100 Kilometer in 24 Stunden

Von Anne Kinski

PRO RETINA Mitglied Anne Kinski nimmt am 21. September an „Dein Ostseeweg 100“ teil. „Dein Ostseeweg 100“ ist ein 100 Kilometer langer Rundweg mit Start und Ziel im Ostsee-Heilbad Bad Doberan. Anne wird den Lauf nutzen, um Spenden zu sammeln für die Forschungsförderung der PRO RETINA.

Meine Vorgeschichte

Schon in meiner frühen Kindheit kam ich zum Laufen. Mein Vater Klaus Kinski läuft, seitdem ich denken kann. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Wettkampf – da war ich ungefähr vier oder fünf Jahre alt. Drei Kilometer durch den Küstenwald mit Einlauf ins Stadion. Das Stadion habe ich an der Hand meines Vaters erreicht. Er fand mich beim Blättersammeln. Ich hatte vergessen, was ich machen sollte.

Ab da probierte ich mich in vielen Sportarten aus. 2002 lief ich meinen ersten Bergmarathon in Davos in der Schweiz. Ein Jahr später dann der Stadtmarathon in Stockholm. Viele weiter folgten. Sport war ein ständiger Begleiter für mich, ohne dass ich je darüber nachgedacht hätte, warum. Vielleicht war und bin ich immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Und die sollten recht bald kommen.

Im Januar 2008 erhielt ich die Diagnose Leukämie. Zu der Zeit lebte ich in Köln. Beruflich liefs rund. Ich war erst kurz zuvor nach Köln gezogen, hatte eine teure, aber tolle Wohnung und meinen ersten eigenen Dienstwagen. Das passte mir alles gar nicht. Meine ersten Gedanken waren nicht etwa: „Oh Gott, was kommt da auf mich zu?“ oder „Werde ich sterben?“ Meine ersten Gedanken waren, und ich erinnere mich noch genau an den Tag: „Oh Mist, muss ich jetzt wieder mein Auto abgeben?“ und „Wie sage ich es bloß meinen Eltern, ohne dass sie gleich in Ohnmacht fallen?“ Und alles, was dann in den nächsten 13 Monaten auf mich zukam, arbeitete ich wie eine neue Projektherausforderung ab. Mein Ziel war es, jede Phase der Therapie schnell und möglichst ohne Zeitverlust zu durchlaufen.

Ich lag auf der Station 13b, das heißt 13. Stock links. Ich rannte so gut wie jeden Tag zehn Stockwerke hinunter, weiter ging es im Treppenhaus nicht, und wieder hinauf. Es war nicht immer leicht, aber ich hatte ein Ziel. Ich musste dort so schnell wie möglich wieder raus. Ich sah, wie Mitpatientinnen und -patienten nach und nach abbauten und immer schwächer wurden. Das wollte ich auf keinen Fall. Ich musste unbedingt fit bleiben und mich bewegen – so gut es eben ging. Zu der Zeit arbeiteten die Studierenden der Sportuni an der Studie „Sport gegen Krebs“. Natürlich nahm ich an dieser Studie teil. In diesem Zusammenhang war ich sogar mal in einer 20-Sekunden-Sequenz im RTL Nachtjournal zu sehen (schmunzel).

Kurzum, ich wurde nach 13 Monaten als genesen entlassen. Ich arbeitete knappe fünf Monate und es erwischte mich erneut. Nichts Ungewöhnliches, dennoch hätte ich gern darauf verzichtet. Mein einziger Lichtblick war, dass die Therapie beim zweiten Mal im besten Fall nur drei Monate dauern würde. Am 13. Januar 2010 erhielt ich die erlösende Stammzellspende und im Juni reiste ich schon wieder nach New York, um meine Freundin besuchen. Ich hatte es ihr schließlich versprochen.

Meine Motivation

Als ich im Oktober 2015 die Diagnose Retinitis pigmentosa (RP) erhielt, war es anders. Mir war schnell klar, dass ich diese Erkrankung nicht mit sportlichem Ehrgeiz und einer positiven inneren Einstellung abarbeiten konnte. Ich musste aufpassen, die Motivation nicht zu verlieren, denn ich wusste, dass es noch keine Heilung gibt. Es ließ sich auch nicht ignorieren, dass es mit dem Sehen nicht besser wurde.

Mein Vater erzählte mir im September vergangenen Jahres eher beiläufig, dass einer seiner Laufkumpels als Begleitung seiner Schwester den 24-Stunden-Ostseewanderweg gelaufen war. Das wars! Ab da wusste ich, was ich zu tun hatte. Ich war fest entschlossen: Am 11. September 2021 würde ich dabei sein. Ich werde für mich und die gute Sache unterwegs sein. Es soll ein Spendenlauf werden. Das ist es, was ich tun kann. Die Forschung fördern, damit wir dem Ziel immer näherkommen, Augenerkrankungen wie RP bald auch heilen zu können.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine Bedenken, obwohl unklar war, wer mich eigentlich begleiten würde und wie ich überhaupt mit meiner RP durch die Nacht käme. Dafür war das mir bekannte schöne Gefühl wieder da, das sich einstellt, wenn sich eine neue Herausforderung zeigt. Und einmal mehr werde ich mir und diesmal auch anderen Menschen beweisen: Der Wille eröffnet Wege, die andere für unmöglich halten.

Meine Hoffnung

Meine Hoffnung ist, Menschen zu erreichen und sie darin zu bestärken, dass es sich immer zu kämpfen lohnt. Egal, in welcher Lebenslage sie sich befinden. Ich bin schon vielen Menschen begegnet, die sagen, dass sie allein sowieso nichts ändern können und es deshalb gar nicht erst versuchen. Ich bin überzeugt davon, dass der medizinische Fortschritt dazu führt, dass bald auch fortschreitende und bis dato nicht behandelbare Augenerkrankungen therapiert werden können. So wie es bei der Leukämie möglich geworden ist, Menschen mithilfe einer Knochenmarktransplantation das Leben zu retten. Und dabei möchte ich unterstützen.

Zuletzt geändert am 07.09.2021 09:54