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Berlin im Dialog - GESUNDHEITSWESEN KONTROVERS DISKUTIERT

Nach der Reform ist vor der Reform: Wie wird das Gesundheitssystem zukunftssicher?

Am 13. November 2025 nahm die Interessenvertretung von PRO RETINA Deutschland e.V. in Berlin an der Fachtagung „Berlin im Dialog – GESUNDHEITSWESEN KONTROVERS DISKUTIERT“ teil, ausgerichtet von der Bayer Vital GmbH und der Vivantes – Netzwerk für Gesundheit GmbH. 

Unter dem Titel „Nach der Reform ist vor der Reform: Wie wird das Gesundheitssystem zukunftssicher?“ versammelten sich hochrangige Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Industrie, Krankenhausträgerschaft und Patientenvertretung. Geleitet wurde die Veranstaltung von Chairman Prof. Dr. Volker Ulrich (Universität Bayreuth) und der Moderation durch Yvonne Peterwerth (Bayer Vital GmbH) sowie Dr. med. Mina Baumgarten (Leiterin Versorgungsinnovationen, Vivantes) und Christoph Lang (Vivantes).

Die Interessenvertretung war an beiden Tagen der Veranstaltung vor Ort und konnte sich unter anderem insbesondere mit Vertretern der „Dierks und Company“ sowie von Bayer und dem Deutschen Schwerhörigenbund vernetzen. 

Die Veranstaltung fokussierte sich auf die drängendsten Herausforderungen des deutschen Gesundheitssystems: die akute Notwendigkeit struktureller Reformen, die Finanzierung von Innovationen vor dem Hintergrund explodierender Kosten, der globale Wettbewerb im Pharma- und Biotechnologiesektor, und die essenzielle Rolle der Datennutzung zur Steigerung von Effizienz und Versorgungsqualität. Generell wurde der Ruf nach mehr politischem Mut, Klarheit in der Zielsetzung und Geschwindigkeit in der Umsetzung laut, um den Gesundheitsstandort Deutschland zukunftsfähig zu gestalten.

 

Standortbestimmung: Zwischen globalem Wettbewerb und internem Reformstau

Christian Lauterbach (Geschäftsführer, Bayer Vital GmbH) eröffnete die Veranstaltung mit einer alarmierenden Standortbestimmung und betonte die Notwendigkeit von Mut, Regeln zu hinterfragen und neue Kollaborationen einzugehen. Er hob hervor, dass Deutschland und Europa im internationalen Innovationswettbewerb, insbesondere im Vergleich zu den USA und China, massiv an Geschwindigkeit verlieren. Während China bereits 30 Prozent aller klinischen Studien weltweit durchführe (Europa nur 20 Prozent), sei die regulatorische Geschwindigkeit in Europa zu gering. Zulassungen dauerten hier typischerweise 430 Tage, verglichen mit 290 Tagen in der Schweiz, und Genehmigungen für klinische Studien lägen in Europa bei 110 Tagen, im Gegensatz zu 35 bis 60 Tagen in den USA und Großbritannien. Dies resultiere darin, dass Patienten in Europa durchschnittlich 450 Tage nach der Zulassung auf innovative Medikamente warten müssten.

Nils Dehne (Geschäftsführer, Allianz Kommunaler Großkrankenhäuser e.V.) beschrieb den Zustand des deutschen Gesundheitssystems drastisch als „Intensivstation“. Er sah die Hauptursache der Krise in der Demografie und kritisierte die politischen Reaktionen darauf als Stückwerk und „Zick-Zack-Kurs“. Insbesondere die Schaffung des sogenannten Sofort-Transformationsfonds in Höhe von 4 Milliarden Euro, gefolgt von einer Reduzierung der zugesagten Mittel um 1,8 Milliarden Euro (Spahnpaket), sei uninspiriert und schaffe Verunsicherung statt stabiler Rahmenbedingungen. Dehne betonte, dass der Druck auf den Gesundheitsfonds hoch bleibe und die Verschiebung oder Verzögerung der Krankenhausreform lediglich „das Leiden der Krankenhäuser verlängert“. Er appellierte an die Akteure, selbst ins Handeln zu kommen, Kooperationen zu verstärken (auch mit der Industrie, beispielsweise bei der gemeinsamen Nutzung von Cloud-Systemen und Daten) und die Digitalisierung konsequenter voranzutreiben.

Thomas Müller (Leitung Abteilung 1, BMG) bekräftigte aus der Sicht des Bundesgesundheitsministeriums die Notwendigkeit, sowohl die 90 Prozent der Basisversorgung (Generika, Resilienz) als auch die 5 bis 10 Prozent der innovativen Versorgung zu sichern. Er warnte davor, den Anspruch auf die „Grenze der Entwicklung“ aufzugeben, da dies Wohlstandsverlust und Abhängigkeit bedeute. Müller hob hervor, dass disruptive Prozesse nicht nur in der IT, sondern auch in der Biotechnologie stattfänden, welche die Arzneimitteltechnologie der Zukunft sei. Dies zeige sich in Blockbustern und dem dynamischen Anstieg des Anteils biologischer Arzneimittel. Eine aktuelle Herausforderung sei die Frage der Biologika/Biosimilars und deren Substitution, die aufgrund ihrer komplexeren Produktion und Anwendung (z.B. bei Antikörpern) anspruchsvoller sei als die Generikaregelung für kleine Moleküle.

Weiterhin stellte Müller die Herausforderung der US-Handelspolitik dar, insbesondere das „Most Favored Nation Concept“ unter Präsident Trump, das auf Deutschland ziele, da hier hohe Preise für Innovationen gezahlt würden. Diese Gefahr sei aktuell, weshalb der Pharma Dialog (eine zentrale Priorität von Ministerin Warken) Antworten finden müsse, die den Standort Deutschland schützen und gleichzeitig die Patientenversorgung sichern. Er skizzierte die AG-Struktur des Pharma Dialogs, die sich unter anderem mit Generika/Resilienz, Digitalisierung/Daten, AMNOG 2.0 (Anpassung an neue Technologien) und Preisbildung/Erstattung befassen wird.

 

Wie sichern wir die Versorgung mit innovativen Arzneimitteln?

Der zweite Themenblock widmete sich der Finanzierung und Steuerung des Innovationsbereichs, basierend auf den Empfehlungen des Sachverständigenrats für Gesundheit und Pflege (SVR).

Prof. Dr. Leonie Sundmacher (TU München, SVR-Mitglied) legte dar, dass der Kostenblock der Arzneimittel von Platz drei auf Platz zwei der Gesamtausgaben der GKV gestiegen sei. Insbesondere die Ausgaben für patentgeschützte Arzneimittel mit Nutzenbewertung seien in den letzten fünf Jahren um 17 Prozent gestiegen, wobei deren Anteil am gesamten Arzneimittelumsatz von unter 20 Prozent (2016) auf über 40 Prozent (2024) gewachsen sei. Trotz dieser hohen Ausgaben liege Deutschland bei den Gesundheitsergebnissen (Outcomes) nur im Mittelfeld.

SVR-Vorschläge: Prof. Sundmacher plädierte für eine enge Bindung des Preises an den tatsächlich zusätzlichen Nutzen, insbesondere in der Regelversorgung. Sie schlug vor, das Orphan Drug Privileg (das einen fiktiven Zusatznutzen bescheinigt) fallen zu lassen und Anreize für Forschung stattdessen über die Preissetzung zu gewähren, da in der Erstbewertung von Orphan Drugs bereits in fast 70 Prozent der Fälle RCT-Daten vorlägen. Essenziell sei der Ausbau der Forschungsdateninfrastruktur (Register-basierte RCTs, Verknüpfung der 400 Register), deren Kosten größtenteils durch die öffentliche Hand getragen werden sollten. Ein weiterer Kernvorschlag war die Einführung eines Interimspreises (bzw. Erstattung basierend auf den Jahrestherapiekosten der zweckmäßigen Vergleichstherapie – ZVT) bis zum Abschluss der Preisverhandlungen, um die hohe Ankerwirkung des Initialpreises zu reduzieren. Der SVR forderte zudem eine konzeptionelle Trennung von Standortförderung (die über Steuermittel und Wirtschaftspolitik erfolgen sollte) und Preisgestaltung.

Prof. Josef Hecken (Unparteiischer Vorsitzender, G-BA) unterstützte diese konzeptionelle Trennung nachdrücklich und bezeichnete die Beimischung von Wirtschaftsförderung in die GKV-Preisdebatte als „ordnungspolitisch fehlschlagende Debatte“. Er verwies darauf, dass die GKV als Pflichtversicherung eine angemessene, zweckmäßige und wirtschaftliche Versorgung schulde, aber kein Instrument der Wirtschaftsförderung sei. Hecken lieferte harte Zahlen zur Kostenkonzentration: 1,27 Prozent der Verordnungen (Onkologika, Orphan Drugs) generieren 33 Prozent der Netto-Ausgaben. Er wies auf die unzureichenden Gesundheits-Outcomes in Deutschland hin, wie die vorletzte Position bei der 30-Tage-Sterblichkeit nach Myokardinfarkt. Er konstatierte zwei „Webfehler“ im geltenden AMNOG: Erstens sei es auf RCTs (randomisierte, kontrollierte Studien) ausgerichtet, was bei hochspezialisierten, molekularbiologischen Therapien nicht immer möglich sei. Zweitens sei AMNOG für die sequentielle Therapie konzipiert, nicht aber für die heutzutage üblichen Kombinationstherapien, was die Preisverhandlungen verzerrt.

 

Daten retten Leben: Datenschutz als Ermöglichungsgrundlage

In diesem Abschnitt wurde die Rolle der Daten für Forschung, Versorgung und Innovation beleuchtet. Prof. Dr. Louisa Specht-Riemenschneider (Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit) hielt den Impuls. (Die Details ihres Impulses sind nicht im vorliegenden Transkript enthalten, jedoch wurde die anschließende Diskussion von Dr. Axel Diefenbach und Prof. Dr. Irit Nachtigall geführt.)

Dr. Axel Diefenbach (Global Data Privacy Business Partner, Bayer R&D) bekräftigte, dass es für die Industrie essenziell sei, Datenschutz nicht als Hürde, sondern als Rahmenbedingung für die Datennutzung zu verstehen. Die Forschung sei auf große, interoperable Datenmengen angewiesen. Prof. Dr. Irit Nachtigall (Direktorin Vivantes Institut für Hygiene & Umweltmedizin) betonte, dass die Datenverfügbarkeit der entscheidende Faktor für datengetriebene Spitzenmedizin sei.

Es wurde herausgestellt, dass im Medizinforschungsgesetz (MFG) zwar gute Ansätze für eine beschleunigte Forschung verankert sind, deren Umsetzung jedoch stockt (z.B. fehlen standardisierte Forschungsverträge). Nils Alwardt (Leiter IT & Digitalisierung, Vivantes) und Dr. Christian Müller (Lead Data Generation, Bayer) stellten in einem Praxisbeispiel dar, dass die Schaffung kooperativer Datenpools und der Aufbau von Biobanken immense Anstrengungen erfordere und eine Frage der wirtschaftlichen Bewertung der Daten sei: Krankenhäuser müssten für die Bereitstellung dieser hochwertigen Daten adäquat partizipieren können, um die dafür notwendige Infrastruktur zu finanzieren.

 

Quo vadis Gesetzgebung? Das politische Ringen um Mut und Klarheit

Die abschließende Podiumsdiskussion mit den politischen Akteuren Tino Sorge, Dr. Janosch Dahmen und Dr. Siiri Ann Doka fokussierte sich auf die politische Machbarkeit der notwendigen Reformen.

Tino Sorge MdB (Parlamentarischer Staatssekretär, BMG) forderte, bei den strukturellen Debatten über die GKV-Finanzierung disruptiver zu denken und nicht reflexartig Vorschläge (wie Patientensteuerung oder Eigenverantwortung) als rote Linien abzulehnen. Er verteidigte den Pharma Dialog als den richtigen Weg, um strukturelle Lösungen zu finden, anstatt singuläre, populistische Maßnahmen wie eine isolierte Erhöhung des Herstellerabschlags zu ergreifen, die keinen nachhaltigen Effekt hätten. Zum Thema Krankenhausreform verteidigte er das Hospital-Anpassungsgesetz als notwendige „Nachjustierung“ und nicht als Rückabwicklung.

Dr. Janosch Dahmen MdB (Gesundheitspolitischer Sprecher, Bündnis 90/Die Grünen) sah das Land durch die aktuelle Gesundheitspolitik zunehmend verunsichert. Er kritisierte den Mangel an Stabilität und Orientierung, was ein gutes „Ökosystem für Populisten“ schaffe. Herr Dahmen bekräftigte die Notwendigkeit einer erheblichen Konzentration der Krankenhauslandschaft und lehnte das Hospital-Anpassungsgesetz in seiner jetzigen Form als zu zögerlich ab. Er forderte ehrliche Prävention (durch verhältnispräventive Eingriffe bei Alkohol, Tabak, Zucker) zur Senkung der Krankheitslast. Mit Blick auf die Krise plädierte er für ein Gesundheitssicherstellungsgesetz, das nicht nur die Finanzierung von Vorräten und Notfallplänen, sondern auch die Rechtsgrundlagen für Personal- und Ressourcensteuerung in Krisenfällen regele.

Dr. Siiri Ann Doka (Referatsleiterin Gesundheitspolitik, BAG Selbsthilfe e.V.) betonte, dass die Patientenvertretung die Krankenhausreform grundsätzlich begrüße, da sie die Abbau von Gelegenheitsversorgung verspreche. Sie warnte jedoch, dass die Reform nur gelingen könne, wenn die ambulante Versorgung funktioniere (Barrierefreiheit, Terminverfügbarkeit) und die Sektorengrenzen überwunden würden. Ihre größte Sorge sei die zunehmende finanzielle Belastung der Patienten durch höhere Eigenanteile und Zuzahlungen, da die Patienten die Probleme des Systems bereits durch erhöhte Selbstbeteiligung (etwa bei Terminschwierigkeiten) wahrnähmen.

Die Diskussion endete mit einem gemeinsamen Appell an die Politik, „Mut für Klarheit“ zu beweisen und Entscheidungen zu treffen, die zwar kurzfristig unpopulär sein mögen, aber strukturell notwendig sind, um Spitzenforschung und Spitzenversorgung langfristig zu sichern.

 

Fazit und Ausblick

Im abschließenden Fazit durch Christian Lauterbach und Dr. Johannes Danckert (Vivantes) wurde die Veranstaltung als wichtige Plattform für die komprimierte Darstellung der Herausforderungen gewürdigt. Es herrschte Konsens, dass die Kernprobleme – Kostenexplosion im Innovationsbereich, globale Wettbewerbsfähigkeit und der Mangel an Umsetzungsgeschwindigkeit im föderalen System – dringender Lösungen bedürfen. Die Teilnehmer stimmten überein, dass eine funktionierende Zukunft des deutschen Gesundheitswesens nur durch eine konsequente Überwindung der Silostruktur, eine strategische Trennung von Standortförderung und Preispolitik sowie eine mutige Beschleunigung der Datennutzung und Forschung erreicht werden kann.