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Vielfalt im Gesundheitswesen - Gesundheit für alle

Am 24.02.2026 nahm die Interessenvertretung von PRO RETINA Deutschland e.V. digital am 5. Diversity in Health Congress am Programmpunkt „Health Equity: Zugang & Solidarität im Gesundheitssystem“ teil. Der Kongress bot eine Plattform, um die Vielfalt im Gesundheitswesen zu thematisieren. Im Mittelpunkt standen Facetten von Diversität wie Geschlecht, Alter, sexuelle Orientierung, ethnische Herkunft, Religion und Weltanschauung, Behinderung oder soziale Herkunft. ExpertInnen aus Wissenschaft, Forschung, Lehre und Praxis diskutierten Strategien zur Förderung von Diversität und den Zugang zur Gesundheitsversorgung. Gleichzeitig zielte die Veranstaltung darauf ab, den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen AkteurInnen im Gesundheitswesen zu fördern und so eine inklusive Versorgung zu unterstützen.

1) Einordnung und Zielsetzung 

Die Session fokussierte auf Gesundheitsgerechtigkeit (Health Equity) als zentrale Voraussetzung für einen solidarischen Zugang zur Versorgung. Als inhaltlicher Auftakt wurde eine Slido-Umfrage aufgegriffen: Teilnehmende bewerteten sozioökonomischen Status als stärksten Einflussfaktor auf Gesundheitschancen, gefolgt von Zugang zur Versorgung und Diskriminierungserfahrungen.

Moderiert wurde die Session von Bianca Flachenecker (Health Equity Consulting Hub); Beiträge kamen zudem vom Gesundheitskollektiv Berlin e. V. sowie von Dr. med. M.A. Adak Pirmorady (Charité – Universitätsmedizin Berlin).

2) Gemeinsames Begriffsverständnis: Health Equity als „Handlungsmacht teilen“

In einer Blitzlichtrunde wurde Health Equity als mehrdimensionales Ziel beschrieben:

  • „Handlungsmacht teilen“ als Leitprinzip gerechter Versorgung (Macht- und Entscheidungsasymmetrien in System und Behandlung).
  • Gleichrangig wurden Chancengerechtigkeit und Zugangs-/Versorgungsgerechtigkeit betont.
    Damit wurde früh ein Rahmen gesetzt: Gesundheitsgerechtigkeit ist nicht allein eine Frage individueller Lebensführung, sondern berührt Strukturen, Ressourcenverteilung und Teilhabe.

3) Impuls von Bianca Flachenecker: Von „Equality“ zu „Equity“ – Gesundheitsgerechtigkeit als System- und Wirtschaftsfaktor

Bianca Flachenecker differenzierte zwischen Chancengleichheit (Equality) und Gerechtigkeit (Equity): Nicht alle bekommen das Gleiche, sondern Menschen erhalten das, was sie konkret benötigen, um reale Teilhabe zu ermöglichen.
Sie verortete Gesundheitsgerechtigkeit im Kontext der sozialen Determinanten von Gesundheit und betonte, dass Gesundheit und Krankheit bereits in ihrer Entstehung stark von Lebenswelt, sozialer Positionierung und Ressourcen abhängen (z. B. Bildung, finanzielle Lage, soziale Einbettung).

Ein zentrales Argument war die Multidimensionalität: Gesundheitsgerechtigkeit erfordere Handeln über das Gesundheitswesen hinaus – u. a. in Wirtschaft, Bildung, Arbeitsmarkt und politischer Steuerung. Exemplarisch wurde verdeutlicht, wie vermeintlich „individuelle Entscheidungen“ (z. B. Sport, Ernährung) durch Arbeits- und Lebensbedingungen geprägt sind und Schuldzuschreibungen strukturelle Barrieren ausblenden.

Neben der sozialen Dimension stellte sie Health Equity als Wirtschafts- und Zukunftsthema dar: Ungleichheit verursache erhebliche Folgekosten (u. a. Produktivitätsausfälle, Systemüberlastung), während Investitionen in wirksame Versorgung gesellschaftlichen Nutzen erzeugen könnten.
Als zusätzliche Barriere wurde die digitale Kluft angesprochen: Zugang zu digitalen Tools und Kompetenzen sei ungleich verteilt und müsse bei Digitalisierungsvorhaben systematisch mitgedacht werden.

4) Praxisbeitrag Gesundheitskollektiv Berlin: Diskriminierungssensible Primärversorgung im Stadtteil – „Nicht ohne die Community(s)“

Franziska Paul und Shao-Xi Lu stellten das GeKo Stadtteilgesundheitszentrum in Berlin-Neukölln als Modellprojekt eines integrierten Primärversorgungszentrums vor: niedrigschwellig, interprofessionell und biopsychosozial – mit dem Anspruch, soziale Determinanten praktisch in Versorgung zu übersetzen.

Kernelemente des Ansatzes:

  • Vernetzte Angebote unter einem Dach (u. a. medizinische Praxen, Sozial- und psychologische Beratung, Pflege-/Begleitstrukturen), verbunden durch interprofessionelle Zusammenarbeit und Fallbesprechungen, um Brüche zwischen medizinischen und sozialen Problemlagen zu reduzieren.
  • InReach/OutReach-Logik: Menschen sollen nicht nur „ins System finden“, sondern Versorgung geht auch aktiv in den Stadtteil (aufsuchende Angebote, niedrigschwellige Kontaktpunkte).
  • Niedrigschwellige Begegnungsräume wie die „Kaffeepraxis“ als Ort des Ankommens und der ersten Orientierung – ergänzt durch Gruppenräume und Community-Angebote.

Für diskriminierungssensible Ausgestaltung wurden hervorgehoben: Mehrsprachigkeit, verständliche Sprache, Sprachmittlung, inklusive Kommunikation/Bildsprache sowie die Zusammenarbeit mit Multiplikator*innen/Schlüsselpersonen als Brücke zwischen Communities und Versorgung.

5) Beitrag Charité (Dr. med. M.A. Adak Pirmorady): Erschwerter Zugang zu psychosomatischer/psychotherapeutischer Versorgung

Dr. Pirmorady schilderte Barrieren beim Zugang zu psychosomatischer und psychotherapeutischer Versorgung – insbesondere für Menschen mit erschwertem Systemzugang. Sie hob hervor, dass trotz vorhandener Versorgungsstrukturen nur ein Teil der Betroffenen tatsächlich in Behandlung ankommt, u. a. aufgrund langer Wartezeiten, regionaler Unterschiede und Schnittstellenprobleme zwischen ambulanter und stationärer Versorgung.

6) Übergreifende Erkenntnisse und Implikationen

Über alle Beiträge hinweg verdichteten sich vier Leitlinien:

  • Health Equity ist strukturell: Zugang, Diskriminierung und soziale Lage wirken zusammen und prägen Gesundheitschancen.
  • Gerechtigkeit braucht bedarfsorientierte Ressourcenverteilung („Equity statt Equality“) und lebensweltbezogene, niedrigschwellige Versorgungsmodelle.
  • Community-orientierte Versorgung gelingt nur mit Communities – inklusive Machtkritik, fairer Kooperation und nachhaltiger Stärkung lokaler Strukturen.
  • Psychotherapeutische Versorgung bleibt ein Engpass: Vernetzte, diversitätssensible und zugangserleichternde Pfade sind zentral, um Bedarf und Versorgung besser zusammenzubringen.