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Ausflug nach Kloster Oberschönenfeld: PRO RETINA Regionalgruppe Augsburg meets Kultur

Marions und Thomas' Hände tasten den Druckstock ab.
Kunst fühlen. Foto Barbara Magg
Oda Bauersachs steht vor dem Bild und misst seine Breite. Im Hintergrund das Zitat: "Es malt nur so aus mir heraus".
Karl Siegfried Büchner: Der Maler. Foto Barbara Magg
Anne, Marion, Thomas, Brigitte und Petra hören Odas Erklärungen gespannt zu. Im Hintergrund sieht man die Dachbalken des Obergeschosses.
Bildbetrachtung. Foto Barbara Magg
Anne ertastet den Text an den Tafeln von Adi Hoesle.
Braille-Buchstaben in Großformat. Foto Barbara Magg
Oda formt mit ihren und Marthas Händen die Umrisse des Kunstwerks von Burga Endhardt. Martha erkennt die Umrisse eines Ballkleides.
Kunst vermitteln. Foto Barbara Magg
Thomas, Marion und Margit am Pferdegatter
Spaziergang durch die Westlichen Wälder. Foto Gudrun Arndt

„Was hat eine Sehbehinderten- und Blindengruppe im Museum zu tun?“, wird sich so mancher unter uns fragen. Dieser Bericht soll bei allen, die das noch nicht ausprobiert haben, Interesse wecken!

Sehbehinderten- und blindengerechte Führung im Kunstforum Oberschönenfeld

Am Freitag, den 13. Februar 2026, brachen 13 Teilnehmer*innen der Lauf- und Kulturgruppe zu einer gemeinsamen Unternehmung ins Museum Oberschönenfeld auf.
Das Museum liegt etwa 22 Kilometer von Augsburg entfernt auf dem Klostergelände Oberschönenfeld, wo die Zisterzienserinnenabtei seit über 800 Jahren ansässig ist.

Um unser Ziel zu erreichen, nahmen wir, die Sehbehinderten- und Blindengruppe mit unseren sehenden Begleitungen, den Zug bis Gessertshausen.

Von dort spazierten wir bei schönem, trockenem Wetter mit manchem Sonnenglück durch die wundervolle Landschaft der Westlichen Wälder. Am Flüsschen Schwarzach entlang, vorbei an einem Pferdegestüt, Hühnerhof, einem Weiher, durch Felder und Himbeerplantagen führte uns der Weg schließlich aufs Klostergelände.

Unser erster Weg ging in die Hofbäckerei, wo wir uns von dem berühmten Holzofenbrot und anderen regionalen Leckereien zum Probieren und Einkaufen verlocken ließen.

Und schon war es Zeit für unseren Besuch im Kunstforum, das im ehemaligen Bräumeisterstadl untergebracht ist. Hier erwartete uns die Museumspädagogin, Oda Bauersachs, zu einer einstündigen interaktiven Führung durch die Ausstellung „Inside out – Neuzugänge" mit Werken von 13 zeitgenössischen Künstler*innen, deren Bekanntheit weit über die schwäbische Region hinaus reicht. Ihre Kunstwerke wurden vom Kunstforum in jüngster Zeit durch Ankäufe und Schenkungen erworben.

Der erste, sehr hallende Raum im Erdgeschoss zeigte vorwiegend in Schwarz-Weiß gehaltene Kunstdrucke mit sozialpolitischem Inhalt: So erzählt beispielsweise die Mappe „Vom Glück des Friedens“ von Jörg Scherkamp in geometrisch-kubistischen, oft scherenschnittartigen Formen und symbolhaften Figuren von den Menschen in Vietnam.

Sehr anschaulich brachte Frau Bauersachs uns die unterschiedlichen Drucktechniken wie Linolschnitt oder Holzschnitt nahe, und wir durften die Materialien und Werkzeuge, die der Entstehung der Werke dienten, selbst in die Hand nehmen: Wir befühlten Linol- und Holzschnittplatten, spitzige Schnitzwerkzeuge, unterschiedlich schwere Druckrollen und schnupperten sogar an Farbflaschen.

Nachdem wir die alte Holztreppe hochgestiegen waren, empfing uns im Dachgeschoss eine völlig andere Atmosphäre: Alles klang gedämpfter, auch heimeliger, und durch die alten Holzbalken des historischen Dachstuhls strömte ein warmer Geruch.

Ein besonders auffälliges Gemälde zog sogleich die Aufmerksamkeit auf sich. Es zeigte ein ungewöhnliches Selbstportrait des Malers Karl Siegfried Büchner und wurde von Teilnehmerinnen als „gruselig“ und „dramatisch“ beschrieben. Aus den Beschreibungen zur Farbigkeit in Leuchtendrot und Orange-gelb und der verlaufenden Maltechnik ergab sich das Motiv des Malers „Es malt nur so aus mir heraus“ sehr eindrucksvoll sogar für den nicht sehenden Betrachter.

Eine Installation von Stephan Huber, einem zeitgenössischen Objektkünstler aus dem Allgäu stellte eine aus Dental-Gips gegossene Bergwelt auf einem Sockel mit hängenden Kumuluswolken vor einem Fenster stehend dar. Oda Bauersachs erläuterte die Beweggründe des Künstlers und die filigrane Darstellung der personengroßen Bergskulptur. Anne beschrieb sehr anschaulich den Effekt, als ob plötzlich ein Sonnenstrahl durchs Fenster fiel und die Skulptur in Licht und Schatten teilte. Da ich selbst noch eine Lichtwahrnehmung auf einem Auge habe, fühlte es sich für mich wie ein „weißer glitzernder Zauberberg“ an.

Beim folgenden Kunstwerk tauchten wir in eine völlig andere Dimension ein. Oda Bauersachs nahm Marthas Hände und zeichnete mit ihnen in der Luft ein Werk der Künstlerin Burga Endhardt als Umriss nach. Martha erfasste es an den Formen sogleich als ein Ballkleid.

Die sehr jung verstorbene Künstlerin hatte das Bild im Original mit Aquarellfarbe auf Transparentpapier gemalt und das Kleid, nachdem die Farbe verlaufen war, mit einem Grafitstift nachskizziert. Selbstverständlich durften wir das Originalbild nicht abtasten, dafür jedoch Papiermuster und den Grafitstift befühlen.

Das Highlight der Ausstellung war für uns alle eine Installation des Künstlers Adi Hoesle mit Versen des Gedichts „Styx“ von Else Lasker-Schüler, die an drei großen Wandtafeln in eine Form von Brailleschrift umgesetzt waren.

Adi Hoesle hatte sich nach seiner beruflichen Tätigkeit in der Intensivmedizin mit dem Thema „Gehirn/Brain“ auf verschiedenen Ebenen auseinandergesetzt.

Für die ca. 150 cm hohen und 200 cm breiten Tafeln im Kunstforum brachte er halbkugelförmige „Braillepunkte“ nach dem 6-Punkte-System der Blindenschrift an. Erst nach gründlichem Abtasten ließ sich die Ähnlichkeit der einzelnen „Punkte“ mit einem menschlichen Gehirn nachvollziehen.
Jeder „Braillepunkt“ hatte etwa einen Durchmesser von eineinhalb Zentimetern und war wie ein Gehirn in zwei „Hemisphären“ durch eine durchgängige taktile Furche unterteilt. Auch die Hälften fühlten sich fein geriffelt an, ähnlich wie die Hälften einer Walnuss: Ich konnte sie mir sehr gut als Gehirnwindungen vorstellen.

Für Sehende war diese künstlerische Arbeit mit weißem Brailleschrift-Relief auf schwarzem Hintergrund ein absoluter Blickfang, ohne den Text erfassen zu können. Für die Blindenschriftgilde ließen sich die Verse entziffern, wenn auch nicht ganz mühelos, weil man die Zeichen nicht unter den „Lesefinger“ zu spüren bekam wie in der Literaturschrift auf Papier gewohnt – man musste die Punkte eines Buchstabens bei diesem Werk einfach zählen und gedanklich zusammensetzen!

Dafür kamen wir in den Genuss der Übersetzung der Braille-Installation durch Oda Bauersachs‘ empathisches Vorlesen der „Styx“-Verse von Else Lasker-Schüler.

Viel zu schnell verflog unsere Zeit im Museum, wo noch so viele spannende Kunstgegenstände auf uns gewartet hätten.

Den genussreichen Abschluss unseres Ausflugs lieferte uns ein gutes Mittagessen im gemütlichen Klosterstüble, bevor wir uns wieder auf den Heimweg machten.

An dieser Stelle ein Dankeschön für die Begleitung von Barbara, die im Museum arbeitet und die Frau eines unseres sehenden Guides ist. Unser Dank gilt allen Begleitungen und besonders Marlies Freundin, die drei Teilnehmerinnen, die nicht so gut zu Fuß waren, mit dem Auto chauffiert hat.
 

Und schließlich die Eindrücke unserer Teilnehmer*innen:

Roland (Begleitung):
„Es war eine sehr interessante Führung: nicht einfach ein Vortrag zu den Kunstwerken, sondern eine lebendige Interaktion zwischen der Museumspädagogin, den Besuchenden mit Seheinschränkungen und den Begleitern.“

Barbara (Begleitung):
„Ich erlebte einen besonders eindrücklichen Moment, als die Museumspädagogin und Martha gemeinsam mit den Händen die Umrisse eines Kunstwerks formten und Marta dabei sofort ein Ballkleid erkannte. Ich bin begeistert, wie gut der Ausflug konzipiert und vorbereitet war. Die Fahrten haben super geklappt, und die Zeiten für die Fußwege, die Führung, das Essen waren perfekt vorauskalkuliert.“

Martha (sehbehindert):
„Ich war froh um meine sehende Begleitung, da ich sonst gar nicht hätte teilnehmen können. Die Beschreibungen der Museumspädagogin waren für mich bildhaft nachvollziehbar. Besonders gut gefallen hat mir, dass sie auch die Hintergründe erklärt hat und dass wir die Materialien und Werkzeuge in die Hand nehmen durften.“

Thomas (Begleitung)
„Der Ausflug war inspirierend und trotzdem entspannt. Die Museumsführerin hat es großartig gemacht. Sie war super gut vorbereitet und hatte ein tolles Konzept, um den Zugang zu den Kunstwerken auch denjenigen zu ermöglichen, die nicht so gut sehen wie ich.“

Marion (blind):
„Mir hat es besonders gut gefallen, dass unsere Museumspädagogin sehr auf die unterschiedlichen Seheinschränkungen und damit auf die Bedürfnisse der einzelnen Teilnehmer*innen eingegangen ist. Die gesamte Führung war ein sehr bereicherndes Miteinander und hat den Gedanken der INKLUSION sehr gut ins Leben transportiert.


Frau Bauersachs hat uns schon eine Ankündigung zu einem kommenden Thema der Blasmusik gemacht, bei der junge Musiker*innen alte Traditionen fortführen ….

Wir sind beiderseits sehr gespannt auf weitere interaktive Aktionen!

Augsburg, im März 2026
Marion Goth