort des DBSV-Präsidenten Hans Werner Lange wurde die Veranstaltung erstmals auch live ins Internet übertragen. Neben den Hauptsponsoren Aktion Mensch und Pfizer Pharma GmbH unterstützen weitere Förderer wie Novartis Pharma GmbH, bliq, die Herbert Funke-Stiftung, die Blindenstiftung Deutschland und St. Kilian Distillers den Preis.
Ein Abend für alle Sinne – dank Live-Beschreibung und Gebärdensprache
Ein besonderes Augenmerk galt der umfassenden Zugänglichkeit des Events selbst. Die Veranstaltung wurde von einer detaillierten Live-Audiodeskription begleitet, die nicht nur das Bühnengeschehen, sondern auch das Aussehen der Akteure – von der Kleidung und Accessoires bis hin zu spezifischen Gitarrenmodellen der Band – die Gestaltung des Hörfilmpreises „ADeles“ und die Atmosphäre im Saal für Menschen mit Seheinschränkung lebendig werden ließ. Unterstützt wurde die Barrierefreiheit durch Gebärdensprachdolmetschung.
Audiodeskription: Von der Nische zum unverzichtbaren Standard – Ein Recht auf Teilhabe
DBSV-Präsident Hans Werner Lange nutzte seine Eröffnungsrede für einen Rückblick auf 23 Jahre Hörfilmpreis. Er erinnerte an die anfängliche Skepsis und würdigte die heutige Etablierung der AD als „unverzichtbaren Bestandteil“ der Medienlandschaft. Lange betonte, dass hohe Qualität in der AD ein Recht sei und nicht nur ein optionales Extra. Er sprach aktuelle Herausforderungen wie Finanzierung, Qualitätssicherung und technologischen Wandel an. Bewegend gedachte er verdienter Persönlichkeiten wie dem verstorbenen Bundespräsidenten a.D. Horst Köhler – dessen Ehefrau Eva Luise Köhler und Tochter Dr. Ulrike Köhler im Publikum anwesend waren – und dem AD-Pionier Elmar Dosch, die sich nachhaltig für das „Kino im Kopf“ eingesetzt hatten.
Gesetzliche Fortschritte und offene Wünsche: FFG § 46 im Fokus
Ein zentrales Diskussionsthema war die kürzlich erfolgte Novellierung des Filmförderungsgesetzes (FFG), insbesondere der überarbeitete Paragraph 46. DBSV-Geschäftsführer Andreas Bethke, der den Kulturpolitikern für die Durchsetzung "trotz Koalitionsbruch" dankte, und die Bundestagsabgeordnete sowie Jurymitglied Awet Tesfaiesus (Bündnis 90/Die Grünen) erläuterten dessen Bedeutung. Kernpunkte sind nun:
- Verpflichtende Barrierefreiheit über alle Verwertungsstufen: Filmförderung setzt die Herstellung und Zugänglichmachung barrierefreier Fassungen (inkl. AD) auf allen inländischen Verwertungsstufen bis zur jeweiligen Erstauswertung voraus (§ 46 Abs. 1). Dies gilt entsprechend auch für Verleih- und Digitalisierungsförderung, wobei Ausnahmen möglich sind (§ 46 Abs. 3).
- App-basierter Zugang im Kino: Explizit wird die Möglichkeit festgeschrieben, AD im Kino auch über plattformunabhängige, barrierefreie Apps auf Nutzerendgeräten zugänglich zu machen, die den Standards des Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG) und der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV) entsprechen müssen (§ 46 Abs. 2).
Bethke hob die Bedeutung von Informationsplattformen wie „Kino für alle“ und „Hörfilm.info“ hervor und unterstrich die Wichtigkeit, dass "die Audiodeskription (...) bei der Erstvorführung bereits vorhanden sein" müsse, "dann hat man auch das Gefühl, dass man dazu gehört", wie er am Beispiel seines eigenen Berlinale-Besuchs verdeutlichte. Er betonte zudem, dass das Schaffen kultureller Teilhabe "kein Sprint, sondern (...) ein Langstreckenlauf" sei, bei dem verlässliche Partner essentiell sind. Es sei "wunderbar", die langjährigen Hauptförderer Aktion Mensch und Pfizer auch in diesem Jahr an der Seite des DBSV zu wissen, wofür er sich herzlich bedankte.
Frau Awet Tesfaiesus begrüßte die gesetzlichen Fortschritte als Schritt zur Inklusion, mahnte jedoch weitere Anstrengungen an. Sie bedauerte: "Wir haben es (...) nicht geschafft, den Diversitätsbeirat durchzusetzen", um Betroffene stärker einzubinden. Zudem forderte sie mehr finanzielle Mittel und betonte: "Die Menschen in der Medienbranche müssen zu Barrierefreiheit und Teilhabe (...) Schulungen bekommen", um eine umfassende Sensibilisierung zu erreichen.
Einblicke in die Juryarbeit: Qualität, Sprache und Dialog
Anschließend gaben Juryvorsitzende Jette Förster und Jurymitglied Tesfaiesus Einblicke in den anspruchsvollen Auswahlprozess aus den 22 nominierten Produktionen. Sie betonten die hohe Qualität und den fruchtbaren Dialog zwischen sehenden und nicht-sehenden Jurymitgliedern. Herausforderungen wie die Beschreibung von Stummfilmen oder der sensible Umgang mit Sprache bei der Beschreibung von Personen wurden ebenso thematisiert.
Die Jury des Deutschen Hörfilmpreises setzte sich auch in diesem Jahr aus hochkarätigen Expert:innen zusammen: der Vorsitzenden Jette Förster, Verena Bentele (Präsidentin des Sozialverbandes VdK), Peter Brass (Mitglied des DBSV-Präsidiums), Dr. Alice Brauner (Produzentin), Jan Meuel (Filmbeschreiber und Sozialarbeiter), Awet Tesfaiesus (MdB Bündnis 90/ Die Grünen), Roman Knižka (Schauspieler) und Debora Weigert (Schauspielerin und Synchronsprecherin).
Die Preisträger und ihre Laudatoren – Ein Überblick
Die Spannung erreichte ihren Höhepunkt mit der Vergabe der „Adele“-Trophäen in sechs Kategorien sowie dem Publikumspreis:
- Spielfilm Kino: Die ADele ging an „Vena“ (Regie: Chiara Fleischhacker). Den Preis nahmen Colin Ullmann (D-Facto Motion) sowie Vertreterinnen des AD-Teams entgegen, überreicht von Benita Sarah Bailey.
- Spielfilm TV/Mediatheken/Streaming: Ausgezeichnet wurde „Ein Mann seiner Klasse“ (Regie: Marc Brummund). Philip Klenk (SWR) und das AD-Team nahmen den Preis von Christina Athenstädt und Pamela Pabst entgegen.
- Serie: Die ADele erhielt „Ich bin Dagobert“ (Regie: Hannu Salonen). Alexander Fichert (audioskript) und das AD-Team freuten sich über die Auszeichnung, überreicht von Laudator Jonas Nay.
- Kinder- und Jugendfilm: Der Walt Disney-Animationsfilm „Wish“ wurde geehrt. Vertreter von The Walt Disney Company und das AD-Team nahmen den Preis von Laudatorin Patricia Meeden entgegen.
- Dokumentation: Ausgezeichnet wurde „Unsere Wälder – Netzwerk der Tiere“ (NDR). Niels Rasmussen (NDR) und das AD-Team erhielten die ADele von Laudator Walter Sittler. Besonders gewürdigt wurde Uschi Herdegen-Wessel für ihre langjährige Arbeit beim NDR.
- Filmerbe: Der Preis ging an den Klassiker „Paris, Texas“ (Regie: Wim Wenders). Francesca Hecht (Wim Wenders Stiftung) und das Eurotape AD-Team nahmen die Ehrung von Rieke Seja entgegen.
- Publikumspreis: Die Produktion „Sieger sein“ (Regie: Soleen Yusef) gewann die Online-Abstimmung. Sonja Schmitt (DCM Pictures) und das AD-Team nahmen den Preis von Laudatorin Valerie Niehaus entgegen.
Prominenz und Ausklang
Zahlreiche Gäste aus Film, Politik und Gesellschaft erwiesen dem Hörfilmpreis die Ehre, darunter auch die Parlamentarische Staatssekretärin Kerstin Griese, die Berliner Senatorin Cansel Kiziltepe sowie Ulrike und Eva-Luise Köhler. Ausdrücklich gedankt wurde den langjährigen Partnern und Sponsoren für ihr entscheidendes Engagement. Sowohl Christina Marx (Aktion Mensch) als auch Christina Claußen (Pfizer) bedankten sich herzlich beim DBSV, Andreas Bethke und Nadine Heidenreich für die gelungene Veranstaltung und die wichtige Arbeit.
PRO RETINA war mit dem Finanzvorstand Jörg-Michael Sachse-Schüler, dem Leiter der EUTB Beratungsstellen, Sylvester Sachse-Schüler, der politischen Referentin Zehra Wellmann-Sam sowie der Fachreferentin Diagnose & Forschung, Sandra Jansen auf der Hörfilmpreisverleihung präsent. Insbesondere mit Eva-Luise und Ulrike Köhler fand an diesem Abend ein reger Austausch statt. Eva-Luise Köhler lobte dabei insbesondere die langjährige ehemalige PRO RETINA Vorsitzende Ute Palm. Kurze Gespräche ergaben sich auch mit Vertretern des DBSV und weitere Verbände.
Der Abend, musikalisch von der Band „Pudeldame“ begleitet, klang mit einer Aftershow-Party aus. Die Verleihung des 23. Deutschen Hörfilmpreises demonstrierte eindrucksvoll, wie durch hochwertige Audiodeskription Filmkunst für alle erlebbar wird und setzte ein starkes Signal für eine inklusive Kulturlandschaft. Der anhaltende Dialog und die gestärkten gesetzlichen Rahmenbedingungen lassen auf weitere positive Entwicklungen hoffen.