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Sehbehindertengerechte Stadtführung durch die schöne Weserstadt Rinteln am 18.10.25

von Christian Schulte

Nach 2005, 2013 und 2019 habe ich am 18. Oktober die vierte sehbehindertengerechte Stadtführung durch meine Heimatstadt Rinteln gemacht. Das Wetter war die ganze Zeit über sonnig, aber etwas kühler als zuvor. Insgesamt nahmen 27 Interessierte an der Führung durch die historische Altstadt teil. Auch ein Herr von der Zeitung war zumindest die erste Zeit dabei. 

Ein Großteil der Teilnehmenden trafen sich um 10:50 Uhr am Ernst-August-Denkmal vor dem Hauptbahnhof Hannover. Sie waren zum Beispiel aus Braunschweig, Celle, Burgdorf, Achim bei Bremen, Verden oder Bad Münder. Die Gruppe wurden von Manfred Bressel und Claudia Rieke in Empfang genommen. Zusammen ging es dann zu Gleis 12, wo um 11:09 Uhr pünktlich die Westfalenbahn abfuhr. 

Auch in Bückeburg kam sie zur angegebenen Zeit an. Das war auch wichtig, da der Bus nach Rinteln schon sieben Minuten später losfuhr. 

Ich fuhr unterdessen mit dem Fahrrad zum Rintelner Bahnhof in der Nordstadt. Ein Ehepaar aus Ostwestfalen war direkt mit dem Auto dorthin gekommen. Nach einer Weile fanden wir uns (ich kannte sie vorher noch nicht). Zwischen Löhne und Rinteln gab es zu dieser Zeit einen Schienenersatzverkehr, es fuhr also ein Bus. Dieser sollte schon um 12:04 Uhr am Bahnhof sein, hatte aber recht viel Verspätung. Immerhin kam der Bus aus Bückeburg relativ pünktlich gegen 12:15 Uhr dort an. Ich begrüßte alle persönlich. Die meisten hatten schon eine Begleitung gefunden. Vier Teilnehmende aus Bielefeld wollten eigentlich auch mit dem Schienenersatzverkehr kommen, jedoch war nur eine Teilnehmerin aus Vlotho darin. Claudia sagte, dass die Bielefelder direkt mit dem Taxi zum Lokal kommen. 

So führte ich die Teilnehmenden durch die Nordstadt von Rinteln Richtung Süden. Kurz vor der Weserbrücke befindet sich das griechische Lokal Mykonos, in dem ich Plätze für uns reserviert hatte. Ein Ehepaar aus Bad Salzdetfurt, welches mit dem Auto gekommen war, erwartete uns schon. Während wir auf das Essen warteten, unterhielten wir uns schon angeregt. Viele kannten sich schon, andere noch nicht. 

Da die Stadtführung um 14:15 Uhr starten sollte, mussten wir uns mit dem Essen und Bezahlen etwas beeilen. Ich führte die Gruppe über die Weserbrücke. Wer noch etwas sehen kann, sah im Hintergrund die Berge des Weserberglands, aber auch den alten Hafen, die St. Sturmius-Kirche und auf der anderen Seite das hohe Hotel Brückentor. 

Der Weg zum Startpunkt der Führung am Miniaturformat der Altstadt befindet sich am Beginn der Fußgängerzone. Es ist auf einem Betonsockel angebracht. Hier erwarteten uns schon Hans Weimann von der Schaumburger Zeitung und ein Ehepaar aus Rinteln, welches durch die Vorabmeldung der Zeitung auf die Führung aufmerksam geworden war. Er ist auch sehbehindert und war früher lange Vorsitzender aus Behindertenbeirats in Rinteln. Später erzählte er, dass es zehn Jahre gedauert hat, bis dieses Miniaturformat endlich realisiert werden konnte. Es ist aus Bronze, wurde in Handarbeit gefertigt und hat 35.000 Euro gekostet. Herr Pollmann sagte, dass er damals als Behindertenbeiratsvorsitzender auch Geld für die Anschaffung gespendet hätte. Wie mir gesagt wurde, wird vieles auch in Blindenschrift bezeichnet. 

Zunächst begrüßte ich noch einmal die Anwesenden. In der Spitze waren 27 Interessierte dabei, bis auf einen alle die ganze Zeit. In meinem Vortrag berichtete ich über Daten und einige Fakten zur Stadt Rinteln, wie auch über die Gründung im Jahr 1239 durch Graf Adolf IV zu Holstein-Schaumburg. Das damalige Stadtgebiet umfasste die heutige Altstadt, also alles südlich der Weser. Die Stadt umzäunte eine Stadtmauer. Die Straßen und Gassen waren damals schon so angeordnet wie heute, wie auch der Markt- und Kirchplatz im Zentrum. Die St. Nikolai-Kirche, die wir später besucht haben, wurde wenig später erbaut. Da durch Kriege wenig zerstört wurde, stehen etliche Fachwerkhäuser schon seit vielen hundert Jahren. Sie sind in der Regel gut erhalten. Die Menschen in Rinteln lebten damals von der Landwirtschaft im Süden der Stadt, es gab aber auch Handwerker, Bäcker und Fleischer und auch der Fischfang in der Weser trug zur Ernährung bei. Da zu dieser Zeit viele Frachtschiffe auf der Weser unterwegs waren, gab es auch eine Zollstation für weitere Einnahmen. Da der Zoll in die Hand gezahlt werden musste, hieß das damals „rin teln“ (reinzahlen). Dadurch soll es zum Namen Rinteln gekommen sein. 

Nachdem viele das Miniaturformat ertastet hatten, ging es ein kleines Stück die Fußgängerzone entlang und zu einem Trinkwasserbrunnen, der erst zwei Tage davor freigegeben wurde. Ich kannte ihn daher auch noch nicht. Er war kleiner als erwartet und eine Art Kasten. Wenn man hinten auf einen Knopf drückt, kommt verne Leitungswasser heraus. Wenn man kein Trinkgefäß dabeihat, muss man die Hand darunter halten oder den Mund. Einige nutzten die Chance, um das Rintelner Wasser zu schmecktn. Ich war froh, dass wir auch diesen Sinn in die Führung einbauen konnten. Der Brunnen wurde eingerichtet, da die Sommer oft heißer werden und die Menschen dann in der Stadt mit Flüssigkeit versorgt werden können. 

Jetzt führte ich die Teilnehmenden zum Beginn der Mühlestraße. Wo heute ein großes Ärztehaus steht, befand sich viele Jahre lang eine große Wassermühle. Durch die Kraft des Weserwassers wurde Getreide gemahlen. Etwas später kamen wir zu einem Teil der stehengebliebenen nördlichen Stadtmauer. Diese konnten wir ertasten, wie auch erhabene Figuren und Gegenstände, die dort als Fischerrelief angebracht waren. Es gab einen Fischer, ein Netz, ein Boot und einen Fisch zu ertasten. Weiter ging es zu dem letzten Festungsturm. Hier hat man Ausschau nach Feinden gehalten, die die Stadt überfallen könnten. Das geschah während der 30-jährigen Kriegs mehrfach, aber auch danach durch den Landgrafen von Hessen-Kassel. So wurde Rinteln und einige angrenzenden Orte, wie Hessisch Oldendorf gut 150 Jahre hessisch. Sie errichteten in Rinteln eine große Verwaltung mit vielen Beamten von dort. Der Rintelner Stadtrat hatte kaum noch etwas alleine zu entscheiden, was zu Unmut in der Bevölkerung führte. Es konnten nur die Dinge umgesetzt werden, die der Landgraf befürwortete. Auf der anderen Seite konsumierten die Beamten aus Kassel auch in Rinteln, was den heimischen Geschäften zu Gute kam. Als Napoleons Truppen Anfang des 19. Jahrhunderts Rinteln eroberten, änderten sich für einige Jahre die Machtverhältnisse, aber weiter zum Nachteil der Rintelner Bevölkerung. 

Bevor ich mit der Stadtgeschichte fortfuhr gingen wir die Brennerstraße Richtung Süden entlang. Hier sieht man alte Fachwerkhäuser neben neueren Gebäuden. Es gibt in der Innenstadt auch Ackerbürgerhäuser. Sie haben ein großes Tor, sodass früher die Ernte mit großen Erntewagen eingefahren werden konnte. Auch Tiere lebten damals im unteren Bereich der Häuser. 

Dann kamen wir zum ehemaligen Heimatmuseum. Darin befindet sich heute ein Lokal. Es ist gut restauriert worden und links und rechts des Eingangs konnten wir zwei Löwen aus Stein auf dem Boden sitzend ertasten. Über dem Eingangstor befindet sich, wie auch über manch anderen Häusern eine Innschrift. 

Auf dem weiteren Weg entdeckten wir weitere schöne Fachwerkhäuser. Die über dem Erdgeschoss liegenden Stockwerke gingen oft weiter nach vorne. Dies machte man, da man nur die Grundfläche des Hauses bezahlen musste und oben dann mehr Wohnfläche hatte. Die Flächen zwischen dem Fachwerkholz sind nicht nur weiß, sondern auch in anderen Farben gestrichen. Gerade südlich des Kirchplatzes befinden sich viele dieser Häuser in einer Reihe. Herr Pollmann sagte, dass sie unter Denkmalschutz stehen. Ein anderer Teilnehmer merkte an, dass die Hausfassanden nicht verändert werden dürfen. 

Am Rand des Kirchplatzes befindet sich der Glasbläserbrunnen. Zur dieser Zeit war er abgeschaltet. Er ist recht groß. In der Mitte steht eine Stele mit einem Mann, der mit einem Werkzeug Glas bläst. Ich erzählte die Bedeutung des Brunnens. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts baute man eine feste Brücke zur Nordstadt, um dort auch Industrie anzusiedeln. Der größte Arbeitgeber war die Glashütte Stoevesand, die es heute noch unter anderem Namen gibt. Die Arbeiter mussten dort auch in Häusern untergebracht werden. Es siedelten sich auch andere Firmen an. 1875 wurde dann der Rintelner Bahnhof eingeweiht, der einen Anschluss an das Schienennetz bot. So konnte man produzierte Waren ausliefern und Rohstoffe mit dem Zug herantransportieren. Es entstanden zu der Zeit auch viele Vereine. 

In den 1920-er und 1930-er Jahren gab es immer größere Konflikte zwischen der linken Arbeiterschaft und den konservativen Bürgerlichen, die immer mehr nach rechts tendierten. Während der Nazi-Herrschaft wurde nach und nach alle Rintelner Juden deportiert. Als zum Kriegsende die Amerikaner von Süden anrückten, sprengten die Nazis im Norden die Weserbrücke in die Luft, damit die Truppen nicht in den Norden kommen sollten. Allerdings gab es zu dieser Zeit schon Flugzeuge, Hubschrauber und Schiffe …

Die Weserbrücke war schon im Dezember 1946 wiederaufgebaut. Durch die Vertriebenen aus dem Osten kamen viele Menschen auch nach Rinteln, die untergebracht werden mussten. Auch die britischen Besatzer ließen sich hier nieder, sodass innerhalb weniger Jahre in der Nordstadt viele Straßen, Häuser und sonstige Infrastruktur entstehen musste. Die Stadt wuchs immer weiter und hat heute mit den 18 Ortsteilen etwa 26.000 Einwohner/innen. 

Anschließend betraten wir noch die nahe St. Nikolaikirche, eine große Hallenkirche. Wir sahen und ertasteten die Kanzel und den Altar. Nicht weit davon entfernt befindet sich eine menschgroße Nachtwächter-Figur. Die Nachtwächter sorgten damals in der Stadt für Ordnung. Dem Kirchplatz schließt sich der Marktplatz an. Er ist umrahmt von historischen Fachwerkhäusern und dem alten Rathaus mit einer Gastronomie aus Sandstein. Im Erdgeschoss der Häuser befinden sich Geschäfte, oben wohnen teils die Inhaber/innen. Hier findet zwei Mal im Jahr eine Messe (Kirmes) statt, wie auch der Weihnachtsmarkt und das Altstadtfest im Sommer. 

Am Ende des Marktplatzes befindet sich die Fußgängerzone. Sie gibt es seit 2003. Davor fuhren hier noch viele Fahrzeug, bis 1984 war es sogar eine Bundesstraße. Bis 1968 fuhr dort zudem die Extertalbahn, die Personen und Waren vom südlichen Landkreis Lippe durch die Stadt Richtung Bahnhof transportierte. Gerade in der schmalen Klosterstraße muss das sehr eng gewesen sein. Da ich zu dieser Zeit noch nicht geboren war, erzählte Herr Pollmann etwas darüber. In der Fußgängerzone erinnert noch das Restaurant und Hotel Stadt Kassel an die hessische Zeit. 

Nun führte ich die Teilnehmenden durch die enge Giebelgasse. Hier konnte man in die Fenster im Erdgeschoss schauen, wenn keine Gardinen oder Vorhänge vor den Fenstern waren. Auch in der Bäckerstraße gibt es viele schöne Fachwerkhäuser, deren Türrahmen wir auch ertasten konnten. Dann ging eine Gruppe schon vorab durch eine Gasse zum Kollegienplatz. Hier befand sich früher die Universität Ernestina, die vier Fakultäten bot und bis 1809 geöffnet hatte. Danach wurde sie von Napoleon geschlossen. Es entstand aber das Gymnasium Ernestinum, welches sich jedoch seit 1975 in einem Neubau südwestlich der Innenstadt befindet. Danach war hier die Orientierungsstufe, die Realschule und zuletzt die IGS untergebracht, die aber inzwischen auch ein neues Gebäude hat. 

Dahinter stamd sich bis zur Reformation ein Kloster. Dies wurde dann abgerissen und die St. Jacobi-Kirche gebaut. Da viele von den hessischen Beamten evangelisch-reformiert waren, wollten sie eine eigene Kirche haben. Auf der anderen Seite ist der Prinzenhof, ein schönes mehrstöckiges Fachwerkhaus. Über die Neue Exter geht es in den Blumenwall, eine Art Stadtpark mit Rasenflächen, vielen alten Bäumen, einem Spielplatz und dem westlichen Stadtwall, der aber heute deutlich niedriger ist, als damals. Auch hat sich die Stadt nach Westen inzwischen ausgedehnt, jedoch auch nach Süden wie dem Industustriegebiet Süd. Durch eine Gasse ging es wieder zum Marktplatz zurück. Hier gibt es ein Café, in dem einige von uns einen Kaffee tranken und ich ein Stück Kuchen aß. Gegen 16:30 Uhr führte ich die Gruppe durch die Weserstraße und die Weserbrücke wieder in die Nordstadt und zum Bahnhof zurück. Bevor die Teilnehmenden, die nach Hannover zurückwollten, in den dort schon stehenden Zug stiegen, machten wir vor dem Bahnhof in der Sonne noch Gruppenfotos. Am Bahnsteig verabschiedete ich alle. Sie fuhren zunächst nach Elze und dann weiter in die Landeshauptstadt. Ich fuhr mit dem Fahrrad wieder nach Hause. 

Alle sagten, dass es ihnen in Rinteln sehr gut gefallen hat und sie sich die Stadt gar nicht so schön und groß vorgestellt hatten. Da hat sich die viele Mühe wohl gelohnt. 

In der Schaumburger Zeitung erschien wenige Tage später ein ganzseitiger Artikel mit Fotos. Auch auf der Titelseite gab es ein großes Bild von uns am Fischerrelief zu sehen. Hierin wurde nicht nur über diese besondere Stadtführung berichtet, sondern auch darüber, was es für unterschiedliche Augenkrankheiten gibt und wie die entsprechenden Menschen sehen bzw. welche Hilfsmittel sie nutzen.