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Der Nocebo Effekt - Wenn Erwartungen krank machen
Von Dr. Sandra Jansen
„Ich habe den Beipackzettel gelesen und seitdem geht es mir schlechter.“ Solche Aussagen hören Ärztinnen und Ärzte immer wieder. Dahinter kann mehr stecken als bloßer Zufall. Unsere Erwartungen beeinflussen, wie wir Beschwerden wahrnehmen. Während der Placebo-Effekt beschreibt, dass positive Erwartungen Symptome lindern können, bezeichnet der Nocebo-Effekt das Gegenteil. Negative Erwartungen können Beschwerden verstärken oder sogar neue Symptome hervorrufen. Wichtig ist dabei: Die Beschwerden sind nicht eingebildet. Sie werden tatsächlich erlebt. Der Unterschied besteht darin, dass sie nicht oder nicht ausschließlich durch die Behandlung selbst ausgelöst werden.
Wie entsteht ein Nocebo-Effekt?
Der Nocebo-Effekt beruht auf einem Zusammenspiel aus Gehirn, Nervensystem und Psyche. Erwartet ein Mensch Nebenwirkungen oder eine Verschlechterung, verarbeitet das Gehirn körperliche Signale anders. Normale Empfindungen, die sonst kaum auffallen würden, können plötzlich als Beschwerden wahrgenommen werden. Gleichzeitig werden Stressreaktionen aktiviert. Dabei spielen unter anderem Botenstoffe sowie Stresshormone eine Rolle. Sie können Schmerzen verstärken und das allgemeine Wohlbefinden beeinträchtigen. Die biologischen Mechanismen sind inzwischen gut untersucht, auch wenn noch nicht alle Zusammenhänge verstanden wurden.
Was zeigen klinische Studien?
Der Nocebo-Effekt ist kein seltenes Phänomen. In Studien berichten Teilnehmende regelmäßig über Nebenwirkungen, obwohl sie lediglich ein Scheinmedikament erhalten haben. Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schwindel oder Übelkeit treten häufig auch in den Placebogruppen auf. Das bedeutet nicht, dass Medikamente keine Nebenwirkungen verursachen. Es zeigt vielmehr, dass ein Teil der Beschwerden unabhängig vom Wirkstoff entstehen kann.
Welche Bedeutung hat das für die Augenheilkunde?
Auch in der Augenheilkunde können Nocebo-Effekte eine Rolle spielen. Wer vor einer intravitrealen Injektion oder einer Laserbehandlung große Angst vor Nebenwirkungen hat, nimmt Beschwerden möglicherweise intensiver wahr. Das bedeutet jedoch nicht, dass auftretende Symptome automatisch auf einen Nocebo-Effekt zurückzuführen sind. Gerade in der Augenheilkunde gilt das Gegenteil: Eine plötzliche Sehverschlechterung, starke Schmerzen, Lichtblitze oder ein Schatten im Gesichtsfeld müssen immer augenärztlich abgeklärt werden. Solche Beschwerden dürfen niemals vorschnell als Nocebo-Effekt eingeordnet werden.
Für Menschen mit erblichen Netzhauterkrankungen gibt es bislang keine überzeugenden wissenschaftlichen Belege dafür, dass Nocebo-Effekte den Krankheitsverlauf beschleunigen. Viele Betroffene berichten zwar, dass sich ihr Sehen in belastenden Situationen verschlechtert. Ob dabei Erwartung, Stress oder andere Faktoren eine Rolle spielen, ist bisher nicht ausreichend untersucht.
Die Herausforderung für Ärztinnen und Ärzte
Ein Spannungsfeld entsteht: Einerseits müssen Patientinnen und Patienten umfassend über mögliche Risiken einer Behandlung informiert werden. Andererseits können ausführliche Warnungen die Erwartung von Nebenwirkungen verstärken und dadurch Nocebo-Effekte begünstigen. Die Lösung besteht nicht darin, Informationen zurückzuhalten. Vielmehr kommt es darauf an, wie Risiken kommuniziert werden. Studien zeigen, dass eine ausgewogene und verständliche Aufklärung dazu beitragen kann, unnötige Ängste zu vermeiden, ohne die informierte Entscheidung der Patientinnen und Patienten einzuschränken.
Kritisch betrachtet
Der Begriff Nocebo wird inzwischen häufig verwendet. Das birgt auch Risiken. Nicht jede Nebenwirkung ist ein Nocebo-Effekt. Medikamente können echte, zum Teil schwerwiegende Nebenwirkungen verursachen. Ebenso können sich Erkrankungen unabhängig von Erwartungen verschlechtern. Der Nocebo-Effekt erklärt daher nur einen Teil der Beschwerden. Er darf niemals dazu dienen, Symptome zu bagatellisieren oder Betroffenen zu vermitteln, ihre Beschwerden seien lediglich eine Frage der Einstellung. Eine sorgfältige medizinische Abklärung bleibt immer die wichtigste Grundlage.
Zusammenfassend
Der Nocebo-Effekt zeigt, dass Erwartungen unser körperliches Erleben beeinflussen können. Er ist wissenschaftlich gut belegt und besitzt eine praktische Bedeutung für die medizinische Versorgung und für klinische Studien. Gleichzeitig sollte der Begriff mit Bedacht verwendet werden. Nicht jede Nebenwirkung und nicht jede Verschlechterung einer Erkrankung lässt sich dadurch erklären. Gerade für Menschen mit Netzhauterkrankungen gilt: Neue oder zunehmende Beschwerden sollten immer ernst genommen und augenärztlich abgeklärt werden.
Quellen:
Benedetti F, Frisaldi E et al. Placebo and nocebo effects and mechanisms associated with pharmacological interventions: an umbrella review. BMJ Open. 2023;13.
Colloca L et al. Placebo and nocebo effects: from observation to harnessing and clinical application. Translational Psychiatry. 2022.
Evers AWM et al. Harnessing placebo effects and mitigating nocebo effects: implications for clinical practice. Lancet Psychiatry. 2025.